Die Reise des Philipp von Bicken ins Heilige Land

von Sarah Homrighausen

Das Wort Pilger stammt vom lateinischen Wort Perigrinus ab und bedeutet Fremdling. Im Kirchenlatein wurde es zu pelegrinus abgewandelt, und bezeichnet eine Person, die aus religiösen Gründen in die Ferne zu einem heiligen Ort zieht. Der Pilger erwirbt sich durch seine Teilnahme die himmlische Gnade und wird seiner Sünden enthoben.

Nach archäologischen Belegen, war Jerusalem bereits vor der allgemeinen Christianisierung des römischen Reiches Ziel von Pilgerfahrten.

Im 4. Jh. verbreitete sich die Nachricht, dass Kaiserin Helena in Jerusalem die Kreuzreliquien gefunden habe, und dass das Grab von Jesus entdeckt worden sei. Ab diesem Zeitpunkt mehrten sich die Pilgerreisen ins heilige Land. Mehr als 1000 Jahre nach dieser Nachricht unternahm auch Philipp von Bicken aus Hainchen (geb. 1415, gest. 1485) eine Pilgerfahrt nach Jerusalem ins Heilige Land. Zu seinen Reisegefährten gehörten Graf Johann von Solms (1465-1483) ( auch genannt Herr Hans Graf von Solms, Herr zu Münzenberg) und Bernhard von Breydenbach (geb. um 1440, gest. 1497), dem es zu verdanken ist, überhaupt von dieser Reise zu erfahren. Bernhard von Breydenbach war Domdekan in Mainz und schrieb seinen Bericht über diese Reise in lateinischer Sprache nieder. „Peregrinationes in terram sanctum“ nannte er jenen Bericht. Ein weiterer Reisegefährte, Erhard Reuwich, übersetzte diesen Text später ins Deutsche und zeichnete auch alle Karten. Die Besonderheit an jenen Karten ist, dass sie an Ort und Stelle Detailgetreu wie Bilder aufgezeichnet wurden, und durch ihre Genauigkeit auch dem damaligen Betrachter ein sehr gutes Bild von der Landschaft in den fernen Ländern gaben. Im Juni 1486 erschien das gedruckte Werk. Für diesen Artikel wird die überarbeitete Version von Elisabeth Geck zugrunde gelegt.

Jeder von ihnen reiste mit einem Knecht und nahm die Reise zum heiligen Grab nach Jerusalem auf sich. Im Jahr 1483 (wahrscheinlich im April) trafen sie in Oppenheim am Rhein zusammen und schafften es laut Breydenbach, „in 15 Tagen mit geringen Kosten und Umwegen bis nach Venedig zu kommen“ .Würde man über Freiburg, Bern und Mailand nach Venedig reisen, wären dies knapp 910 km, das entspräche 60 km am Tag. Die genaue Reiseroute ist leider nicht überliefert. Zum Vergleich: Ein Reisender, der zu Fuß unterwegs ist, legt am Tag 25-40 km zurück. Ein Reisender, der es eilig hat und zu Pferd reist, schafft am Tag 50-70 km, mit Pferdewechsel sogar bis zu 80 km.

In Venedig traten weitere Reisende hinzu, nämlich zwei Freiherren und drei Ritter, ebenfalls mit ihren Knechten.

Am 17. Mai, dem Pfingstabend, schlossen sie einen Vertrag mit dem Patron des Schiffes, dem Contereni Augustin (zu deutsch: der Rheingraf), dass er ihnen acht Plätze für zunächst sechs Personen auf seinem Schiff zukommen lies. Acht Plätze deshalb, weil in Zypern zwei weitere Pilger Brüder hinzusteigen wollten. Eine Übersetzung des Vertrages sah wie folgt aus:

Zum ersten soll der gedachte Patron die Pilger von Venedig zu dem Heiligen Land und her wieder bis Venedig führen. Auch hat er sich verpflichtet und versprochen auszufahren, einen Tag eher die andere Galeere ausfährt, die Herrn Peter Landauer gehört. Es soll der Patron an alle Stätten und Häfen fahren, dahin man gewöhnlich pflegt zu fahren und an keiner Statt länger verharren denn zwei oder drei Tage, es sei denn großer Wind oder Fortuna auf dem Meer. Aber zu Cypern soll er so lang liegen, bis die Brüder gen Nicosia mögen kommen. Auch soll der Patron die Plätze der Pilger mit seinem Kaufmannsschatz beschweren oder verlegen. Dann soll er den Pilgern alle Tage zweimal zu essen und zu trinken geben, als erbahrenen Leuten von Stand und Geburt. So dass die Pilger um frisches Wasser oder andere notdürftige Sachen und Proviant zu bestellen an das Land wollen, soll ihnen der Patron das Schifflein leihen. Auch soll er dafür sorgen, daß die Pilger von niemand beleidigt werden. So soll er die Pilger zur rechten Zeit in das heilige Land wandeln lassen und in eigener Person bis an den Jordan mitreisen.

