Zur Geschichte der Bücherkiste in den 70er und 80er Jahren

von Niels Kühl und André Rauhofer

Ein Interview mit Zeitzeuge Horst Ablas

Der Buchladen Bücherkiste (heute in der Bismarckstraße, Siegen-Weidenau, zu finden), ist einer der letzten individuell geführten Buchläden Siegens. Trotz eines sich immer mehr monopolistisch konzentrierenden deutschen Buchhandels und eines fokussiert über den Einzelhandelsriesen Amazon laufenden Onlinebuchhandels gibt es nach wie vor die von großen Konzernen unabhängige Bücherkiste.

Eröffnet wurde das Ladenlokal im September 1974 in der Weidenauer Straße 224, wobei der Gründung der Bücherkiste bereits der Vertrieb von Literatur an der Gesamthochschule Siegen über Büchertische vorausging. Diese wurden ab 1972 aus den sozialistischen Fachschaftsgruppen heraus organisiert, standen vor allem im Gebäude der Studienrichtung Sozialwesen und wurden zudem zu Vollversammlungen der Studierendenschaft sowie anderen Veranstaltungen aufgebaut.

Die Existenz der Fachschaftsgruppe ist auf den Einfluss der Studierendenbewegung der späten 60er Jahre zurückzuführen, welche jedoch erst verspätet in der Siegener Provinz ankam. Der Mitgründer und heutige Geschäftsführer der Bücherkiste Horst Ablas hierzu:

In dieser Zeit gab es an der Uni viele Menschen, die sich Veränderungen wünschten, wobei man sich nicht an bereits existierenden Gesellschaftmodellen orientieren wollte. An der Uni selbst gab es eine relativ große Gruppierung, die sich aktiv einbrachte. Der innere Kern, in etwa 100 Personen, engagierte sich im ASTA und in den Fachschaftsräten, führte Hausbesetzungen durch mit dem Ziel ein Jugendzentrum vor Ort zu schaffen, knüpfte und pflegte Kontakte zu den Gewerkschaften. Außerdem wurden Büchertische mit linker Literatur, die es vor Ort ansonsten nicht gab, veranstaltet.

Wie ein Protokoll zeigt, organisierte sich die Fachschaftsgruppe in verschiedenen Untergruppen, die sich mit unterschiedlichen Bereichen beschäftigten: Hochschulpolitik, Gewerkschaftsarbeit, Internationalismus, Theorie sowie Literatur und Film, an der Horst Ablas neben acht anderen Mitgliedern beteiligt war. Diese Gruppierung zählte sich selbst, so der Zeitzeuge, zur antiautoritären undogmatischen Linken, in Abgrenzung z.B. zu Gruppen, die an der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) orientiert waren. Zur Gründungszeit der Bücherkiste gab es mit Wissen und Fortschritt bereits einen DKP-nahen linken Buchladen mit staatssozialistischem Fokus in Siegen, welcher die Interessen der neuen Studentenbewegung allerdings nicht bedienen konnte:

Der Kerngedanke des Verbreiterns - weg von der Uni, in die Stadt - führte schließlich zur Gründung der Bücherkiste. An der Unternehmung waren sowohl Marxisten, Kommunisten, Leninisten, Anarchisten, Gewaltfreie als auch direkte Aktionisten beteiligt. Es sollte ein Anlauf- bzw. Stützpunkt für die Bewegung außerhalb der Universität geschaffen werden. Die Notwendigkeit bestand schon allein darin, dass diese oder jene Literatur weder in den bürgerlichen Buchläden noch in der orthodox-linken und DKP-treuen Buchhandlung Wissen und Fortschritt verfügbar war. Es fehlten damals selbst Texte von Sigmund Freud und auch allgemein Schriften mit anarchistischer, feministischer und ökokritischer Ausrichtung.

Dazu gehörte für die Bücherkiste auch der Vertrieb von nichtrentablen und inhaltlich marginalisierten Büchern und Zeitschriften, zumal diese als wichtig erachtet wurden, für die links-emanzipatorische Bewegung wie auch für die Allgemeinheit. Wie es auf einem Werbeflyer von 1984 heißt, verstand man sich als Teil einer politisch-kulturellen Gegenöffentlichkeit. In einem Gespräch mit der Märkischen Oderzeitung sagt Horst Ablas, dass permanent gegen die Ökonomie gearbeitet wurde. Die Umsatzhäufigkeitsziffern waren somit nicht vordergründig ausschlaggebend für das Angebot im Laden.
Dem formulierten Anspruch entsprechend sich nicht an bereits existierenden Gesellschaftsmodellen orientieren zu wollen, bemühte sich die Buchladengruppe um eine kollektiv-selbstverwaltete Arbeits-organisation mit flachen Hierarchien. Wegweisende Beschlüsse wurden auf Plenarsitzungen gefasst. Bis ins Frühjahr 1977 wurden die Sitzungen im Rahmen der sozialistischen Fachschaftsgruppe gehalten, im Anschluss daran bildete man ein autonomeres Buchladenplenum, um die konkurrierenden politischen Strömungen zumindest für das gemeinsame Projekt Bücherkiste zu versöhnen. Abgesehen von den theoretischen Differenzen war das ungleich verteilte Engagement im Laden fast seit der ersten Stunde ein fortwährender Konfliktpunkt. Ein Scheitern der kollektiven Arbeitsstruktur bahnte sich an, was interne Protokolle belegen. So sagt auch Horst Ablas:

Ursprünglich hatte man den Traum von einer selbstverwalteten Arbeitsorganisation ohne Chef, doch es kam immer wieder zu verschiedenen Nicklichkeiten und Kindereien, z.B. nahmen bestimmte Mitarbeiter Magazine und Publikationen mit ins Angebot auf, die von anderen wieder entfernt wurden, weil die ihnen nicht passten. Es gab im Grunde genommen drei Fraktionen innerhalb der Bücherkiste: Aktionisten und Spontis, an der Marx-Schulung Interessierte sowie die Gemäßigten, die beides miteinander verbinden wollten. Insgesamt war man aber sehr zerstritten, die Bücherkiste diente als letzte Gemeinsamkeit. Es war eine Phase mit vielen Ideen und vielen Menschen, jeden Tag stand ein anderer im Laden. Die Entwicklung zeigte allerdings, dass letztlich diejenigen bestimmten, die es machen.

