Siegen: Kunstschätze gefunden!

von Rebecca Höfer

Nachdem im vergangenen Herbst festgestellt worden war, dass die kleine westdeutsche Stadt Siegen während des Weltkriegs tatsächlich geheimer Lagerungsort für Kunstschätze im Wert von mehreren Milliarden Goldmark war, beginnen am heutigen 24. Mai 1945 die Bergungsarbeiten und Rücktransporte der wertvollen Güter zu ihren rechtmäßigen Besitzern. Unsere Reporterin Abby Smith ist bei der Bergung dabei und berichtet vor Ort von den Geschehnissen.

Gewölbte Backsteinmauern, ein kalter Betonboden. Dampf liegt in der Luft, es ist düster, das schwache Licht der Taschenlampen reicht kaum aus, um den etwa 60 x 9 m großen Raum auszuleuchten. Und trotz der drückenden Umgebung, der roh behauenen Wände, der Kälte, liegt eine seltsam andächtige, ja geradezu ehrfürchtige Stimmung in der Luft.

Zu Recht, beherbergt dieser Raum, in dem ich stehe, doch derzeit unfassbare Kunstschätze im Wert von rund 3 Milliarden Goldmark. Bilder von Rubens, Rembrandt, van Gogh, Renoir, wertvolle kirchliche und weltliche Kunstgegenstände wie der Kirchenschatz Siegburg oder – und dies gilt als der bedeutendste Fund – Teile des Aachener Domschatzes einschließlich des Karl-Schreins mit den Gebeinen Karls des Großen. Kunstwerke und -schätze, die eigentlich in den großen Museen der Welt oder in Kirchen ausgestellt sein müssten – doch stattdessen werden sie hier in diesem und einem weiteren identischen Raum gelagert. Mitten in einem Fels, durch rund 35 Meter massive Felswände vom Tageslicht getrennt.

Ich befinde mich in dem ehemaligen Bergwerksstollen „Alte Silberkaute“ in Siegen. Siegen, eine kleine Stadt mit 12.000 Bewohnern, ist eine der wenigen deutschen Städte, die ausreichend Bunkeranlagen besitzt, um ihrer gesamten Bevölkerung im Ernstfall Unterschlupf zu bieten. Und genau diese Tatsache rückt die eher unbekannte Stadt derzeit sogar in unserer amerikanischen Heimat in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: Dank ihres großen, beheizbaren „Hainer Stollens“, der direkt unter dem Burgberg liegt, wurde Siegen seit dem September letzten Jahres zum Kunstdepot für Kunstwerke unfassbaren Wertes. Heute, am 24. Mai 1945, beginnen die Rücktransporte der gefunden Kunstwerke zu ihren rechtmäßigen Eigentümern.

Um mich herum sind rund ein Dutzend Männer, Freiwillige sowie Gefängnisinsassen, mit der Verpackung der Kunstschätze beschäftigt. Es ist Eile geboten: Obwohl der Stollen ursprünglich von seinem Inhaber, der deutschen Firma Gontermann-Peipers GmbH, mit einer Hochofenanlage ausgestattet wurde, um den Stollen beheizen und gegen die Bergfeuchtigkeit isolieren zu können, sind die klimatischen Verhältnisse mittlerweile unhaltbar, denn das Versorgungssystem wurde während eines Bombenangriffs beschädigt. Für die empfindlichen Objekte bedeutet das denkbar schlechte Lagerungsbedingungen – es ist also im Interesse aller Beteiligten, das Kunstdepot Siegen möglichst schnell aufzulösen.

„Vorsicht mit dem Altar!“, schreit ein Mann zu meiner Linken. Ich erkenne ihn sofort aus anderen Zeitungsberichten, es handelt sich um den Bonner Theodor Wildemann, Landesbaurat und Sachverständiger, der mit der ständigen Kontrolle der Schätze im Hainer Stollen beauftragt war. Wildemann verdanken wir es auch, dass wir die Schöpfungen vergangener Meister und Künstler heute noch zu Gesicht bekommen. Als im März klar wurde, dass sich unsere Truppen der Stadt nähern, gab die SS den Befehl, die beiden Lagerräume im Felsen zu sprengen, um zu verhindern, dass „dem Feind“ die Kunstschätze in die Hände fallen. Nur durch die Weigerung Wildemanns, diesem Befehl nachzukommen, existieren die unglaublichen Werte noch. Ich erinnere mich an eine Aussage Wildemanns in einem Zeitungsbericht, die sich mir eingeprägt hat: „Ich bin dankbar, dass die Amerikaner am Ostermontag, angefangen beim Teil südlich von der Sieg [Anm. d. Red.: In diesem Teil Siegens liegt auch der Hainer Stollen], Siegen eingenommen haben. Andernfalls würde ich nicht mehr leben. Denn ich musste mich entscheiden: Rette ich die Kunstwerke und widersetze ich mich den Befehlen der SS, oder gebe ich nach? Und meine Entscheidung war eindeutig.“

