Joself Schrage - Vom Olper Metallarbeiter zu einem "Vater des Grundgesetzes"

von Nadine Burghaus

Erst gehörst du deinem Gotte, ihm zunächst der Heimat Erde.“
Dieses Zitat des westfälischen Dichters Friedrich Wilhelm Weber (1813–1849) drückt jenes Weltbild eines Olper Zentrumspolitikers aus, der am 8. Mai 1949 an der Verabschiedung das Grundgesetz unseres Landes im Parlamentarischen Rat in Bonn beteiligt war. Die Rede ist von Josef Schrage (1881–1953), der als Sohn eines Metallarbeiters zur Welt kam und sehr an seiner Heimatstadt Olpe hing. Daher setzte er sich nicht nur aus politischen, sondern auch aus sozialen Gesichtspunkten in vielfacher Weise für die Bewohner der Kreisstadt ein und hielt auch über die kommunale Tätigkeit hinaus an diesem Selbstverständnis, sich vor allem der Heimat gegenüber verpflichtet zu fühlen, fest.

Einsatz für die Arbeiter
Der junge Schrage trat zunächst in die Fußstapfen seines Vaters und arbeitete in der Olper Metallindustrie, als er beschloss, sich  auf der örtlichen Handwerker-Sonntagsschule fortzubilden. Der Leiter des katholischen Arbeitervereins, Emil Wenske (1869–1953), verhalf ihm außerdem zu einer Teilnahme an den sozial- und wirtschaftspolitischen Kursen, die vom „Volksverein für das katholische Deutschland“ in Mönchengladbach angeboten wurden. Die Bemühungen, sich politisch weiterzubilden, lohnten sich: Ab September 1917 wurde er Gewerkschaftssekretär des Christlichen Metallarbeiterverbandes.

Mit 26 Jahren heiratete er seine Frau, Wilhelmine Schmidt (1882–1956), die ebenfalls aus Olpe stammte. Zwei ihrer neun Kinder starben später im Zweiten Weltkrieg.

Parteipolitisch gehörte Josef Schrage ab 1919 der katholischen Zentrumspartei an und wirkte bis 1933 u.a. in mehreren kommunalen Ämtern: Er war Mitglied der Olper Stadtverordnetenversammlung und gleichzeitig Leiter der Zentrumsfraktion. Außerdem wirkte er als Beauftragter des Kreistages u.a im Bezirksausschuss der Regierung in Arnsberg mit. 1921 wurde er zusätzlich als Zentrumsvertreter in den westfälischen Provinzialtag in Münster gewählt.

Als Direktor des Olper Arbeitsamtes musste sich Josef Schrage im Zuge der Inflation von 1927 einigen Herausforderungen stellen, wie zum Beispiel der Tatsache, dass kleinere Firmen sich (u.a. aufgrund des Flächentarifvertragssystems) keine Arbeitskräfte mehr leisten konnten und diese daher zunehmend kündigten. Zur Bewältigung dieses Problems gelang es Schrage, ein sehr hilfreiches Arbeitsbeschaffungsprogramm in die Wege zu leiten: 1600 Arbeitskräfte beteiligten sich an dem freiwilligen Projekt „Straßenbau“ oder zahlreichen anderen Projekten.

Widerstand gegen die NSDAP
Schrage hatte durch seine Bemühungen zur Arbeitsbeschaffung große  Anerkennung – speziell die der Arbeiter im Kreis –  geerntet. Den Nationalsozialisten war er somit ein Dorn im Auge, da sie befürchteten, der Zentrumspolitiker könne eigenständigen Einfluss auf die sauerländische Bevölkerung ausüben. Darum legte er am 31.03.1933 gezwungenermaßen all seine Ämter nieder und äußerte sich öffentlich  folgendermaßen zu seinem Rücktritt: „(...) Es schmerzt mich sehr, dass es mir unmöglich ist, noch weiter im Dienst meiner lieben Vaterstadt tätig zu sein.“ (Zit. n.: 10c des SGO (Projektband zum Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte): Alltag im Nationalsozialismus. Der Widerstand im Olper Raum. Olpe 1981, S. 64.)

Die Antwort darauf erschien Anfang April 1933 im „Sauerländischen Volksblatt“ unter der Überschrift: „Der Dank des Zentrums an Josef Schrage“. Darin sprachen die Mitglieder der Zentrumspartei ihr tiefes Bedauern über seinen Rücktritt aus. Die Anzeige endete mit den Worten: „Möge eine spätere Zeit Ihrer Verdienste mehr gerecht werden, als die heutige.“ (Zit. n. Wermert, Josef (Hrsg), u.a. (2002) : Olpe in Geschichte und Gegenwart. Jahrbuch des Heimatvereins  für Olpe und Umgebung e.V. Olpe, S. 113.) Dieser Wunsch sollte ein paar Jahre später in Erfüllung gehen, doch zunächst stellte das Schicksal den nun arbeitslosen Politiker vor andere Herausforderungen: Ein Freund bot ihm einen Posten als Botenbetreuer des Blattes „Tremonia“ – das hauptsächlich von NSDAP-Gegnern gelesen wurde – an. Auf diese Weise eröffnete sich eine Möglichkeit für Schrage, den heimlichen Kontakt zu den Zentrumsanhängern aufrechtzuerhalten und weiterhin politisch tätig zu sein – im Untergrund. Was ihm zu der Zeit besonders am Herzen lag, war die Sicherung des Privatbesitzes der Olper Franziskanerinnen: Josef Schrage entzog den Nationalsozialisten jeglichen Zugriff darauf, indem er die Ländereien, Grundstücke etc. zunächst übernahm und sie dann an die jeweilige Besitzerin überschrieb. Auf diese Weise gelang es ihm, sich auch außerhalb der politischen Öffentlichkeit für die Menschen seiner Heimat einzusetzen.

