Der 16. Dezember 1944

von Julia Schacknies

Eine fiktive Kurzgeschichte über den 16. Dezember 1944.

Margarete blickt aus dem Fenster des Siegener Rathauses. Sie schaut direkt auf den Marktplatz und beobachtet das Treiben auf der Straße. Frauen, die Besorgungen erledigten. Kinder, die spielten. Männer waren kaum zu sehen. Sie waren an der Front und kämpften für ihr Vaterland. Margaretes Gedanken wanderten zu ihrem Mann, der ebenfalls an der Front kämpfte. Als sie das letzte Mal von ihm hörte, war er in Frankreich stationiert. Sie fragte sich, wie es ihm geht und ob er überhaupt noch lebte. Viel zu lange hatte sie keinen Brief mehr von ihm erhalten. Ganze sechs Wochen sind seitdem vergangen. Doch sie bleibt stark. Solange sie nicht das Gegenteil hört, bleibt sie voller Hoffnung, dass er wohlauf ist. Sie hat auch keine Wahl. Sie arbeitet, um ihre Kinder zu ernähren und ihnen ein Zuhause bieten zu können. Sie kann es sich nicht erlauben, schwach zu sein.

Margarete reißt sich aus ihren Gedanken. Sie sortiert ihre Unterlagen und legt sie ab. Ihre Schicht ist vorbei. Margarete arbeitet als Angestellte im Standesamt und verwaltet die Anträge auf Eheschließungen. Ihre Kinder Hans und Maria warten bereits zu Hause, und sie erwarten ihr Mittagessen. Die Uhr zeigt 14:45 Uhr, als auf einmal der Fliegeralarm anschlägt. Gewohnt von den Klängen dieses langen Krieges packt Margarete langsam ihre Tasche weiter und wirft sich ihren Mantel über. Auch die Menschen auf den Straßen und im Rathaus lassen sich vom Fliegeralarm nicht groß beirren und gehen ihren Aufgaben weiterhin nach. Margarete verabschiedet sich. Sie tritt aus dem Rathaus und nimmt einen langen und tiefen Atemzug. Die Luft ist frisch und kühl. Sie gibt ihr Kraft. Margarete bedeckt ihr hochgesteckten, braunes Haar mit einem Tuch und folgt der Straße Richtung Kölner Tor.

Doch plötzlich verändert sich der Alarm. Der Klang war neu in ihren Ohren. 14:53 Uhr. Akute Luftgefahr. Die Stadt scheint für einen Augenblick still zu stehen. Niemand rührt sich. Alle lauschen dem Alarm und richten ihren Blick Richtung Himmel. Der Augenblick ist vorbei. Panik macht sich breit. Die Menschen strömen zu allen Seiten. Mit einem Mal scheint es, als hätten sich die Menschen vervielfacht. Margarete fängt an zu laufen. Ihr Körper bewegt sich von ganz alleine. Ihre Gedanken sind nur noch bei ihren Kindern. Sie müssen es rechtzeitig zum Bunker schaffen, um sich zu schützen. Margarete rennt. Blind vor Angst. Sie schlägt sich durch die Massen von Menschen, die ebenfalls Schutz suchen. Margarete rennt. Es kommt ihr vor wie eine Ewigkeit. Margarete rennt. Die Häuser und Menschen ziehen an ihr vorbei, doch sie bekommt von alledem nichts mit. Margarete rennt. Ihre Füße bewegen sich so schnell, dass sie das Gefühl hat, gleich zu stolpern. Margarete rennt. Endlich erreicht sie ihr Haus.

Sie stürmt hinein. „Hans! Maria!“ Margarete hält panisch nach ihren Kindern Ausschau. Hans und Maria kommen verängstigt aus der Küche. „Zieht Eure Schuhe und Eure Mäntel an! Wir haben keine Zeit. Wir müssen hier weg. Los!“ Hans läuft los. Maria fängt an zu weinen. Margarete merkt, wie sich die Angst weiter in ihrem Körper ausbreitet. Sie wird ungeduldig. „Maria! Reiß dich zusammen. Hol deine Sachen!“ Doch Maria bewegt sich nicht. Hans kommt wieder. Unbeholfen zieht er sich seine Schuhe an. Er stoppt. Ängstlich schaut er zu seiner Mutter. Er hat vergessen, wie man sich die Schnürsenkel zubindet. Margarete zieht zischend die Luft ein. Sie läuft zu Hans. Bindet ihm die Schuhe zu. Sie läuft zur Garderobe. Holt Marias Sachen. Zieht Maria die Schuhe an. Zieht Maria den Mantel an. Die Minuten verstreichen.

Margarete läuft mit ihren Kindern nach draußen. Sie läuft so schnell sie kann mit zwei Kindern an der Hand. Die Kinder stolpern. Sie weinen. Margarete umklammert die kalten Kinderhände fester und zieht sie hinter sich her. Sie laufen die Sandstraße entlang.

