Fehde

von Tanja Offermann

Eine Kurzgeschichte über die 1352 zerstörte Burg auf der mittlerweile abgetragenen Basaltkuppel des Hohenseelbachskopfes, oberhalb von Herdorf und Altenseelbach/Neunkirchen auf der heutigen Landesgrenze zwischen Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen.

Mit Illustration der Burg in Anlehnung an den Grundriss in Josef Hoffmanns „Hohenseelbach“ (Herdorf, 1954)

Dumm waren die Seelbacher Ritter nicht. Nur am Mittag wanderte stets einer hinter den Zinnen der Burg umher. Bei Sonnenschein, wenn Balduin und seine Bogenschützen nicht zu der Festung aufsehen konnten, ohne dass ihnen die Augen tränten.

Balduin hob eine Hand an die Stirn und versuchte trotzdem, den Mann zu erkennen. Ein dunkler Strich vor der Sonne, der ab und zu innehielt, um zu den Belagerern hinabzublicken, dann drehte und weiterwanderte. Bald war er wieder verschwunden. Balduin versuchte, sich unter der Kettenhaube zu kratzen. Ab morgen würde er das Ding nicht mehr jeden Tag überziehen. Das hier konnte sich Monate hinziehen – wenn nicht gar Jahre! Sie hätten eingreifen sollen, bevor die Burg fertiggestellt worden war.

Der Nacken wurde ihm steif davon, nach oben zu starren. Selbst das Haus, unbefestigt bis auf die Reste einer sehr viel älteren Anlage, das dieses gottlose Geschlecht zuvor dort oben bewohnt hatte, wäre schwer einzunehmen gewesen. Nur ein einziger Weg führte auf die Hügelkuppe, vielleicht nicht einmal breit genug für einen Wagen. Balduin stellte sich vor, wie selbst die Burgherrin ihren Hügel zu Fuß erklimmen musste, weil die Kutsche nicht auf den Weg passte.

Er schüttelte den Kopf. Wer sich eine Burg an einen solchen Ort stellte, schrie doch geradezu in die Welt hinaus, dass er sich Feinde gemacht hatte. Angeblich ließ der Seelbacher überall verbreiten, dass durchreisende Adelige herzlich willkommen seien, aber wer würde schon freiwillig über den schmalen Weg die Basaltsäulen hinaufkriechen, wenn unten im Tal ein netter kleiner Ort lag, mit einem einwandfreien Gasthaus?

Wenn er doch nur in einem Gasthaus hätte schlafen können, oder direkt in der Burg! Irgendwo, wo es ein richtiges Bett gab für seine alten Glieder.

Natürlich zweifelte er nicht an dem Feldzug. Er war immerhin seine eigene Idee gewesen.

Schuldbewusst blickte er in den strahlend blauen Himmel.

Selbstverständlich mit deiner Hilfe, allmächtiger Vater. Mit Gottes Hilfe hatte er es bis zum Erzbischof Triers gebracht, er würde auch dieses Mal eine Lösung schicken.

Trotzdem rief Balduin nach dem Jungen, der ihm aus dem Kettenpanzer half. Er wurde zu alt, um den ganzen Tag über in dem Ding herumzustolzieren.

„Irgendetwas Neues?“

„Stehen da und gucken blöd. Der alte Gockel sieht aus, als wollte er noch heute die Mauern stürmen.“ Volprecht hielt die Tür offen als wollte er noch jemanden einlassen, aber nur der fette gestreifte Kater watschelte hindurch. Gertruds Mann ließ sich auf einen Stuhl fallen und der Kater auf seinen Schoß.

„Wir werden belagert und du fütterst die Katze fett.“ Gertrud konnte das Schnurren durch den ganzen Raum hören.

„Du übertreibst. Die sind erst seit einer Woche da. Außerdem sind das die ganzen Ratten aus dem Stall.“

Gertrud schnaubte. Sie sah doch bei jeder Mahlzeit, wie ihr Gatte Brocken von seinem Teller schubste. Wenigstens verschwendete er nur seine eigenen Rationen. Seufzend stand sie auf und trat zu den beiden. Der Kater bohrte Volprecht die Krallen ins Bein, sobald ihre Finger sein Fell berührten. „Er gehört in den Stall.“

„Ich weiß. Ich bringe ihn gleich raus.“ Volprecht ließ ab von dem Tier und nahm stattdessen ihre Hände in seine. Das Tier maunzte beleidigt, ließ die Krallen spielen und setzte sich schließlich erwartungsvoll vor die Tür. Volprecht drückte sanft Getruds Hände und öffnete dem Kater die Tür.

Von draußen schallten die Rufe des Bischofs hinein. Dass der noch nicht heiser war!

„Kannst du nicht wenigstens sagen, dass er still sein soll? Sonst nehme ich mir einen Bogen und schieße ihn ab.“

Volprecht lachte nur. „Eine Armbrust wäre besser. Lass ihn, er will uns mürbe machen.“

„Dich will er mürbe machen, nicht mich. Du bist derjenige mit dem Schlüssel.“ Eine Weile lauschten sie beide den Rufen nach dem Burgherren, Seelbacher Ritter, räuberischer Hund, gottloser Vagabund.