Ein neuer Anfang
In der Zeit nach 1945 eröffnete sich die Möglichkeit für Josef Schrage, Politik zum Beruf zu machen: Auf Anraten des Pfarrers Franz Menke ernannten ihn die Amerikaner am 1. Mai 1945 zum Bürgermeister von Olpe. Er widmete sich umgehend der Aufgabe, die Stadt von den „Trümmern“ des Zweiten Weltkrieges zu befreien, indem er sich u.a. um die Lebensmittelversorgung bemühte. Dabei setzte Schrage vor allem auf die solidarische Mitarbeit der Bürger: Jedes Dorf sollte eine bestimmte, ihm zugeteilte Einrichtung mit Lebensmitteln versorgen. Der neue Bürgermeister bemühte sich um eine Aussöhnung mit den in der NS-Zeit geflüchteten jüdischen Familien. Doch nur wenige von ihnen nahmen das Angebot an, wieder in die alte Heimat zurückzukehren. Im August 1945 hielt der neue Bürgermeister Schrage während einer Versammlung zum Thema „Schicksalsstunde der Heimat“ eine Rede, in der er seine christliche Weltanschauung als  „Grundlage für den Wiederaufbau des deutschen Volkes" (Wermert, Josef  (2002), S. 118.) vorstellte. Diese Idee wurde wenig später durch die Gründung der CDU (Landesverband Westfalen) verwirklicht, bei der auch Schrage mitwirkte und zum Parteivorstand zählte. Im April 1946 wurde er – einhergehend mit dem Ehrenamt des Olper Landrates – Leiter des CDU-Kreisverbands Olpe.

Der Parlamentarische Rat und das Grundgesetz
„Freiheit und Demokratie, Menschenwürde, nationale Selbstbestimmung, Rechts- und Sozialstaatlichkeit“ (Lange, Erhard: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Der Parlamentarische Rat und das  Grundgesetz. Heidelberg 1993, S. 5.) lauten die Grundlagen unserer Verfassung, die im August 1948 vom Parlamentarischen Rat in Bonn diskutiert und schließlich am 8. Mai 1949 verabschiedet wurde. Auch Josef Schrage befand sich als sauerländischer Vertreter unter den Abgeordneten. Der Rat bestand aus mehreren Ausschüssen, die mit jeweils unterschiedlichen Aufgaben betraut wurden. Schrage beteiligte sich u.a. im Grundsatzausschuss, der sich hauptsächlich um die Staatssymbolik und die Grundrechtsbestimmungen kümmerte. Was die Quantität seiner Redebeiträge betrifft, beschrieb ihn ein britischer Gesandter folgendermaßen:  „ (...) Schrage said next to nothing, contending himself with voting on the party line." (Wermert, Josef (2002), S.121)

Der Grund für Schrages dezentes Verhalten lag nach den Aussagen seiner Enkelin, Wilma Ohly, darin, dass er mit der Wortgewandtheit der vielen rhetorisch geschulten Akademiker (meist Juristen und Professoren) aufgrund mangelnder Bildungsmöglichkeiten seiner Jugend nicht Schritt halten konnte. Allerdings konnte er sich auf seine weitreichende politische – und seine Lebenserfahrung beziehen. Diese erlaubte ihm zum Beispiel, vor missverständlichen Formulierungen zu warnen, die die Gefahr von  „falschen Versprechungen“ begünstigten. Zwar leistete er bei den Diskussionen im Parlamentarischen Rat nur wenige Beiträge, doch erwies er sich später im Landtag als entschiedener Redner, als es darum ging, das Landesparlament vom neuen Grundgesetz zu überzeugen: „Ich würde mich als deutscher Mensch mein Leben lang schämen, wenn ich einmal eine so klägliche Haltung in einer so wichtigen deutschen Frage eingenommen hätte.“ (ebd., S.123), betonte er gegenüber zwei Zentrumspolitikern, die sich weigerten, dem Gesetz zuzustimmen. Er hatte seine Ziele also nie aus den Augen verloren. Der vielseitige Politiker, der als Arbeiter in der Metallindustrie begann und zu einem Mitglied im Parlamentarischen Rat aufgestiegen war, wurde anlässlich seines 70. Geburtstags (1951) zum Olper Ehrenbürger ernannt. Am 22. Oktober 1953 wurde ihm bei seinem Rücktritt als Landrat das Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik verliehen. Zum 40. Jahrestag des Grundgesetzes 1989 wurde ihm außerdem ein Denkmal gesetzt, und so erinnert noch heute der „Landrat-Josef-Schrage-Platz“ in Olpe an seine Taten. Im  Kreisgebiet war man also stolz auf einen Mann, der seine familiären Wurzeln – die in der „gewöhnlichen“ Arbeiterschaft lagen –, seinen katholischen Glauben und seine Heimat niemals aufgegeben hatte. Selbst nachdem er die überregionale Grenze bis hin in den Parlamentarischen Rat überschritten hatte, strebte in seinem Herzen hauptsächlich das Wohl seiner Mitbürger an. Josef Schrage verstarb am 27. November 1953. Während der Trauerfeier meinte ein Fraktionskollege: „Er blieb Arbeiter bis er starb.“ (ebd., S. 129).

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