Gewerkenfamilie Meinhart und ihre Hütte in Meinhardt

von Sarah Euskirchen

„Auf der Meinhardt“ – so heißt noch heute eine Straße in Siegen-Weidenau. Geografisch lässt sich die Straße in etwa dort verorten, wo im späten Mittelalter die Hütte der Gewerkenfamilie Meinhardt stand. Im Folgenden gibt ein fiktiver Brief des Gewerkenmannes Henn Meynert an seinen Sohn Einblicke in damalige Lebensverhältnisse. Die Informationen, die im Brief zu finden sind, stammen aus Quellen, die der Verfasserin vom Kreiskirchenamt zur Verfügung gestellt wurden und der Ahnenliste der Familie Meinhard.

Im Jahre 1569

Mein lieber Sohn Hermann,

ich möchte Dir in diesem Brief von meinem Vater erzählen und vor allem auch über mein Leben berichten. Mir ist es wichtig, dass du diesen Brief auch später deinen Kindern zeigst, denn ich schreibe ihn Dir, um unsere Familiengeschichte aufzuzeichnen. Ich bin voller Hoffnung, dass unsere Geschichte auch die folgenden Generationen erfahren.

Mein Vater Arnolt Ficke, der auch oft Arnt vorme Eynoit genannt wurde, wurde um 1450 geboren und ist 1523 verstorben. Wir waren sechs Kinder zu Hause. Wie du ja weißt, besitzen mein Bruder Johannes und ich das Hammergewerk am Hammer von Meinhardt. Geerbt haben wir dieses von unserem Vater, der hier von 1479 bis 1515 arbeitete. Er lebte als erster Hammerschmied in der Nähe seiner Hammerhütte, weswegen sein Familienname „Ficke“ um 1500 langsam zurück trat und der Familienname durch die Ortsbezeichnung „vorm Eynot“ bzw. „vor der Meinhardt“ ersetzt wurde. So entstand der Familienname Meinhardt. Aus „vorm Eynot“ entwickelte sich das Wort Meinhardt, da durch das Zusammensprechen der beiden Begriffe „vorm Eynot“ „Meynot“ entstand. Die erste Erwähnung des Namens „Meinhardt“ findet sich 1523 im Bescheidbuch des Amts Siegen.

Unser Hammergewerk ist ab 1417 verzeichnet, allerdings noch unter anderem Namen. Mein Vater ging davon aus, dass hier die Schrift falsch gelesen wurde und sich so Übertragungsfehler eingeschlichen haben. 1479 wird das erste Mal mein Vater als Arnt vorm Eynoit mit der Abgabe von einem Gulden erwähnt, und 1530 wird dann unsere Hammerhütte erstmals in der Rechnung einer Mühle erwähnt. Was es mit diesen ganzen Abgaben und Rechnungen auf sich hat, dazu komme ich später. Wenn ich mich recht erinnere, arbeiten mein Bruder und ich seit 1523 in unserer Hütte. 1534 habe ich dann eure Mutter geheiratet, und auch wir bekamen sechs Kinder wie schon meine Eltern.

Nun aber zu den zu zahlenden Rechnungen und Zinsen in der Hütte. Alle Hütten werden auf der Hüttenzinsliste der Siegener Renteirechnung aufgeführt; diese gibt den Gewerken den zu zahlenden Hüttenzins an. Im Allgemeinen ist das ein Wasserzins. So musste 1505 und 1517 der „Hamer vur der Meynolt“ bzw. der „Hamer vorm Eynode“ vier Gulden zahlen. Auch im Jahr 1594 hat der „Hamer Einode oder Meinhardt“ noch vier Gulden zahlen müssen. Du siehst also, dieser Zins ist sehr stabil. Dann gibt es noch eine Bede- und Schatzungsliste. Diese gibt Auskunft über die Abgabe vom liegenden Besitz und über die Vermögenssteuer. Eine weitere Liste ist die Türkensteuerliste. Hier muss ich einen Gulden zahlen. Außerdem gibt es eine Eisenzollliste; diese gibt an, wie viel jeder Hammerschmied an Schmiedeeisen zu zahlen hat. Im Jahr 1550 musste ich zum Beispiel 6 ½ Schienen zahlen.

An 240 Tagen im Jahr arbeiten wir; diese Arbeits-Zeit wird in zwei „Reisen“ geteilt: die Sommerreise (2. Februar bis 24. Juli) und die Winterreise (7. September bis 24. Dezember). Während der Haupternte und an den Tagen, an denen das Wasserwerk trocken liegt oder Frost herrscht, arbeiten wir also nicht. Unsere Hütte liegt direkt an der Sieg und liegt in der Hüttensiedlung Meinhardt, welche der Gemeinde Weidenau angehört.

Über die Entwicklung der Hammersiedlung und der wirtschaftlichen Lage möchte ich Dir kurz in ein paar Sätzen berichten, bevor ich zum Schluss komme. Wie ich ja schon erwähnte, war mein Vater der erste Hüttenbesitzer, der auch in der Nähe seiner Hütte lebte. Im Jahr 1546 sind mir insgesamt drei Hammerschmiede bekannt, die hier ansässig sind. Vor 1546 kam ein viertes Haus hinzu. Ich kann sagen, dass diese Häuser alle von relativ hohem Wert und sehr geräumig sind. Meinhardt nimmt wirtschaftlich gesehen eine Mittelstellung unter den Hüttensiedlungen ein.

Mein Sohn, ich hoffe, ich konnte Dir einen kleinen Einblick in die Anfänge unserer Familiengeschichte geben und bitte nochmals darum, bei gegebener Zeit diesen Brief an deiner Kinder weiter zu reichen.

Dein Vater Henn

image001
Seit Jahren betreiben insbesondere die Brüder Günther und Jost Meinhard intensive Ahnenforschung und ermöglichen es, ihre Familiengeschichte zurück bis ins 15. Jahrhundert zu rekonstruieren und in Siegen zu verorten.

Literatur:

Böttger, Hermann, 1949: Auf den Hütten. Siegen: Selbstverlag des Vereins für Heimatkunde und Heimatschutz.

Böttger, Hermann, 1957: Geschichte der Familie Flender 1. Band. Bocholt: Flender & Co.

Meinhard, Ernst Günter, Jost Tiedemann Meinhard, 2010: Ahnenliste der Familie Meinhard.

Zugriffe: 72 Drucken E-Mail