Dies führte im weiteren Verlauf dazu, dass sich Einzelne professionalisierten und sich in Bezug auf die Arbeitsprozesse Wissenshierarchien herausbildeten. Die Bücherkiste wurde später zu einer GmbH mit nur noch fünf Gesellschaftern und das Tagesgeschäft lediglich von Horst Ablas geführt.
Die oppositionelle Positionierung der Bücherkiste zum Mainstream brachte mehrfach juristische Konsequenzen mit sich. Unter den sogenannten schwer erhältlichen Schriften fanden sich auch indizierte Werke. Zum Beispiel wurde die Broschüre Wege zu Wissen und Wohlstand oder: Lieber krankfeiern als gesund schuften ab 1980 über die Bücherkiste vertrieben. Von der Annahme ausgehend, dass die kapitalistischen Produktionsbedingungen psychosomatische Erkrankungen hervorrufen würden, werden in diesem Werk Tipps gegeben, wie man den Jahresurlaub mit einigen Tricks verlängern kann. Die Indizierung des Werkes führte zu einer Welle von Klagen gegen Buchhändler, so auch gegen die Bücherkiste und Horst Ablas. In der Anklageschrift wird dem Inhaber mit Berufung auf §111 StGB (Öffentliche Aufforderung zu Straftaten) folgendes vorgeworfen:

Der Verkauf der Druckschrift erfolgte mit der Absicht, die Käufer zu veranlassen, entsprechend den Anleitungen in der Druckschrift zu handeln und damit einen Betrug zum Nachteil des jeweiligen Arbeitgebers oder der Krankenkasse zu begehen.

Staatsanwaltschaft und Gericht kamen schließlich überein das Verfahren gegen Horst Ablas einzustellen, unter der Auflage durch Hinweise im Laden bekannt zu machen, dass die Broschüre nicht mehr verkauft werden darf. Die Auflagen gewitzt annehmend, erschien ein Flugblatt der Bücherkiste überschrieben mit Wo soll das alles enden?! Zwei weitere Beamte der Siegener Polizei auf dem Wege zu Wissen und Wohlstand!. Das Flugblatt schließt mit einem augenzwinkernden Wir können nur warnen!!! Laßt die Finger davon!. Dies bezieht sich auf die anhand der Ermittlungsakten nachvollziehbare Tatsache, dass zwei in Zivil ermittelnde Polizisten das belastende Buch im Laden verdeckt gekauft hatten.
Sehr viel schwerwiegender war eine Anklage in Verbindung mit dem Paragraph 129a bezüglich der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Zur aktiven Zeit der RAF wurde auch im Umkreis der Bücherkiste kontrovers über den bewaffneten Kampf und das Konzept der Stadtguerilla diskutiert. Die der RAF nahestehende Zeitschrift Radikal, gegen die 1982 wegen Werbung für eine terroristische Vereinigung ermittelt wurde, ging auch in der Bücherkiste über die Ladentheke. Eigentlich habe ich versucht, Strafverfahren zu vermeiden. Ich habe zwar RAF-Texte verkauft, aber nicht an jeden, so Ablas. Dies rief den Verfassungsschutz auf den Plan, aber auch dieses Verfahren konnte die Bücherkiste ohne Verurteilung überstehen.
Darüber hinaus machte auch der sogenannte Radikalenerlass von 1972 der Bücherkistengruppe zu schaffen, der hauptsächlich gegen linksorientierte Bewegungen gerichtet war. Die Regelung zielte ursprünglich auf die Kriminalisierung der Deutschen Kommunistischen Partei ab. Hierbei geht es darum, dass die Verfassungstreue eine Grundbedingung für die Einstellung in den öffentlichen Dienst ist. Da viele im Kreis um die Bücherkiste im Bereich der sozialen Arbeit aktiv waren, bestand die Gefahr eines Berufsverbotes. Für Horst Ablas waren damit die Türen in seinen gelernten Beruf als Sozialarbeiter verschlossen oder zumindest nur sehr schwer zu öffnen. Resümierend bemerkt er:

Man wollte um die Köpfe der Menschen werben. Der Erfolg war allerdings begrenzt. Lange befand sich die Bücherkiste abseits der Einkaufslagen - an der Hauptstraße, gegenüber der Polizei. Wir hatten wenig Publikumsverkehr. Immerhin konnte so zumindest ein breiteres Spektrum als in den Uni-Gruppen angesprochen werden. Dies war ein Teilerfolg, jedoch mit der Einschränkung, dass in der Regel Menschen in den Laden kamen, die ohnehin über ein kritisches Bewusstsein verfügten und politisiert waren. Ansonsten gilt oft: Werben kann man viel, aber die Menschen schauen doch lieber Fußball! Zudem waren Studenten damals bildungshungriger und vor allem hungriger nach linker Literatur.

Quellen:

Den Verfassern wurde Archivmaterial aus der privaten Sammlung von Horst Ablas für die Recherchen zur Verfügung gestellt.

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