„Rede mit ihm, bevor ihm noch die Beleidigungen ausgehen“, bat Gertrud. Sie würde sich noch die Ohren abschneiden, wenn der Mann nicht bald Ruhe gab. „Was kann schon passieren?“

„Ein Pfeil durch meine Brust beispielsweise. Nein. Ich habe genug geredet mit dem Bastard.“

Gleichzeitig erklang draußen dieselbe Beleidigung. Volprecht verzog das Gesicht. „Geh du doch, wenn du ihn unbedingt unterhalten willst.“

„Vielleicht mache ich das ja“, rief sie seinem Rücken hinterher – wohin auch immer er unterwegs war in der verschlossenen Burg. Vermutlich ging er wieder zu den Jagdhunden oder sprach mit seinem Pferd. Ihr Mann verlor noch den Verstand, wenn der Bischof nicht bald abzog.

„Komm raus, du Pestbeule!“

Wieso eigentlich nicht?, schoss es Gertrud durch den Kopf. Dass sie besser reden konnte als Volprecht war schon seit dem ersten und bisher einzigen Gespräch der beiden Männer klar. Der fette Kater konnte besser reden als Volprecht.

Sie trat mit gestrafftem Rücken auf den Hof. Balduin war vieles, machthungrig sicherlich nicht zuletzt, aber nach allem, was sie über ihn gehört hatte, hätte er sie selbst aus dem Haupttor unbehelligt treten lassen. Er würde nicht auf eine Frau schießen lassen. Sicher nicht.

Ohne Unterlass wiederholte sie diese Litanei in Gedanken, sodass sie kaum die hastigen Schritte hörte, die ihr nachkamen, als sie den Fuß auf die Treppe setzte.

„Das war ein Scherz“, wisperte Volprecht, die Hand an ihrem Arm.

„Für mich nicht.“ Sie machte sich los und raffte ihr Kleid.

„Ich bitte dich.“ Er drängte sich an ihr vorbei und stellte sich breitbeinig auf die Treppe, als würde sie wie einer der Hunde versuchen, an seinen Füßen vorbeizuhuschen. „Weißt du, wie gefährlich das ist?“

„Ja. Gar nicht. Jetzt mach Platz.“ Sie trat näher an ihn heran und senkte die Stimme. „Oder soll ich dich von der Treppe stoßen? Du weißt, dass ich das mache.“

„Und um dich mache ich mir Sorgen“, brummte er und trat beiseite. „Weiber.“

Sie schenkte ihm ein Lächeln und trat in den Wind, der auf der Mauer wehte. Mit einer Hand schützte sie ihre Haube, mit der anderen war sie versucht, sich wenigstens ein Ohr zuzuhalten. Noch immer brüllte der Bischof pausenlos nach dem Burgherrn.

Zwei Wachen flankierten sie. Als hätte das etwas genutzt, wenn die Feinde auf sie schießen wollten. Gertrud senkte den Blick vom Horizont, wo nutzlos die Freusburg herumstand, auf die Wälder zwischen ihrer Burg und der anderen, ließ ihn über die Zeltstadt wandern, die beinahe Herdorf unten im Tal verdeckte, und hielt ihn schließlich auf dem Mann, der auf halbem Wege die Rampe zu ihrem Tor hinauf Stellung bezogen hatte.

Hätte Balduin doch nur direkt vor dem Tor gestanden. Aus der Höhe von den Basaltklippen zu stürzen hätte ihn selbst in den dicken Bischofsroben, die er seinem Kettenpanzer heute vorgezogen hatte, umgebracht.

Sie wäre selbst nach draußen getreten, um ihm den letzten Stoß zu versetzen, unter Beschuss, wenn nötig, wenn er sie nur in Frieden ließe. Aber das würde nicht geschehen. Balduin war nicht allein, wenn er starb, würde nur ein anderer kommen, der noch lauter schrie.

„Was wollt Ihr?“, rief sie zu dem alten Mann herunter.

„Wo ist Euer Gatte?“

Sie verdrehte die Augen. Kirchenmänner – schlimmer als alle anderen. „Verhindert. Ihr redet mit mir oder mit niemandem.“

„Wo sind seine Brüder?“

„Soll ich auch seinen Esel herholen? Herrgott!“ Sie drehte sich abrupt um, wobei sie beinahe mit Gerhard zusammenstieß.

„Da haben wir ja einen Bruder.“ Sie schob den verdutzten Jungen an die Zinnen. „Bitte sehr.“

Balduins Schnauben hörte sie auch im Wind. „Ist hier auch irgendjemand, der zu Verhandlungen berechtigt ist?“

„Ihr wollt verhandeln? Was bietet Ihr uns denn an?“ Gertrud konnte sehen, wie der Bischof die Augen so sehr verdrehte, dass sein Kopf der Bewegung folgte. Neben ihr hatte Gerhard sich angespannt. Sie legte ihrem jüngsten Schwager beschwichtigend die Hand auf den Arm, aber er schüttelte sie ab.

„Meinen Abzug, natürlich.“ Balduin breitete gönnerhaft die Arme aus.

Er ließ sie wieder fallen, als Gerhard abwinkte. „Danke, wir verzichten.“

Gertrud musste angesichts von Balduins Gesichtsausdruck ein Lachen unterdrücken. Ob der Geistliche wusste, dass sie es vor seiner Ankunft nur noch geschafft hatten, die Vorräte einzulagern, nicht aber die Mäuler, die damit gestopft werden sollten? Tag und Nacht arbeitete die Dienerschaft daran, haltbar zu machen, was immer ging.

Sie konnten ihn aussitzen. Ewig konnte er seine Truppen nicht unterhalten. Selbst wenn er Geld und Verpflegung haben sollte, das waren Soldaten. Irgendwann würden sie sich langweilen, so wie Volprecht und seine Brüder sich gelangweilt hatten.