So ein Bruder stirbt, ehe sie zu dem heiligen Land kommen, so soll der Patron den halben Teil des Geldes wiedergeben. Auch soll der Patron alle Zölle, Geleits, Eselsgelder und alle Schatzung welchen Namen sie auch haben, bezahlen. Das Geld soll halb zu Venedig gegeben werden und der andere Teil zu Jaffa. Auch soll der Patron den Pilgern eine Stelle geben für ihren Hühnerkorb, Wasser, Holz, Salz und was sie bedürfen und durch ihren Koch oder sich selbst kochen, ohne alle Widerrede. Und soll solche Verschreibung nach Notdurft verbürgt und versichert werden, damit die Pilger wissen, ob einiges mehr oder nicht gehalten wurde und wie sich ein jeder bei dieser weiten Reise verhalten solle.

Warum die Reisenden darauf bestanden haben, einen Tag vor dem Schiff des Peter Landauer loszufahren lässt sich an dieser Stelle nicht klären.

Die Zeit bis zur Abfahrt verbrachte man allerdings nicht untätig. In Venedig besuchte man noch zahlreiche Kirchen und Klöster wie zum Beispiel das Kloster Sankt Helena oder das Sankt Georgs - Kloster, welches im Wasser liegt. Auch sahen die Reisenden den Schatz von Venedig, bestehend aus Krone, Gold und Perlen, Saphire und Smaragde. Auf der Insel Murano schauten sie sich die dort hergestellten Gläser an. Am 1.Juni war es dann so weit: Die Reisegruppe wollte mit dem Schiff um drei Uhr morgens in See stechen. Das Problem war allerdings, dass die Windbedingungen einen so frühen Start nicht erlaubten. Am frühen Vormittag konnte man dann endlich die lang ersehnte Reise beginnen, und da der Wind im Laufe des Tages stärker wurde, kam man bereits am folgenden Tag in Parenzo an, und von dort ging es dann weiter nach Corsu und Modon.

Ein Schiff unter Segel erreicht eine Geschwindigkeit von ungefähr elf Kilometer in der Stunde.

Von Modon ging es dann vorbei an Kreta (Candia) und Zypern. Nach weiteren drei Tagen konnten die Pilger vom Meer aus das Heilige Land sehen: „Weshalb wir gar sehr erfreut dasselbe grüßten, und wie es billig war mit Lobgesang ein fröhlich und andächtig Tedeum laudamus anstimmten.“ Vor der Stadt Jaffa (Joppen) warfen sie Anker. Allerdings mussten sie sechs Tage auf dem Meer warten, da der Patron des Schiffes zunächst seine Knechte losschickte, um Geleitschutz einzuholen.

Laut Reisebericht wurden sie zusammen mit dem Schiff von Peter Landauer in eine Höhle geleitet. In dieser Höhle wurden alle Christenpilger auf einer Liste verzeichnet, und man konnte sie, so lange wie es erforderlich war dort verschlossen halten. Die Pilger von dem Schiff des Contereni Augustin mussten nur eine Nacht dort bleiben, die übrigen Pilger des Schiffes von Peter Landauer aus unbekannten Gründen allerdings drei Nächte.

Nach einer Nacht in der Höhle ritten sie auf Eseln als große geschlossene Gruppe von Jaffa bis nach Jama, mussten aber vor der Stadt absteigen und den Rest des Weges zu Fuß zurücklegen. „Von Jaffa ritten der Herr von Rama und der Truzelmann mit zweihundert Pferden zum Geleit mit uns, um uns vor den Heiden, ihren Weibern und Rindern zu schützen, die sich in den Dörfern und auf den Feldern versammelten und mit Steinen in die Pilger warfen, so dass zu Zeiten etliche zu Tode getroffen wurden.

Am 12. Juli erreichte Philipp von Bicken mit seinen Gefährten endlich Jerusalem. Dort besuchten sie alle heiligen Stätten und nahmen an einer Prozession teil.

Bernhard von Breydenbach berichtet viel über das Land, die Eigenarten und über die Menschen, die dort lebten, nämlich Sarazenen, Juden und Christen. Breydenbach zeichnet in seinem Bericht das arabische, das hebräische, das griechische und das chaldäische Alphabet auf. Schnell wurde ihm klar, dass die einzelnen Religionen und Völker ausgesprochen heterogen waren und sich wiederum in mehrere kleinere Gruppen aufspalten ließen.

Am 22. Juli teilte sich die Pilgergruppe. Ein Teil von ihnen wollte mit dem Schiff wieder nach Hause fahren, ein anderer Teil beschloss, in Jerusalem zu bleiben und einen anderen Weg ins Heimatland einzuschlagen.