Die Hindenburgstraße, wo der rettende Bunker auf sie wartet, ist bereits zu sehen. Maria fällt. Es ist 14:58 Uhr. Die Luft ist bereits von herannahenden Fliegern erfüllt. Menschen rennen umher. Maria fällt. Margarete nimmt sie auf den Arm. Sie rennen weiter. Und weiter. Hans hält Schritt. Der Bunker ist in Sichtweite. 15:00 Uhr. Maria blickt in den Himmel. Die ersten Flieger sind zu sehen. Ihr Herz schnürt sich in der Brust zusammen. Sie schluckt. Noch 200 Meter. Ihr Ziel vor Augen, läuft Margarete mit Maria im Arm und Hans an der Hand weiter. 100 Meter. Margarete nimmt nichts mehr um sich herum wahr. Ihre Augen sind fest auf ihr Ziel gerichtet. 50 Meter. Die Flieger nehmen an der Zahl zu. Englische Flieger. 10 Meter. Tränen laufen an Margaretes Wangen entlang, als sie endlich das Ziel erreichen.

Der Bunker ist vollgefüllt mit Menschen. Hunderte von Menschen, die von Angst erfüllt sind. Die Spannung ist spürbar. In Sicherheit. Margarete atmet das erste Mal auf. Es ist still. In der Ferne hört man ein Radio. Kinder weinen leise. Es geht los. Von oben hört man die donnernden Bomben. Wie Hagelkörner fallen sie auf den Boden. Minutenlang. Margarete nimmt ihre Kinder schützend in den Arm. Die Minuten ziehen sich. Nahezu endlos erscheint der Angriff. Plötzlich Stille. Man hört nur noch die leisen Hintergrundgeräusche im Raum. Niemand wagt zu sprechen. War es vorüber? Weitere zähe Minuten verstreichen. Margarete versucht, die Worte aus dem Radio zu verstehen. Doch es ist zu weit von ihr entfernt, als dass sie klare Worte hätte vernehmen können. Bis jemand aus dem Nebenraum ruft: „Die Luft ist rein!“

Ein Aufatmen geht durch die Menschenmenge. Mit einem Mal wird der Bunker wieder mit Leben gefüllt. Alle sprechen laut durcheinander. Erleichterung mischt sich mit ängstlicher Neugierde, was sie dort oben erwartete. Margarete drückt ihre Kinder glücklich an sich. Sie hatten es geschafft! Doch ein mulmiges Gefühl blieb. Bomben fielen auf die Stadt. Viele Bomben. Margarete schaut sich um. Nach und nach strömen die Menschen aus dem Bunker. Der Bunker. Dicke Mauern und Stahltüren. Notdürftiges Licht, das nervös flackert. Der Bunker strahlt Kälte aus. Eine Art Bitterkeit. Die Bitterkeit des Krieges. Er bietet Schutz. Und doch steht er für das Ungewisse. Für Veränderungen, die sich niemand wünscht.

Der Raum leert sich. Margarete und ihre Kinder gehen nun selbst langsam Richtung Ausgang. Sie zittert. Von draußen hört sie aufgeregte Stimmen, die mit jedem ihrer Schritte lauter werden. Sie riecht Staub und Feuer. Der Dunst dringt in den Bunker ein. Als sie nach draußen tritt, sieht sie verschwommen. Verschwommen durch ihre Angst. Verschwommen durch das helle Licht, das wieder auf ihre Augen tritt. Verschwommen durch ... die Zerstörung. Margarete blinzelt, um Klarheit zu erlangen. Geschockt taumelt sie einen Schritt zurück. Langsam bewegt sie ihren Kopf von rechts nach links. Schaut sich um. Die Stadt glich einer Wüste der Zerstörung. Zerschmetterte Häuser und Straßen. Feuer, deren dicke Rauchschwaden Richtung Himmel drängen. Menschen, die vor Verzweiflung weinen und schreien. Luft, die von Schutt und Asche getrübt ist. Siegen. Zerstört. Es existiert nicht mehr.

„Ich will nach Hause, Mama!“, weint Maria. „Ja, wir gehen nach Hause“, sagt Margarete und schluckt. Langsam und wie gelähmt bahnen sie sich den Weg durch das Geröll. Margarete spricht es nicht aus, doch fragt sie sich innerlich, ob noch ein „Zuhause“ auf sie wartet...

(2021)


Literatur:

Siegerländer Heimat- und Geschichtsverein e.V.: Siegen vor und nach der Zerstörung, 2017

Flender, Hans-Martin: Der Raum Siegen im Zweiten Weltkrieg, 1979

Flender, Hans-Martin: Der Luftangriff auf Siegen am 16. Dezember 1944 aus Sicht des Angreifers, 1976

Stahl, Joachim: Bunker und Stollen für den Luftschutz im Raum Siegen, 1980

https://siegener-unterwelten.de/bunker/bunker-hindenburgstrasse

https://www.lwl-archaeologie.de/de/blog/tiefbunker-siegen/

https://wiki.zeitraum-siegen.de/ereignisse/luftangriff_vom_16._dezember_1944

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