Plötzlich bemerke ich einen Tumult in der hinteren Ecke des Raums. Einige Männer haben ihre Tätigkeiten unterbrochen, stehen im Kreis um einen großen, länglichen, verpackten Gegenstand und diskutieren. „Von Hand ist das unmöglich“, sagt einer von ihnen. „Mit der Verpackung wiegt der Schrein acht Zentner. Wir müssen uns etwas anderes überlegen, das schaffen wir so nicht!“. Es geht um den Transport des Schreins Karls des Großen zu den bereitstehenden französischen Armee-Lastwagen, die den Aachener Domschatz innerhalb der nächsten fünf Tage, bis zum 29. Mai 1945, auf direktem Wege in das Kellergewölbe des Aachener Doms zurückbringen sollen. Ebenso soll ein Großteil der gefundenen Kunstwerke Kölner Kirchen unverzüglich zu den Eigentümern zurückgebracht werden. Die übrigen Kunstwerke sollen zunächst nach Marburg geliefert werden, um dort unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen zwischengelagert und dann innerhalb der ersten Juni-Woche dieses Jahres rückgeführt zu werden.

Auf einmal kommt Bewegung in die Gruppe vor mir: Mit vereinten Kräften heben die Männer den verpackten Schrein auf einen zweirädrigen, flachen Drückkarren – im ersten Moment kann ich meinen Augen nicht trauen. Es ist unglaublich, unter welchen Bedingungen die wertvollsten Schätze Deutschlands, vielleicht sogar Europas, hier behandelt werden. Doch die Not heiligt die Mittel. Genau das muss sich auch der Siegener Oberbürgermeister Fißmer gedacht haben, als er vor zwei Wochen „den Feind“ zum geheimen Kunstdepot im Siegener Stollen führte.

„Wo sind die Bilder?“- mit diesen Worten soll unser amerikanischer Kommandant Georg Stout Fißmer bei seiner Ankunft am 2. April in Siegen überrumpelt haben. Denn obwohl die Bevölkerung der Stadt nichts von den geheimen unterirdischen Schätzen wusste, so war das Kunstlager im Hainer Stollen unseren Truppen bereits seit der Einnahme Aachens am 21. Oktober 1944 bekannt und wurde als wichtigstes Depot erachtet. Kein Wunder, rankten sich doch Gerüchte um den überaus wertvollen Schrein Karls des Großen. Je näher unsere amerikanischen Landsleute sich der Stadt näherten, desto mehr Informationen erhielten sie per Telegramm über die Einzelheiten des möglichen Inhalts. Dies ermöglichte es Georg Stout, dem leitenden Konservator des Fogg Museums und Experten für das Verpacken und Evakuieren von Kunstschätzen in Amerika, lange vor Einnahme der Stadt Zugang zum Stollen zu beantragen. Oberbürgermeister Fißmer, der der Absetzung durch die Nazis entgehen konnte, willigte ein. Seine Forderung: nur unter starker Bewachung mit Maschinengewehren zum Schutz vor Insassen des benachbarten Russenlagers „Heidenberg“.

So kam es, dass genau vor zwei Wochen eine denkbar ungewöhnliche Menschenschlange Zugang zum Hainer Stollen fand: Allen voran Bürgermeister Fißmer, gefolgt von Stout, dem Kunstschutzoffizier Captain Walker Hancock sowie dem Aachener Domvikar Erich Stephany, den Stout am Ostersonntag in einer Nacht- und Nebelaktion in Aachen abgeholt hatte. Stout beschrieb den Zugang zum Kunstdepot wie folgt: „Wir mussten uns versteckt durch einen etwa 1,80 m breiten und 2,50 m hohen Schacht vorwärts wagen. Das Taschenlampenlicht war denkbar schlecht, wir konnten kaum sehen, wo wir hintreten. Der Weg schien kein Ende zu nehmen: Etwa einen halben Kilometer tasteten wir uns Stück für Stück voran. Und zu meinem Erstaunen waren wir bei weitem nicht allein: Überall drängten sich Menschen zusammen, alliierte Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter, Menschen, die nicht vor dem Krieg hatten fliehen können. Die Luft war erdrückend, der Gestank bestialisch. Doch das schlimmste war die Angst und der Hass der Menschen vor uns Amerikanern, der in der Luft lag.“