Balduin hatte sich wieder im Griff. „Welchen Vorteil du auch glaubst zu besitzen, Junge, ich versichere dir, dass ich im Recht bin.“

Musste er das jetzt erwähnen? Ja, die Brüder hatten sich über die Grenze gewagt, aber dass sie dort etwas Unrechtmäßiges getan hatten konnte er ihnen nie und nimmer nachweisen.

„Eure Anschuldigungen sind lächerlich!“ Gerhard stützte sich auf die Zinne und lehnte sich so weit über die Brüstung, als wollte er dem Bischof auf den Kopf spucken. Getrud zerrte ihn einen Schritt zurück.

„Lass dich darauf nicht ein“, zischte sie.

„Du bist nicht meine Mutter“, kam die patzige Antwort. Unter ihrem Blick schrumpfte der Bengel zusammen und scharrte mit den Füßen. „Entschuldige.“

„Bezichtigst du einen Vertreter der Mutter Kirche der Lüge?“

„Allerdings“, knurrte Gertrud für den Bischof unhörbar, dann hing sie den Kopf wieder über die Mauer. „Nein, aber der Dummheit.“

Die Bemerkung erzielte nicht die erhoffte Wirkung. Stattdessen lächelte der Mann milde und faltete die Hände. „Kommt herab, mein Kind. Der Umgang in diesem Gemäuer tut Euch nicht gut. Seht Ihr nicht, dass es einer Dame nicht geziemt, so zu sprechen?“

Gertrud knirschte mit den Zähnen. „Wenn ihr sonst nichts zu sagen habt“, rief sie nach unten, „dann entschuldigt uns jetzt bitte. Der Junge braucht sein Mittagessen und ich finde sicher noch eine Stickerei, die auf eine Damenhand wartet.“

Gerhard schien sich noch weiter streiten zu wollen, aber sie packte ihn am Arm und zog ihn mit sich, bevor doch ein Bogenschütze beschloss, den Reigen möglicher Burgherren auszudünnen.

„Dass Euer Gatte eine Dame in solche Dinge nicht einweiht, gereicht ihm zur Ehre“, erklang von unten wieder Balduins Stimme. „Aber hat er sich noch nicht gefragt, wo seine Verstärkung bleibt?“

Den Fuß schon auf der obersten Stufe hielten Gertrud und Gerhard inne. Die Wachen auf der Mauer und der Schweinehirte unten im Hof starrten sie an. Beim Zählen der Tage kam sie dreimal durcheinander, bevor ihr endlich aufging, dass die Boten schon vor zwei Wochen losgeschickt worden waren. Wenn nicht jeder andere Seelbacher sich das Schwert erst noch schmieden lassen musste, waren sie alle längst überfällig.

„Hol deine Brüder.“ Gerhard rannte mit einem Nicken los ins Wohnhaus. Die Suche nach Volprecht übernahm Gertrud selbst.

Sie fand ihn im Stall, wo er seinem Pferd über die Nüstern strich. Das Tier war heute nicht in Stimmung, es stieß ihm immer wieder den Kopf vor die Brust.

„Lass den Gaul in Ruhe und komm.“

Volprecht zuckte merklich zusammen, dann drehte er sich um. „Ich dachte schon, sie hätten die Stalltür aufgebrochen.“

Sie beide warfen einen Blick auf die Barrikaden, die den kleinen Durchgang blockierten.

„Ich hoffe, das hättest du vorher gehört.“ Sie zog an seiner Hand. „Bitte komm jetzt.“

„Ist wohl nicht so gut gegangen?“

„Ich hätte eine Armbrust mitnehmen sollen.“

Balduin beobachtete den Mann mit den fettigen blonden Haaren bei jedem Schritt, die Mundwinkel in Abscheu verzogen. Die Seelbacher mochten seine Feinde sein und die Männer noch anmaßender als dieses Weib, aber es lag nicht an dem Boten, die Rechtmäßigkeit seines Herren zu beurteilen. Balduin verstand Gottes Winke. Er hatte Burg um Burg eingenommen und seinen Einflussbereich, und damit den der Mutter Kirche, vergrößert. Jeden Erfolg hätte der Allmächtige verhindern können, aber er hatte es nicht getan. Das konnte nur der Befehl sein, fortzufahren.

Der Kerl, der sich gerade unaufgefordert an Balduins Wein gütlich tat, hatte, wenn man es so betrachtete, ganz ähnliche Befehle gehabt: er hatte an einen bestimmten Ort ziehen sollen. Mit dem Brief.

Die Nachricht hatte Balduin längst verbrannt, aber die Bezahlung des Mannes behielt er noch.

„Kannst du das Siegel fälschen?“

„Mh.“ Der Bote klatschte sich die eigene Hand vor die Stirn. „Das hätte ich stehlen sollen. Hab ich vergessen.“

„Damit er dir gleich den nächsten Reiter hinterhergesandt hätte? Nein, es war richtig, dich bedeckt zu halten.“ Richtig vielleicht, und auch in Gottes Sinne, aber trotzdem hätte die Entscheidung nicht der Mann selbst fällen dürfen. Schon wieder sah er sich im Zelt um, als suchte er nach dem versprochenen Geld.

Balduin atmete tief durch und genehmigte sich ebenfalls einen Schluck. Gott hatte die Gier des Mannes geleitet. Mit Sicherheit war es so gewesen.

