Die Erinnerung an das Weidenauer Calvinhaus

von Freya Kristin Möller

Das Weidenauer Calvinhaus wurde in den Jahren 1932 bis 1933 am Vogelsang erbaut. Der Pfarrer Dr. Gustav Haarbeck war hauptverantwortlich für den Bau dieses Gemeindehauses. Es war 77 Jahre ein zentraler Treffpunkt für die Gemeindemitglieder des Vogelsangs. Mithilfe des Interviews mit Friedhelm Wunderlich möchte ich die Erinnerung an dieses bedeutsame Gebäude wieder aufleben lassen.

Interview mit Friedhelm Wunderlich:

Kannst du mir sagen, aus welchem Grund das Calvinhaus gebaut wurde?

"Die Gemeinde und die Kolonie Vogelsang wollten ein Gemeindehaus haben. Das wurde damals von dem Pastor Haarbeck im Hand- und Spanndienst von Vogelsänger Männern gebaut. Es war das erste Fertighaus im Siegerland. Der Sockel war gemauert und oben waren Stahlplatten zusammengefügt."

Das Gebäude wurde 1932 bis 1933 erbaut. Was bedeutete dies für die Gemeinde?

"Der Bau dieses Gebäudes hatte einen enormen Wert für die Gemeinde des Vogelsangs, da sie zuvor keinerlei Raum für Versammlungen hatte. Die Bewohner hatten die Möglichkeit, die Kinder in den Kindergarten zu schicken. Auch die Gottesdienste in der direkten Nähe waren sehr bedeutsam, da sie nicht den langen Weg zur Haardter Kirche zurücklegen mussten. Jede Woche hatten die Frauen die Möglichkeit, sich in der Frauenhilfe zu treffen und sich mit anderen Frauen zusammenzusetzen, zu reden und natürlich auch Kaffee zu trinken. Während der Frauenhilfe wurde stets eine Andacht des Gemeindepastors abgehalten. Innerhalb der Gruppe waren Bezirksfrauen, welche Besuchsdienste absolvierten, in denen sie alte und kranke Menschen besuchten. Das Calvinhaus bat somit einen wichtigen Zusammenhalt der Gemeinde."

Für welche Zwecke wurde das Calvinhaus genutzt?

"Zuerst war dort der Kindergarten. Anschließend wurde es für jahrelange Kindergottesdienste und sonntagmorgens normalen Gottesdienst genutzt. Es wurde auch genutzt für Geburtstagsfeiern und Hochzeiten. Es gab auch eine Frauenhilfe, einen Mütterkreis und einen Abendkreis, der abgehalten wurde. Die gehen jetzt ins Fliednerheim, der Abendkreis, der sich im Calvinhaus versammelt hat."

Welche Aktivitäten und Ereignisse hast du im Calvinhaus miterlebt?

"Von 1943 bis 1945 Kindergarten. Danach Kindergottesdienst und von 1963 bis heute bin ich Mitglied im Calvinchor. Allerdings ging die Chor-Zeit im Calvinhaus nur bis 2009, da es dann abgerissen wurde. Danach sind wir in das Gemeindehaus in die Schmiedestraße umgezogen. Ich habe auch viele Feiern in dem Haus miterlebt. "

Was ist das letzte, was du im Calvinhaus gemacht hast?

"Das war die Mitwirkung vom Calvinchor beim 100-jährigen der Kolonie des Vogelsanges. An dem Tag waren alle Vogelsänger eingeladen. Auf dieser Feier wurde das "Weidenauer Lied" von Ernst Dieter Bruch uraufgeführt. Außerdem wurden auch Grußworte des damaligen Bürgermeisters Ulf Stötzel und des Gemeindepfarrers Heiermann der evangelischen Kirchengemeinde und des katholischen Pfarrers Neumann vorgetragen. Das Unterhaltungsprogramm wurde von dem Calvinchor und der Jagdbläser veranstaltet."

Aus welchem Grund wurde das Gemeindehaus abgerissen?

"Ich nehme an, weil die Kirchengemeinde kein Geld hatte, um das Gebäude zu erhalten und dadurch war natürlich für die Gemeinde am Vogelsang kein Ort mehr da, wo sie sich versammeln konnten."

Wieso konnte der Abriss nicht verhindert werden?

"Weil auf dem Vogelsang kein Verein bestand, der es hätte übernehmen können wie zum Beispiel das Paul Gerhardt-Haus auf der Meinhardt."

Welche Folgen hatte der Abriss für die Gemeinde am Vogelsang?

"Der Kindergarten war schon lange nicht mehr da oben. Es wurden keine Gottesdienste mehr abgehalten. Diese waren auch zuletzt nicht mehr so gut besucht. Nach der 100-jährigen Feier wurde das Haus ausgeräumt. Somit wurde der Calvinchor und die anderen Gruppen gezwungen, einen anderen Versammlungsort zu suchen."

Welche Gefühle kamen bei dem Abriss hervor?

"Also es war sehr traurig, wenn man seit Kindheit an in dem Haus, über 60 Jahre mit Kindergarten, Kindergottesdienst und Übungslokal des Chors ein- und ausgegangen ist. Deswegen vermisst man das Haus jetzt auch und es ist wirklich schade. Es ist sehr schmerzhaft, diesen Ort für immer hinter sich gelassen zu haben."

Wie fandest du die Idee von der Glocke und dem Baum, der auf dem Vorplatz als Erinnerung platziert und gepflanzt wurde?

"Die Idee kam von den direkten Nachbarn. Und ich find das ganz gut, dass daran erinnert wird, dass da mal etwas anderes gestanden hat als die neuen Mietshäuser. Die Häuser passen nicht zur restlichen Bebauung. Es war nicht notwendig so große Gebäude auf dem engen Raum zu bauen."

1933 Einweihungsfeier

1933 Einweihungsfeier

1945 Kindergarten

1945 Kindergarten
1985 im Frühjahr 
1985 im Frühjahr 
Vorbereitung für den Abriss 2009 
Vorbereitung für den Abriss 2009 
Entgültiger Abriss am 14. Dezember 2009
Endgültiger Abriss am 14. Dezember 2009

Der Standort 2016 mit Mietshäusern

Der Standort 2016 mit Mietshäusern
Gedenkstein mit der Glocke aus dem Turm des Calvinhauses am Schülerweg in Weienau
Gedenkstein mit der Glocke aus dem Turm des Calvinhauses am "Schülerweg" in Weienau
Hoffnungslinde für  Calvin Buche 2009 am Schülerweg in Weidenau

Eine Buche als Zeichen der Erinnerung an das Calvinhaus am "Schülerweg", welche von den Nachbarn des Calvinhauses in einem feierlichen Rahmen gepflanzt wurde

Hoffnungslinde für Calvin-Buche 2009 am "Schülerweg" in Weidenau

Die Verfasserin möchte sich recht herzlich, bei Friedhelm Wunderlich für das ausführliche Interview zum Calvinhaus in Weidenau bedanken. Dank der zahlreichen Fotos aus vergangenen Tagen, konnten wir die Erinnerung an dieses, für die Gemeinde, bedeutsame Bauwerk, wieder aufleben lassen.

Bilderverzeichnis:
Alle Fotos befinden sich im privaten Besitz von Friedhelm Wunderlich.

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