Als die kleine Truppe endlich die beiden verschlossenen, bombensicheren Räume erreichte, stockte ihnen der Atem. Erstklassige Gemälde aus rheinischen Museen, hunderte Plastiken, stapelweise Kisten mit Kunstgegenständen beachtlichen Wertes – wie beispielsweise das Manuskript zu Beethovens 6. Sinfonie. Besonders der Aachener Domvikar Stephany geriet in Ekstase, lagerte hinter der Tür rechts doch nicht zu übersehen der Schrein Karls des Großen sowie sechs Kisten mit Gold- und Silberschreinen der Reliquien des Domschatzes. Das Besondere: Die Siegel waren vollständig unverletzt! Doch so schnell die erste Welle der Freude die Anwesenden überrumpelte, genauso schnell setzte Ernüchterung ein. Die schlechten Lagerungsbedingungen hatten dazu geführt, dass einige der Bilder mit Schimmel überzogen waren. Obwohl der Befehl des SS-Reichführers Himmler, die Kunstschätze in Siegen zu deponieren, erst im September letzten Jahres erfolgte und diese demzufolge nur sieben Monate im Stollen versteckt wurden, so hatte diese vergleichsweise kurze Zeit dennoch ihre Spuren hinterlassen. Da den Beteiligten zu diesem Zeitpunkt jedoch keine andere Wahl blieb, entschiedenen sie sich, Wachtposten aufzustellen, bis sie die zuständigen Befehlshaber überzeugen konnten, wie bedeutsam der Inhalt der beiden Räume ist.

Mein Blick fällt auf eine Schrifttafel, die am Eingang zum Raum angebracht ist. Deutlich lesbar steht hier:

            Golden Arrow Kunstmuseum (Siegener Kupferbergwerk)

            Europas Kunstschätze

            Restaurierte Gemälde alter Meister

            Rembrandt – Rubens – van Dyck – Delacroix – van Gogh – Holbein

            Gebeine und Krone Karls des Großen

            Originalmusik Beethoven

            entdeckt und bewacht durch die 8th Infantry Division

Die 8. Infanterie-Division – gewiss eine, wenn nicht DIE bekannteste amerikanische Einheit derzeit. Wer kennt Sie nicht, die Bilder, auf der unsere Soldaten die Krone Karls aufsetzen oder vor dem Schrein posieren: Die 8. Infanterie ist für die strenge Bewachung des Kunstdepots zuständig und hat eine regelrechte militärische Aktion aus dem Stollen gemacht. Kein Wunder, neben den bereits genannten Kunstwerken sehe ich Teile des Münsterschatzes Essen, einschließlich der Gold-Madonna, sowie wichtige Bestände des Suermondtmuseums Aachen, Kunstbestände, die anscheinend aus dem Bonner Kunstmuseum stammen sowie Altare, Messgeräte, Gewänder und Bilder aus dem Trierer Dom.

Ich werfe einen Blick auf die immer noch emsig agierenden Männer um mich herum und bin sicher: Ja, Stout wird sein Wort halten, dass er Oberbürgermeister Fißmer vor zwei Wochen gab. Er wird alle Schätze – unter militärischer Bewachung – zu den rechtmäßigen Eigentümern zurückführen.

Ich lasse meinen Blick ein letztes Mal durch den Raum schweifen. Es ist kaum zu glauben, was in diesem Stollen, für den über 10.000 Kubikmeter Felsmasse ausgehoben wurden und dessen Grundfläche von 2.230 Quadratmetern eigentlich etwa 3.000 Siegenern Schutz bieten sollte, stattdessen behütet. Was Karl der Große wohl davon halten würde, wenn er wüsste, wo sich seine Gebeine rund 1.100 Jahre nach seinem Tod befinden würden? Wir werden es niemals erfahren. Was wir dagegen ganz sicher erfahren werden, ist, ob und wie der Rücktransport dieser Tage gelingen wird.

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