„Würden sie dir eine mündliche Nachricht glauben?“

„Mir schon, jedenfalls einige. Die wichtigen eben. Aber die kleineren Familien werden das Siegel sehen wollen.“

„Die kleineren können wir vernachlässigen. Von denen werden es ohnehin die wenigsten wagen, gegen mich zu marschieren.“ Achtundneunzig Familien, die den Zusatz von Seelbach trugen. Auch wenn Balduins Informant nicht sagen konnte, zu wie vielen davon Boten geschickt worden waren, konnte er immerhin sagen, welche von denen auch ohne entsprechenden Ruf von der Burg Hohenseelbach in den Krieg ziehen würden.

Wie Judas zum Herrn Jesus Christus wollte er ihn zu diesen Familien schicken – aber er hatte gewusst, dass der Kerl noch nützlich werden würde. Gottes Wege mochten unergründlich sein, Balduin jedoch wusste ihnen zu folgen. „Dann reite sofort los und überzeuge sie davon, dass ihr Eingreifen nicht mehr nötig ist.“

„Hättet Ihr nicht so schnell den Brief verbrannt, hätte ich das Siegel vielleicht ablösen können.“

„Sattel deinen Gaul und erinnere mich nicht ständig daran, dass du besser hängen solltest.“

Der Bote zuckte nur mit den Schultern und leerte seinen Weinbecher. „Sag’s ja nur. Ist ja gut.“ Er hob beschwichtigend die Hände und Balduin spürte, wie sein Kiefermuskel auf der rechten Seite zu zucken anfing. „Bin schon unterwegs.“

Draußen brüllte er Befehle, als sei er der Befehlshaber des Lagers. Balduin wanderte durch sein Zelt und das Geräusch seiner Schritte lenkte ihn von der bellenden Stimme des Judas ab. Zuerst hatte er sich über die Verzögerung, die die nicht überbrachten Befehle für die Seelbacher bedeuteten, gefreut. Fast hätte er dem Mann für seine Dienste das Himmelreich selbst versprochen. Aber er hatte sich gebremst, eine bescheidene Belohnung angeboten und angedeutet, dass noch mehr zu holen sein könnte. Er spielte dieses Spiel schon länger als seine Gegner. Niemand stieg durch Nettigkeiten zum Erzbischof auf.

Auf die Idee mit den gefälschten Befehlen hätte er sofort kommen und das verdammte Siegel nicht zusammen mit dem Brief verbrennen sollen. Aber er wurde nicht jünger. Gott würde ihm beistehen, und wenn nicht, dann wüsste Balduin zumindest, dass seine Zeit gekommen war. Er lächelte fast bei der Vorstellung, einzuschlafen ohne die schlüpfrigen Sauflieder durchs Lager schallen zu hören. Morgens Holz unter den Füßen zu spüren anstatt sein Kreuz damit zu ruinieren, sich die Grashalme zwischen den Zehen hervor zu zupfen – das war schon lange der Tagtraum, mit dem er sich durch Regentage brachte.

Wenigstens hatten sie die Belagerung nicht im Herbst begonnen. Wenn die Sonne weiter so schien, würde den Seelbachern ihr gewaltiger Brunnen austrocknen, bevor der Bote auch nur auf dem Pferd saß. Groß genug, um sein Reittier darin zu ertränken, hatte der Mann behauptet.

Er trat nach draußen und sah noch die Rückseite der grauen Stute. Er hatte schon wieder vergessen, nach dem Namen des Boten zu fragen.

Nun, mit etwas Glück würde sich das Problem von selbst lösen. Balduin konnte sich nicht vorstellen, dass irgendjemand die Gesellschaft dieses Kerls besonders schätzte. Hoffentlich ließ er sich erst abstechen, nachdem er seine gefälschten Botschaften überbracht hatte.

Erst vor dem Zelt hörte er die Stimmen. Oben auf der Burg stritten sie, dass es bis ins Lager hinunterschallte.

„Der Kirchenmann phantasiert und du willst die Burg übergeben?“ Gertrud konnte Johann über die Schulter seines jüngeren Bruders kaum sehen, aber Friedrich blieb zwischen den beiden stehen.

„Davon hat niemand etwas gesagt, aber irgendwer sollte hier endlich das Denken übernehmen.“ Gertrud macht einen Schritt zur Seite, um Johann endlich offen ansehen zu können, aber Friedrich folgte der Bewegung mit einem besorgten Blick auf beide.

„Davon hat wirklich niemand etwas gesagt“, mahnte auch Volprecht. „Und es wird auch niemand. Selbst wenn sich unsere Leute verspäten, wir haben Zeit.“

„Natürlich haben wir Zeit, aber nicht bis zum jüngsten Gericht. Irgendwann sind die Vorräte aufgebraucht.“

„Fängst du schon wieder damit an?“

Trotz Friedrich, dem menschlichen Schild, machte Gertrud einen drohenden Schritt auf Johann zu. „Es ist und bleibt die Wahrheit, auch wenn du dir die Finger in die Ohren steckst. Wir müssen anfangen, darüber nachzudenken, wie wir den Bischof wieder loswerden.“

„Gib mir den Torschlüssel und ich zeige dir, wie.“ Johann hielt Volprecht die offene Hand hin, aber der älteste der vier Brüder schlug sie beiseite und stand auf, um im Raum auf und ab zu gehen.

„Hat er irgendwelche Forderungen gestellt?“

Getrud und Gerhard schüttelten die Köpfe.

„Natürlich nicht“, brauste Johann auf. „Er will unseren Tod. Er ist doch nicht hier, weil wir einmal über die Stränge geschlagen haben. Er will unser Land.“

Friedrich hielt unauffällig zwei Finger hoch, was Johann mit einem Winken abtat.