Nachdem die Reisevorbereitungen für den Weg durch die Wüste abgeschlossen waren, konnte am 24. August die Reise von Jerusalem nach Gazera (Gasa) fortgesetzt werden. Noch am selben Abend erreichten sie Bethlehem.

Am 9. September verließen sie die Stadt Gazera wieder. Ausgestattet mit 24 Kamelen und einem neuen Geleitsmann machten sie sich auf den beschwerlichen Weg durch die Wüste. Sie kämpften nicht nur gegen die Hitze an, sondern auch mit Ereignissen, die sie vorher noch nie gesehen hatten. So hielten sie beispielsweise den aufwirbelnden Sand in der Ferne für ein Feuer. Die Strapazen der Reise und vermutlich die ungewohnte Kost löste Erkrankungen unter den Pilgern aus. So wurde auch der Versuch ein Feuer für die Kranken zu entfachen, schnell wieder aufgegeben, da man in der Vorwüste nur dürre Pflänzchen finden konnte, welche sich dazu nicht eigneten.

Um sich eine Vorstellung davon machen zu können, wie beschwerlich solch eine Reise durch die Wüste ist, mögen folgende Angaben dienen: In der Wüste gibt es teilweise Temperaturschwankungen von 50° C und mehr. Ein Mensch benötigt in der Wüste sechs Liter Wasser am Tag und mindestens ein Kilogramm Lebensmittel. Eine Karawane kann am Tag 20 bis 25 Kilometer zurücklegen, wobei voll beladene Kamele fünf Kilometer und halb beladene Kamele zehn Kilometer in der Stunde schaffen. Ein Kamel kann 150 Kilogramm Last tragen und benötigt alle drei bis vier Tage 150 Liter Wasser.

Am 4. Oktober verließen sie endlich die Wüste und kamen dort an, wo das Rote Meer endet. In der Stadt Kairo übernachteten sie in einer Herberge. Von dort wollten sie wenige Tage später, nachdem sie die Stadt gesehen hatten, über den Nil nach Alexandria (Alexandrien) gelangen. Während der Nilfahrt sahen sie viele interessante Dinge, zum Beispiel: „Auf dem Wasser des Nil fahren viele Tiere, Krokodile genannt, die Menschen, Fischen und Tieren Gefährten sind.

An die Araber mussten sie einen Obolus zahlen, da man ihnen sonst alles geraubt hätte, was sie besaßen.

Alexandria war eine Hafenstadt, die durch viele Mauern gesichert wurde. Ihre Gebäude waren weder kostbar noch prachtvoll, was auch die Pilger feststellten mussten, aber da dort die Waren der Schiffe gelagert wurden, war sie stark gesichert. Die Nacht verbrachten sie zwischen den Mauern. Am nächsten Tag durften sie, nachdem man die Höhe des Zolls anhand des Gewichts der Kleidermasse und des Gepäckes berechnet hatte, die Stadt betreten und sie bekamen ihre Herberge am Hof des Königs von Sizilien, der in Alexandrien Besitztümer hatte. Breydenbach schrieb:„Der Hof ist nichts anderes als ein großes Kaufhaus, darin die Kaufleute mit all ihrem Gut liegen.“ 

Die Pilger schauten sich auch diese Stadt an. Herr von Solms erkrankte, starb und wurde in der Kirche Sankt Michaelis von Alexandrien begraben.

Am 15. November, nachdem sich die Reisenden auf mehrere Schiffe verteilt hatten, brach man von Alexandria aus den Weg in die Heimat an. Durch das verdorbene Wasser, welches die Pilger in Alexandria getrunken hatten, wurden wieder viele krank, auch musste man damit kämpfen, dass bedingt durch schlechte Windverhältnisse die Fahrtroute nicht genau eingehalten werden konnte. „Am 8. Tag des Monats Januar sahen wir in der Frühe die Stadt Venedig und sobald die Venediger unsere Ankunft vernahmen, läuteten alle Glocken, und sie kamen uns in Barken entgegengefahren. Unsere Freude war sehr groß und wir sagten viel Lob und Dank dem Allmächtigen.“

 

Die Pilgerreise endete im November 1483. Nur zwei Jahre später, nämlich 1485 verstarb Philipp von Bicken im Alter von 70 Jahren.

Noch heute erinnert die Wasserburg in Hainchen an Philipp von Bicken. Sie gehörte einst zu seinen Besitztümern. Im Jahr 1290 wurde die Wasserburg erstmals urkundlich erwähnt, und 1443 wurden Burg und Tal zum Hain als Lehen an Philipp von Bicken vergeben. Er war verheiratet mit Liese von Gudensberg. Außerdem war er Oberamtmann der Grafschaft Nassau-Dillenburg und besaß ein Burglehen von Montabaur und Biedenkopf.

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