Wie war Schule in Siegen vor 50 Jahren? - Aus dem Tagebuch einer Lehrerin

von Anika Richter

Anneliese Welling (geb. 10.11.1932), studierte Mathematik und Geographie auf gymnasiales Lehramt. Ihre erste Einstellung als Lehrerin (bzw. Assessorin) erfolgte 1960 am "Gymnasium am Lährtor" in Siegen − damals ein reines Jungengymnasium − wo sie ca. vier Jahre lang tätig war.

Einzelne prägende Erlebnisse und Eindrücke, die sie über diese Zeit gesammelt hat, werden im Folgenden in Form eines (fiktiven) Tagebuchausschnittes in Umfang von drei Tagen wiedergegeben. Der erste Tag steht dabei beispielhaft für den schulischen Alltag, der zweite berichtet über einen Klassenausflug und der dritte beschreibt einen typischen Sonntag. Dabei ist allerdings folgendes zu erwähnen: Zwar basieren die beschriebenen Ereignisse auf wahren Begebenheiten bzw. Erzählungen von Frau Welling, dennoch wurden einzelne fiktive Dinge, wie z.B. Namen und einzelne Handlungen, ergänzt. Zudem stammen die angefügten Fotos aus der privaten Sammlung von Frau Welling − wobei unbekannt ist, wer sie damals genau aufgenommen hat. Nähere Angaben dazu − sofern es möglich war − sind unter den jeweiligen Bildern zu sehen.
Viel Spaß beim Lesen!
Anika Richter

„Liebes Tagebuch!
Wie immer begann der Tag mit dem wöchentlichen Gottesdienst in der Marienkirche (nur für die Katholiken; die Protestanten in der Aula). Zum Glück konnten sich die Jungen heute gut benehmen, denn ich diszipliniere die Burschen wirklich nicht gerne. Nach dem Gottesdienst, unterrichtete ich die Klasse VI b. Mathematik stand auf dem Stundenplan: Geometrie. Gestern Abend hatte ich mir noch ausführlich überlegt und skizziert, wie ich die Unterrichtstunde gestalte. Das war ganz schön viel Arbeit! Es hat sich aber gelohnt: Sogar der vorlaute Thomas weiß jetzt, wie man die Fläche eines Rechteckes berechnet. Danach war die große Pause. Für heute war ich mit einem Kollegen für die Pausenaufsicht eingeteilt. Doch was wäre eine Pause ohne eine Rangelei? Ich dachte, es würde mir heute erspart bleiben, doch ehe ich diesen Gedanken zu Ende bringen konnte, rief auch schon jemand: „Fräulein Welling! Fräulein Welling! Kommen Sie schnell! Markus und Stefan prügeln sich dahinten!” Nachdem ich die beiden auseinander gebracht und verwarnt habe, war für mich die Angelegenheit (und leider auch die Pause) vorbei. Nach zwei weiteren Stunden Geographie in der Quarta ging es endlich in die Mittagspause. Wie üblich aßen wir Lehrer in dem Restaurant „Koch”, zwei Straßen weiter, an der Ecke. Dort kehren auch immer ein paar Kollegen aus dem Mädchengymnasium (etwa 500 Meter von unserem Gymnasium entfernt) ein. Ich finde es immer sehr interessant und unterhaltsam, wenn sie von ihrem Schulalltag erzählen. Die Mädchen scheinen doch etwas einfacher zu sein, als unsere Jungen.
Heute Nachmittag war ich noch ein bisschen in der Stadt spazieren und entdeckte einige schöne Ecken in der Oberstadt...
Nachher werde ich wahrscheinlich noch zu meinen Vermietern gehen − ein nettes altes Ehepaar! − und Karten spielen. Ich bin wirklich froh, dass ich diese Zwei-Zimmerwohnung gefunden habe. Sie ist zwar klein, aber für mich reicht es! Es sind lediglich fünf Minuten Fußweg zur Schule und in die Stadt! Was will man mehr?”