„Ihr wart zweimal drüben?“ Mit Johann hielt sich Gertrud nicht auf, sie fixierte Friedrich mit ihrem Blick.

Ihr Schwager zuckte mit den Schultern.

Johann gab seinem jüngeren Bruder einen Stoß.

„Das lässt sich jetzt nicht mehr ändern“, sagte Volprecht am anderen Ende des Raumes und kam zurückgewandert.

„Du hast davon gewusst?“ Im nächsten Moment hatte Gertrud schon sein schlechtes Gewissen erkannt in den Augen, die sie nicht ansehen wollten und den hochgezogenen Schultern, als hätte er einen kalten Wind gespürt. „Du warst dabei?

„Wir haben niemanden überfallen.“ Volprecht schien sich selbst kaum zu glauben. „Die haben angefangen.“

Gertrud sah sich nach einem Verbündeten um, aber selbst Gerhard schien seine Stiefel viel interessanter zu finden als die Unterhaltung. Sie schloss die Augen und atmete mit geblähten Nasenflügeln einige Male tief durch. „Den Jungen habt ihr also auch mitgenommen.“

Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Gerhard zu einem Protest ansetzte, aber der jüngste Bruder beherrschte sich.

Kopfschüttelnd ging sie zur Tür. „Macht, was ihr wollt. Der Bischof ist ein arroganter Mistkerl, aber ein Ehrenmann. Ich kann die Burg verlassen, wenn ich möchte.“

Die Männer brüllten sich noch zwei, drei Sätze lang an, dann öffnete sich die Tür erneut. Sie war schon fast die Treppe hoch und in ihrem Schlafzimmer angekommen. Die Schritte hatten die Treppe erreicht, gerade als sie die Tür hinter sich schloss.

Als die Tür sich öffnete, erwartete sie für einen Moment Johann dahinter. Vor ihrem inneren Auge sah sie ihn mit gezogenem Schwert das Zimmer stürmen.

Aber es war Volprecht, der langsam eintrat und die Tür hinter sich schloss. Er ließ sich mit einem Seufzer aufs Bett fallen.

Gertrud legte sich zu ihm, die Hände auf dem Bauch gefaltet.

„Johann droht, die Burg anzustecken, bevor er sie übergibt. Er hat was gefaselt vom Baum unten im Hof. Dass er erst herauskommt, wenn der zu Stein geworden ist.“

„Johann kann froh sein, dass er nicht der älteste ist. Wenn er hier entscheiden dürfte, wäre das alles schon viel früher passiert.“

Volprecht schwieg eine Weile. „Johann ist ein Trottel, keine Frage“, sagte er dann. „Aber wir haben so lang darauf gewartet. Unsere eigene Burg.“

„Ich weiß. Ich durfte euren Vater noch kennen lernen.“

„Glaubst du, sie hätte ihm gefallen?“

„Genau so hat er sie immer beschrieben.“ Woher der alte Mann diese genaue Vorstellung genommen hatte, wusste sie nicht. Aber so oft hatte ihr Schwiegervater jedem, der zuhörte, von der Burg erzählt, die seine Familie einmal bewohnen sollte, dass jedes Bauernkind der Gegend sie hätte nachbauen können.

„Wir können noch warten“, sagte Volprecht. „Wenn die Vorräte zur Neige gehen, können wir immer noch verhandeln. Oder?“

Sie nickte und machte ein Geräusch, das er hoffentlich als Zustimmung wertete.

Wenn sich nur Balduin nicht zuvor daran erinnerte, dass er maßlos überlegen war.

Balduin wagte kaum, sich schlafen zu legen.

Er hätte sich nicht damit zufrieden geben dürfen, nur die Nachrichten abzufangen. Was, wenn die Seelbacher Familien sich doch noch ihrer Ehre erinnerten? Wenn sie es längst getan hatten und losgezogen waren? Sie konnten jeden Augenblick ankommen. Seine Männer waren erprobte Soldaten und er hatte schon mehr in den Tod geschickt, als ihn auf diesem Feldzug begleiteten. Auch wenn er die Seelbacher Verstärkung zurückschlagen konnte, hoffte er weiter auf deren Verspätung aus demselben Grund, aus dem er noch keinen Sturm auf die Mauern befohlen hatte.

So viel Blut konnte Gott nicht gefallen. Männer starben im Krieg, aber jedes Leben, das sich verschonen ließ, konnte später noch nützlich werden.

Abgesehen von diesem schmierigen Boten vielleicht. Hätte Balduin nicht seine Bezahlung einbehalten, würde der Kerl ihn an die Seelbacher verkaufen oder es zumindest versuchen.

Wieder wanderte er durch sein Zelt, das Singen der Vögel, die den Sonnenuntergang noch nicht bemerkt hatten, in den Ohren. Die meisten Leute ließen das Gestrüpp, in dem sie nisteten, nicht so nah an ihre Burg heranwachsen, aber die Seelbacher hockten auf ihren Basaltsäulen so weit über den Büschen, dass sie sich keine Sorgen machen mussten um heimliche Eindringlinge. Balduin hatte Männer in die Büsche geschickt, um die Gespräche auf der Mauer zu belauschen, aber wenn die Burgbewohner sich nicht gerade anbrüllten, was die Lauscher überflüssig machte, war nichts zu hören.

Irgendwo im Lager stimmte eine unmusikalische Stimme ein kurzes Lied ohne Rhythmus oder vernünftigen Text an.

