Die Anzhäuser Mühle - Ein historischer Überblick

von Annalena Maria Schäfer

Die ehemalige Anzhäuser Mühle liegt heute an der L893 zwischen Rudersdorf und Anzhausen. Von einer der größten Mühlen des Siegerlandes sind heute kaum noch Spuren zu finden; das Gebäude dient nun als Lager- und Wohnhaus.

Eine Urkunde darüber, wann und von wem die Mühle gebaut worden ist, ist nicht erhalten geblieben. Sie wird jedoch erstmals um 1300 in einem Archidiakonatsregister aufgeführt. Ein Archidiakonat war eine kirchliche Verwaltungseinheit, genauer eine Untereinheit eines Bistums, der ein Archidiakon, d.h. ein Erzdiakon vorstand. Das älteste Verzeichnis der Einkünfte der Rentei Siegen führt 1417 die Mühle zu Anzhausen auf, von der damals fünf Malter Korn (das Getreidemaß betrug in Preußen üblicherweise 12 Scheffel, also 650,54 Liter), Öl, zwei Gänse und zwei Pfund Wachs abzuliefern waren. Zu dieser Zeit waren alle Mühlen sog. "Domänialmühlen", d.h. sie waren in herrschaftlichem bzw. Staatsbesitz und wurden gegen mehr oder weniger hohe Zinsen plus Fruchtabgaben verpachtet.

Seit 1752 sind Pächter nachzuweisen. 1790 war die Anzhäuser Mühle einer Genossenschaft zur Erbleihe überlassen worden; von dieser Zeit bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts wird sie in den Quellen Rudersdorfer Mühle genannt.

1830 ging die Mühle in den Privatbesitz des Landwirts und Mahlmüllers Johannes Steiner über, der sie, den Quellen zufolge, im Jahre 1860 für 5.650 Taler an Johannes Heinrich Schneider verkauft hat. Der Schwiegersohn des letzteren, Philipp Schlemper, übernahm im Jahr 1877 die Mühle und übergab sie im Jahr 1910 seinem Schwiegersohn, Theodor Schäfer aus Salchendorf, der zahlreiche Umbauten durchführte, um den Betrieb durch technische Neuerungen zu verbessern. 1948 übernahm der Sohn Hubert die Mühle; dieser verstirbt jedoch 1959, sodass wiederum dessen Sohn Theo die Mühle im Alter von 19 Jahren übernimmt.
Die Mühle lag unmittelbar an der Kreisstraße Anzhausen-Rudersdorf, in der Mitte zwischen den beiden genannten Ortschaften. Sie erhielt ihr Betriebswasser aus dem sogenannten Dorfwasser, das ist die Vereinigung des von Gernsdorf kommenden Bichelbaches mit dem bei Rudersdorf auf der linken Seite einmündenden Wahlbach, außerdem kam auch das aus dem rechten Seitental unterhalb Rudersdorfs abfließende Wasser der Weiß hinzu. Das Wassersammelgebiet dieser Bäche betrug zusammen rund 16 qkm. Der Bichelbach als ursprünglicher Obergraben, aus dem die Mühle den Hauptteil ihres Betriebswassers bezog, führte im Sommer zu wenig Wasser, so dass Wasser aus der Weiß an einer Staumauer, einem sog. Wehr, zugeleitet werden musste. 1954 beschrieb der Müllerlehrling Theo Schäfer den Zulauf wie folgt:
"Die Turbine wird durch Wasser gespeist. Das Wasser wird oberhalb der [Eisenbahn-] Brücke, Bahnstrecke Frankfurt-Siegen, von der Weiß abgeleitet und läuft dann am Fuße des Weisterberges nach Rudersdorf zu. Dort fließt es [...] ins Tal und kommt in die Bichelbach. Dort ist nochmals ein Wehr und das Wasser von Bichelbach und Weiß fließen […] an der Talseite [...] der Mühle zu. Durch einen Kanal wird das Wasser unter der Straße her geleitet und kommt dann durch einen, man kann sagen durch den Fels gefressenen, Graben bei der Mühle an. Oberhalb der Mühle ähnelt der Graben einem kleinen Weiher, er ist ca. 5 m breit und 20 m lang, an der Stauung ist er 2 m tief.".
Der alte Mühlengraben dient heute der Straßenentwässerung und verläuft größtenteils, in Rohre verlegt, unterhalb der Straße zwischen Anzhausen und Rudersdorf.

Die Mühle verfügte über folgende Betriebseinrichtungen: einen Mahlgang (Steine von 1,25 m Durchmesser), eine Dreschmaschine und eine Kreissäge (40 bis 80 cm Durchmesser). Die hierzu benötigte Kraft wurde vor 1913 durch ein oberschlächtiges Wasserrad erzeugt. Das letzte Wasserrad soll einen Durchmesser von 5,80 m gehabt haben. Im Juli 1913 hat Theodor Schäfer sen. an Stelle dieses Wasserrades eine Turbine angelegt. Das Laufrad der Turbine hatte einen Durchmesser von 450 mm. Die Turbine war für eine größte Wassermenge von 250 sl (Liter pro Sekunde) ausgerichtet, was einer Kraft von rund 22 PS entspricht und für die Arbeit des Müllers eine große Entlastung darstellte.

Nachdem einige Mühlen der Umgebung in den 50er Jahren ihren Betrieb einstellten, übernahm Theo Schäfer deren Kontingente. Zudem modernisiert er die Gerätschaften der Mühle und baut ein Handelsgeschäft mit Landesprodukten und Futtermitteln auf, das sich zum heutigen "Grünen Warenhaus" weiterentwickelt hat.

Anfang der 60er Jahre lief die Mühle beinahe rund um die Uhr, um das erzeugte Getreide aus der Umgebung zu vermahlen. Doch durch die schnell voranschreitende Industrialisierung und die damit einhergehenden besseren Verdienstmöglichkeiten in den Fabriken gaben ab Mitte der 60er Jahre immer mehr Kleinbauern ihre Alleinversorger-Landwirtschaft auf. Damit wurde der Mühle ihre Existenzgrundlage entzogen. So wurde auch die Anzhäuser Mühle 1972 als eine der letzten gewerblichen Mühlen im Siegerland, nach fast 700 Jahren Betriebsgeschichte, stillgelegt.

Mein herzlichster Dank gilt Herrn Theo Schäfer für die Bereitstellung der Quellen und historischen Unterlagen sowie Frau Dipl.-Ing. Jessica Schmidt (Universität Siegen) für die freundliche Unterstützung bei der Bearbeitung der Wasserbaupläne.



Quelle:
" ANTRAG: des Mühlenbesitzers Theodor Schäfer in Anzhausen um Eintragung seiner Wassergerechtsame in das Wasserbuch, sowie um gewerbepolizeiliche Genehmigung zum Einbau einer Turbine. IV. Ausfertigung, Regierungsbezirk Arnsberg, Kreis Siegen, Amt Netphen, Gemeinde Anzhausen. Siegen, 12. Juni 1914.

Literatur:
" Kowallik, C. (Hrsg.): Anzhausen. Geschichte und Geschichten eines Siegerländer Dorfes, Siegen, 2010.
" Joosten, Hans-Dirk: Mühlen und Müller im Siegerland. Mit einem Verzeichnis der Wasserkraftanlagen dieser Region, Münster/New York, 1996.

Zugriffe: 70 Drucken E-Mail