„Liebes Tagebuch! Heute ging es mit der IV F und einem Kollegen an die etwa 40 Kilometer weit entfernte Biggetalsperre. Ein aufregender Tag! Früh am Morgen starteten wir mit einem kleinen Bus Richtung Olpe. Im Nachhinein muss ich sagen, dass so eine Busfahrt deutlich entspannter ist, als eine Zugfahrt. Vor ein paar Wochen fuhr ich nämlich mit der Quinta auf einen Wanderausflug. Da die Schüler auf dem Rückweg zum Bahnhof sehr müde wurden, verpassten wir den geplanten Zug. Zum Glück nahmen es die Eltern nicht so streng. Nun aber zurück zum heutigen Tag: Die Biggetalsperre ist sehr imposant und erst kürzlich fertiggestellt worden. Im Laufe des Tages erfuhren wir schließlich einige interessante Fakten über den Staudamm: Er ist ca. 640 Meter lang und 52m hoch. Seine Hauptaufgabe liegt darin, für eine gleichmäßige Wassermenge in der Ruhr zu sorgen, da im Ruhrgebiet durch den ansteigenden Bedarf der Industrie, ein Wasserdefizit in dem Fluss herrscht. Das in dem Stausee gestaute Wasser wird also punktuell in die Ruhr abgegeben. Von den ganzen Talsperren, fließt allein von der Bigge 40% des benötigten Zuschusswassers in die Ruhr. Wirklich bemerkenswert! Aber kein Wunder, wenn man sich das Stauvolumen von der Biggetalsperre anschaut: Etwa 150 Mio. m³! Des Weiteren dient die Talsperre als Hochwasserschutz. Allerdings trug der Umbau einige Konsequenzen mit sich: Umsiedlungen von einzelnen Dörfern und zahlreiche neu gebaute Straßen.
Danach wanderten wir noch ein wenig am See durch den Wald. Bei einer kleinen Pause war allerdings sehr interessant zu beobachten, was die Schüler an Proviant dabei hatten. Während die meisten Butterbrote und äpfel aus ihren Taschen hervorholten, packte ein Junge den frisch gekochten Spargel aus! Unglaublich! So etwas hatte ich bisher auch noch nicht erlebt! Aber daran kann man mal wieder sehr gut erkennen, aus welch‘ unterschiedlichen Schichten die Jungen hier kommen!”

„Liebes Tagebuch!Als ich heute Morgen aufwachte, schien so schön die Sonne in mein Zimmer, sodass ich beschloss, einen kleinen Spaziergang an diesem warmen Sonntagvormittag zu unternehmen. Einige Kollegen hatten mir von dem sogenannten „Rödchen“ erzählt und ich war gespannt wie es aussah. Es soll sich dabei um eine Kapelle der Wallfahrtsstätte „Eremitage“ auf dem Rödgen in Obersdorf handeln, in der seit etwa zehn Jahren einige Nonnen des Klarissen-ordens leben. Also machte ich mich gleich nach dem Frühstück auf den Weg dorthin... Ein eindrucksvoller Ort! Zu der Wallfahrtsstätte gehört nicht nur die Kapelle, sondern auch ein Heiligenhäuschen mit dem Eremitengrab des Jesuiten Conrad Manz, ein Waldaltar und ein Kreuzweg. Direkt hinter der Kapelle angebaut, befindet sich außerdem eine Klause. Ein sehr schönes und altes Fachwerkhaus! Die Kapelle selbst ist ein rundlicher Bau und besitzt einige Renaissance- und Gotik- Elemente. Drinnen steht ein prächtiger Barockaltar aus dem Jahr 1736, aber erst kürzlich in diese Kapelle versetzt worden, da der alte während des Zweiten Weltkrieges zerstört worden war.
Nachdem ich alles besichtigt hatte und noch eine Weile durch den angrenzenden Wald lief, beschloss ich am frühen Nachmittag den Heimweg anzutreten. Als ich dann zu Hause ankam und eine Kleinigkeit zu mir genommen hatte, ging ich (wie bis jetzt jeden Sonntag) gegen 15 Uhr in das Kinderheim in der Häutebach, um dort die Erzieherinnen ehrenamtlich zu unterstützen. Ich mag die Arbeit dort, es immer ist etwas los! Doch manchmal sind die Kinder schon echt anstrengend, denn unter ihnen herrscht große Eifersucht. Entweder gibt es Streit darüber, wenn jemand eine Kartoffel mehr auf den Teller hatte, jemandem ein Teddy weggenommen wurde oder ein Mädchen ein neues Kleid bekommen hatte und, und, und ... Heute ging es aber zum Glück einigermaßen gut. Nur wenige quengelten mal wieder wegen dem Essen. Ja, so ist das!”
Gleich muss ich mich aber noch ein wenig auf den morgigen Unterricht vorbereiten undnachsehen, ob mein Kostüm noch in Ordnung ist. Also dann bis morgen!

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