Sobald er wieder in Trier war, würde Balduin einen Gottesdienst mit einem ordentlichen Kirchenchor abhalten. Nur noch diese eine Belagerung, mehr konnte selbst Gott nicht von ihm verlangen.

Sofort entschuldigte er sich stumm für den Gedanken. Es war die Aussicht, seine alten Gelenke die nächsten Monate oder gar Jahre jeden Morgen zum Aufstehen zu bewegen, die ihn so lustlos auf die kommende Zeit blicken ließ. Die Belagerung der Burg Eltz vor zwanzig Jahren war anders gewesen, damals hatten sie eine eigene Burg errichten können. Das lohnte hier nicht, es gab keinen höheren Punkt als die Burg der Seelbacher, von dem aus man Katapulte einsetzen konnte. Feuerwaffen konnten sie nicht nah genug an die Burg heranbringen und der Boden war massiver Basalt. Die Existenz des Brunnens grenzte an ein Wunder und Balduin fragte sich nicht zum ersten Mal, wer ihn gegraben hatte und mit welchen Mitteln.

Zuerst hielt er es für ein neues Sauflied, als sich erneut Stimmen erhoben. Er massierte schon seine schmerzenden Schläfen, bis ihm aufging, dass sie auf der Burg schon wieder stritten. Er trat aus dem Zelt. Dieses Mal waren die Stimmen so laut, dass er die Worte beinahe verstehen konnte. Er ging bis zum den Fuß der Basaltsäulen, aber sie verstummten, bevor er nah genug heran war. Balduin wartete ab.

„Soll er doch zum Teufel fahren!“

Ein lautes Scheppern folgte, als irgendetwas im Hof zerschellte, vielleicht aus einem Fenster geworfen. Balduin hegte keinen Zweifel, dass er gemeint war. Er bekreuzigte sich.

Herr, zeige Erbarmen für die arme Seele. Die wenigsten Ritter genossen eine anständige Erziehung, die meisten lernten von ihren Vätern fünf Sauflieder vor dem ersten Bibelvers.

„Kommt da jemand?“

Balduin hatte die Soldaten, die ihm ohne Aufforderung gefolgt waren, kaum bemerkt. Jetzt kniffen alle die Augen zusammen und starrten in die Dunkelheit.

„Ich hab da oben jemanden gesehen“, beharrte der Sprecher. Er kratzte sich den Bart und winkte zwei weitere Männer mit sich, um langsam die Basaltsäulen zu umrunden.

Balduin dachte gar nicht daran, auf die Männer zu warten. Er gestikulierte stumm nach einem Schwert und folgte auf leisen Sohlen. Der Mond stand hinter der Burg und tauchte diese Seite des Hügels in Schatten. Balduin behielt eine Hand an den Säulen, um nicht den Weg zu verlieren.

So angestrengt versuchte er seine Füße in der Dunkelheit zu erkennen, dass er beinahe in die Männer hineinlief, die ihm vorangegangen waren. Zwei hatten die Schwerter schon wieder gesenkt, der vorderste bewegte unschlüssig den Arm vor und zurück, als wüsste er nicht mehr, wozu das Stück Stahl in seiner Hand gut war.

Die Frau beachtete die Bewaffneten gar nicht. Ihr Blick hing an Balduin.

„Bischof“, begrüßte sie ihn. Ein leichtes Zittern in ihrer Stimme verriet, was sie ihren verschränkten Händen nicht gestattete.

Sie hatte ihre Haube vergessen und einer der hochgesteckten Zöpfe hatte sich gelöst, aber sie hielt den Kopf erhoben, als erwartete sie, dass man ihr einen Altar baute. Balduin schluckte einen Hinweis auf Stolz als eine der sieben Todsünden hinunter.

„Mein Kind.“ Er schob sich mit einem Lächeln an den Männern vorbei. Manchmal fragte er sich, ob nicht all sein Können als Gottes Diener im Kriegshandwerk lag. Sie aber schien er überzeugt zu haben.

„Das ist nah genug. Bleibt da stehen.“ Sie schob einen Fuß nach hinten, aber der zweite folgte nicht. Sie streckte den Rücken noch ein Stück durch und hob das Kinn. Eine Hand wanderte in die unsäglich großen Höllenfenster ihres Überkleides, dessen blasses Braun oder Gelb im Mondlicht mit Leichtigkeit als geisterhaftes Weiß durchging.

Sie griff nach etwas im Gürtel ihres Unterkleides, so eng, dass es kaum etwas verbarg. Es war eine kleine Schriftrolle, gewickelt um einen gewaltigen Schlüssel, die sie zutage förderte.

„Wir kapitulieren gegen freies Geleit für alle Burgbewohner.“

Balduin musste den Satz dreimal im Kopf wälzen, bevor er verstand.

Wirklich?, hätte er beinahe gefragt, doch er beherrschte sich. Natürlich hatte sie seinen Worten kein Gehör geschenkt, wie sollte sie auch? Sie konnte nicht aus ihrer Haut. Es brauchte mehr als zwei Sätze, um sie auf den rechten Weg zurückzuführen.

Er streckte die Hand nach dem Schriftstück aus, aber die Dame hielt es mit beiden Händen fest.

