Die Martinikirche in Siegen in der Zeit von 1000−1200 n. Chr.

− Ein Rekonstruktionsversuch − von Uwe Kocsis

Die Quellenlage bezüglich der Martinikirche in Siegen ist für die Zeit vor 1200 n. Chr. sehr rar; daher stützen sich die Erkenntnisse über das ursprüngliche Erscheinungsbild des Sakralbaus ausschließlich auf die Ergebnisse von archäologischen Untersuchungen beziehungsweise Grabungen aus den Jahren 1959/´60 sowie 1990.

 

Ausgehend von den bislang entdeckten Grundmauerresten kann vermutet werden, dass es sich bei dem Gebäude um eine romanische Basilika gehandelt haben muss, die größer gewesen sein dürfte, als es das heutige Erscheinungsbild zeigt.

Teile der ursprünglichen Sakralanlage sind noch heute Bestandteil der Martinikirche so wie der nach Osten ausgerichtete Bereich des Altarraums: Bei Betrachtung der unverputzten Außenmauer erkennt man oberhalb des prächtigen Fensters noch den gemauerten Bogen der ehemaligen romanischen Chorapsis (Basiliken im romanischen Baustil verfügen über einen halbrund aufgemauerten Chorraum direkt hinter dem Altar, in welchem Mönche, Nonnen oder andere Geistliche sangen). Gestützt wird diese Erkenntnis durch die im Boden nachgewiesenen halbkreisförmigen Mauerreste

unmittelbar vor der heutigen Außenmauer. Um diesen Fund der Öffentlichkeit nicht vorzuenthalten, wurden die Grundmauern wieder bis auf ca. 50 cm aufgemauert. Außerdem finden sich im heutigen Dachstuhl der Kirche noch halbbogenförmig gemauerte Reste des ehemaligen „Apsisdaches“.

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Die Mauern, welche im Inneren der Kirche links und rechts den Altarraum umschließen, sind von besonderer Bedeutung, da sich in ihnen nachgewiesenermaßen schmale Treppenaufgänge befinden beziehungsweise befunden haben, was den Schluss zulässt, dass es dort Aufgänge in eine höhere „Etage“ gegeben hat. Einer der entdeckten Treppenaufgänge wurde freigelegt und ist zu besichtigen. Der hohe Raum der Chorapsis wurde eventuell von zwei quadratischen Türmen flankiert, was die Existenz der Treppen ebenfalls erklären würde. Glücklicherweise wurden bei der letzten Sanierung des Kircheninneren in den Jahren 1990/´91 Funde von zugemauerten Rundbogentüren in den oberen Innenbereichen der Mauern getätigt; diese wurden nicht komplett unter Putz gebracht, sondern sind durch Ritzungen kenntlich geblieben. Diese Entdeckungen sind ein weiteres Indiz für einen romanischen Vorgängerbau, welcher wenigstens zwei begehbare Etagen besaß.

Ausgehend von der quadratischen Ausrichtung und der Dicke der Mauern barg das Westwerk gegenüber der Apsis vermutlich einen mächtigen Mittelturm mit zwei Rundtürmen an den Seiten; unklar ist aber, ob der noch heute erhaltene Rundturm zu den ursprünglichen gehört. Auch an den Innenseiten der westlichen Mauern finden sich zudem in den oberen Bereichen zugemauerte Rundbogentüren.

 Foto 0021Diese wenigen Erkenntnisse ermöglichen zumindest ansatzweise ein Bild, wie die romanische Basilika ausgesehen haben muss: Sie verfügte über ein mächtiges Westwerk mit vermutlich einem mächtigen Mittelturm und zwei Rundtürmen, von wo aus sich das zweigeschossige Mittelschiff bis zur halbrunden Chorapsis erstreckte, welche von zwei quadratischen Türmen flankiert wurde. Der Boden der romanischen Martinikirche war vermutlich mit einem Mosaik in Sonnenkreis- und Kreuzornamentik aus schwarzen, weißen und roten Tonfliesen ausgelegt. Dies ergibt sich aus dem gefundenen und zu besichtigenden Mosaik (datiert auf 1000 n. Chr.) in der heutigen Martinikirche in Siegen; ob es sich dabei um den ursprünglichen Boden des ersten Baus handelt, lässt sich jedoch nicht mit letzter Sicherheit sagen.

 

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