„Mein Mann, seine Brüder und alle anderen dürfen die Burg unbehelligt verlassen. Ich will Euer Wort vor Gott.“

„Diese Männer haben Verbrechen begangen“, erinnerte er sie. „Was Euch angeht, ich bin bekannt dafür, Damen…“

„Nicht nur ich“, unterbrach sie ihn. „Es gibt noch mehr Frauen auf der Burg, und ich will, dass diese Tiere“ – sie deutete mit dem Kinn zum Lager – „von denen genauso fern gehalten werden. Was die Anschuldigungen gegen meinen Mann angeht, wir wissen beide, dass sie lächerlich sind. Das Seelbacher Geschlecht verzichtet hiermit auf sämtliche Herrschaftsansprüche über dieses Gebiet, wir übergeben die Burg und verpflichten uns, nie wieder eine zu errichten, weder hier noch sonst wo. Reicht das nicht?“ Die Dame zog den Schlüssel aus dem Schriftstück. „Morgen Mittag erwarten wir Euch. Um die Urkunde zu erhalten müsst Ihr entweder unsere Forderungen erfüllen oder sie aus meinen toten Händen reißen.“

Balduin überlegte nicht lange. Das Gewicht des Schwertes in seiner Hand zog schon jetzt an ihm. Mit siebenundsechzig Jahren war er zu alt, um den großen Kriegshelden zu mimen, und nun bot sich die Möglichkeit, diese Fehde ohne Blutvergießen zu beenden. Wenn das kein göttlicher Wink war, dann wollte er kein Bischof mehr sein. Er nickte.

„Mein Wort darauf, vor Gott, wenn Ihr wollt, und der ganzen Welt.“

Während sie ihm den Schlüssel übergab, versteckte sie die Urkunde hinter dem Rücken. Die ersten Schritte machte sie rückwärts, bis der ansteigende Grund sie dazu zwang, ihm den Rücken zuzukehren.

Hinter seinem grummelte jemand etwas über Beutestücke. Balduin fuhr herum.

„Ich habe mein Wort gegeben. Keiner von euch – keiner, verstanden? – wird es brechen. Vergesst nicht, wem ich diene.“ Er deutete mit großer Geste in den Himmel, und einige Soldaten schrumpften in sich zusammen. Die übrigen warfen ihren Kameraden vorwurfsvolle Blicke zu.

Balduin machte sich mit großen Schritten auf zu seinem Zelt. Er hatte die Burg, ganz gleich, ob die übrigen Seelbacher Familien nun ihre Männer oder Frauen schickten!

Volprecht, Friedrich und Gerhard trugen ihre Waffen als Bündel verschnürt auf dem Rücken. Einige Wertgegenstände und Kleidungsstücke hatten sie auf Wagen verstaut, der Rest ihrer Habseligkeiten lagen in Aschehaufen verborgen in verschiedenen Ecken des Burghofs.

„Sie kommen“, rief eine der Wachen auf der Mauer mit gepresster Stimme. Selbst von hier unten sah sie, wie er immer wieder nach Waffen griff, die nicht mehr an ihrem angestammten Platz hingen. Sie hatten kaum genug Tücher finden können, um alle Waffen so dick einzuwickeln, dass sie keine Bedrohung mehr darstellten. Gertrud zweifelte noch immer an dieser Entscheidung ihres Mannes. Balduin hatte auch vor dem Mord an ihren Boten nicht zurückgeschreckt.

„Wo bleibt Johann?“, fragte Volprecht leise seine Brüder. Gerhard zuckte mit den Achseln, Friedrich schüttelte ratlos den Kopf. Gertrud folgte Volprechts Blick zu den oberen Fenstern. Sie las ihm die Sorge vom Gesicht ab und griff nach seiner Hand.

„So feige ist er nicht“, versicherte sie ihm.

„Ich weiß nicht, ob er es noch als feige ansieht, zu springen.“

Ein Schaben verriet, dass Balduin den Schlüssel ins Schloss gesteckt hatte. Das Klicken der Stifte hatte Gertrud erst dreimal gehört. Als die Burg fertiggestellt worden war, erst vor wenigen Monaten – wie lachhaft, eine Burg, die kein Jahr lang bewohnt wurde! – hatte Volprecht es sich nicht nehmen lassen, das Schloss auszuprobieren. Sobald sie von dem Heereszug erfahren hatten, hatte er das Tor dann mit eigenen Händen wieder verschlossen, endgültig für viele Monate, wie sie geglaubt hatten. Den Balken hatten sie zu dritt vorlegen müssen.

Nun lehnte der an der Mauer und würde nie wieder benutzt werden.

Das Tor öffnete sich.

Gertruds Augen huschten zu den verhüllten Waffen ihres Mannes und ihrer Schwäger. Einen Herzschlag lang wollte sie eigenhändig eine Klinge ziehen. Hatte Johann doch Recht? Hätten sie nicht ohne Kampf aufgeben sollen?

Balduin brauchte Hilfe von seinen Soldaten, um das Tor aufzuwuchten. Gertrud spürte Volprechts Hand in ihrer und tauschte einen Blick mit ihm.

Sie handelten richtig. Keines ihrer Kinder hatte länger als ein Jahr überlebt, noch gab es niemanden, der die Linie weiterführen konnte. Besser, die Burg zu verlieren als ein ganzes Geschlecht.

Fast verdeckte das Kreischen der Angeln das Knallen, als eine Tür aufgestoßen wurde. Alle Köpfe im Hof wandten sich Johann zu, der in Kettenpanzer und Waffenrock gemächlich über den Hof schritt. Seine Schwertspitze schleifte über den Boden. Am Brunnen schlug er die Waffe auf den Rand und das Klagen des Stahls hallte in dem Schacht nach.

„Was tust du?“ Volprecht ging auf seinen Bruder zu. Johann ließ ihn an sich herankommen, bis er ihm die Schwertspitze auf die Brust setzen konnte. Ohne ein Wort setzte er nach dieser kurzen Pause seinen Weg fort, geradewegs auf den Bischof zu.

Volprecht machte einen weiteren Schritt hinterher. Gerhards Warnung hörte er nicht mehr. Die flache Seite von Johanns Schwert traf ihn am Kopf. Der Schlag war gut abgepasst, Volprecht hielt sich den Kopf und ging in die Knie, aber es war kein Blut zu sehen, als Gertrud zu ihm eilte.

Über die Schulter ihres Mannes sah sie, wie die beiden jüngsten Brüder sich in Bewegung setzten. Sie hörte den Bischof nach seinem Schwert und Johanns Vernunft rufen. Er erhielt keine Antwort vom Seelbacher.

Friedrich und Gerhard standen außerhalb eines Kreises Bewaffneter. Zuerst stemmte Friedrich sich gegen sie, doch dann besann er sich und hielt seinen jüngeren Bruder, obwohl der sich nicht rührte. Gertrud kniete neben ihrem Mann.

Gertrud kniete neben ihrem Mann. Zwischen den Beinen der Soldaten sah sie Johanns Füße einen Kreis beschreiben, dann einen Ausfallschritt machen. Sein Gesicht tauchte zwischen den Schultern auf, als er zurückgetrieben wurde. Ein Schwert hob sich hinter ihm.

Einen Stoß von vorn wehrte er ab, ein zweiter traf ihn in die Seite. Gertrud konnte nicht sehen, ob dieser zweite durch sein Kettenhemd gegangen war. Sie sah nur, wie er in die Bahn der erhobenen Klinge stolperte.

Ihre Blicke trafen sich. Seine Augen huschten zu der erhobenen Klinge. Er versuchte nicht, auszuweichen oder sie abzuwehren. Er schloss die Augen.

Das Schwert drang in seinen ungeschützten Hals ein. Der Hieb war nicht kräftig genug, um ihn zu enthaupten. Der Soldat riss seine Waffe heraus und verteilte einen perfekten Halbkreis aus Blut im Ring.

Johanns Beine zitterten und knickten ein. Als sein Kopf auf dem Burghof aufschlug, waren seine Augen schon leer.

Die Soldaten traten zurück, um den Weg für den Bischof freizugeben.

Des Bischofs Roben waren nur am Saum rot gesprenkelt. Er sah niemanden an, während er zum Brunnen ging und neben der Kerbe, die Johanns Schwert hineingehauen hatte, stehen blieb. Der Schlüssel prallte hörbar von der Brunnenwand ab, bevor er im Wasser landete.

Den Rücken zu ihr streckte er die Hand aus.

„Die Urkunde.“

Volprecht hatte nicht einmal versucht, die Erlaubnis, die Burg noch einmal zu betreten, einzuholen. Was sie von ihren Habseligkeiten nicht hatten tragen können, wurde begraben unter den einstürzenden Mauern ihres Heims. Selbst die beiden steinernen Türme konnten den Flammen nicht trotzen.

Gertrud stand neben ihm, die Hand auf seiner Schulter, wie so oft in den letzten Wochen. Sie wusste kaum, wie viele vergangen waren seit Johanns Tod. Zwei? Drei?

Was sie wusste, war, dass ihr Mann seinen Platz am Fenster ihres Zeppenfelder Hauses nur verlassen hatte, wenn sie ihn dazu zwang. Sie wusste auch, dass er nach dieser Nacht entweder endlich von dem Stuhl, um dessen Beine sich schon Staub ansetzte, aufstehen oder aber sich nie wieder rühren würde.

Sie hörte Gerhards Kleider rascheln und sah in der Spiegelung im Fenster, wie er sich verbog, um ebenfalls einen Blick auf die brennende Burg zu erhaschen. Die Soldaten waren längst abgezogen, einzig ihr Herr war geblieben, bis alles geregelt war. Nicht, dass Volprecht oder einer seiner Brüder noch daran dachte, rechtliche Schritte einzuleiten gegen den Bischof. Sie alle hatten unterschrieben, selbst Johann.

Sie hatte sich noch gefragt, weshalb seine Hand dabei so ruhig gewesen war.

Lange beobachteten sie die Flammen dabei, wie sie den Hohenseelbachskopf fraßen. Niemand sprach, nur draußen hörte man hin und wieder laute Stimmen. Der Schreck angesichts der fremden Soldaten war längst vergessen, und was kümmerte es die Bauern und Handwerker, was eine adelige Familie verloren hatte? Sie feierten das Spektakel.

Die ganze Nacht über erhellte die Burg den Hügel und der Qualm verdeckte die Sterne. Friedrich ging irgendwann zu Bett, den fetten Kater auf dem Arm, und Gerhard floh aus dem Haus, Gertrud sah ihn die Straße herunterlaufen, weg von den Feierlichkeiten. Ihr Mann sah dem Jungen nicht einmal hinterher. Seine blutunterlaufenen Augen ließen das Feuer erst los, als der Morgen graute und das Tageslicht die Flammen dämmte.

Volprecht warf Gertrud einen kurzen Blick zu, bevor er wieder aus dem Fenster starrte. Die Welt erhellte sich langsam, nur ihre Burg blieb schwarz.

„Wie alt, sagtest du, ist der Bastard?“, fragte Volprecht mit heiserer Stimme.

„Siebenundsechzig.“

„Die Siebzig wird er nicht mehr sehen.“

Endlich stand Volprecht von seinem Stuhl auf.

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