„Karl May wäre stolz auf mich gewesen – meine Mutter nicht…“

von Mirka Brachmann

Es war kalt. 16 kleine Fensterscheiben mit einem Rahmen aus Gusseisen waren zugefroren. Wir gingen mit dem Mund ganz nah an eine der Scheiben, aber nicht zu nahe, dann klebten die Lippen fest. Wenn wir dann kräftig hauchten, entstand ein kleines Guckloch, durch das wir vielleicht den Nikolaus sehen konnten. Doch durch das angehauchte Küchenfenster sahen wir nur die alte Schmiede, die Molkerei mit ihren großen Schornstein, die weißgefrorene Wiese und ein paar Äste des Kastanienbaumes.

Unser großer Kastanienbaum direkt neben dem Haus bot zu jeder Jahreszeit unbegrenzte Möglichkeiten zum Klettern, Schaukeln und Verstecken. Mit dem raschelnden Herbstlaub bauten wir Zimmer für unsere Puppen und natürlich für Teddy, unseren Hund. Teddy wurde von uns liebevoll eine „verbastete Ratte“ genannt. Vermutlich weil er ein kleiner Spitz mit aufgerolltem Schwanz war, der von unzähligen verschiedenen Hunderassen abstammte.
Fein zerkrümelt stopften wir mit dem Laub unsere Stutenmannpfeifen für die ersten Rauchversuche. Die schönsten, prall glänzenden Kastanien schenkten wir allen, die wir gut leiden konnten. In die Tasche gesteckt, bewahrten sie uns vor Krankheit und Hunger. Ich glaube, wir liebten unseren Kastanienbaum sehr. In Erinnerung an ihn und die Kastanienbäume im Park der benachbarten Villa Hartmann pflanzten wir in späteren Jahren auch einen Kastanienbaum in unseren Garten.

Es war kalt. Meine Schwester, meine Cousine und ich stellten Hocker vor das Fenster – im Rücken fühlten wir die bullernde Wärme des Küchenherdes – und spielten mit unseren Puppen „Mutter und Kind“. Ein Spiel „Mutter, Vater, Kind“ kannten wir nicht. Mein Vater, wie viele Väter, war im Krieg. Und was spielten wir? Die Mutter versorgte ihr Puppenkind, da klopfte es an die Tür und ein Besucher brachte die schlimme Nachricht, dass der Vater im Krieg gefallen war. Die Puppenmutter weinte herzzerreißend und drückte ihr Puppenkind an die Brust. Diese Szene war uns vertraut. So viele Familien erlebten sie.
Mein Vater war als Soldat in Frankreich, machte den Russlandfeldzug mit und die Partisanenkämpfe in Italien. Zuletzt kam er in amerikanische Gefangenschaft. Es war der Wunsch meiner Mutter, dass wir in den Schulferien jeden Tag die heilige Messe besuchten, um für eine glückliche Heimkehr unseres Vaters zu beten. Eines Tages stürzte unsere Mutter aus dem Haus heraus, lief auf meine Schwester und mich zu, umarmte und küsste uns: "Ich habe Nachricht, der Papa kommt nach Hause! Jetzt hat sich das Beten doch gelohnt!" Ein paar Tage später stand ein Mann in der Küche. Ich lief zu meiner Mutter und rief:"Mama, da ist ein fremder Mann mit einem Stoppelbart!" So lernte ich meinen Vater kennen.

In der Adventszeit wurden am Sonntagabend die Kerzen des Adventskranzes angezündet. Die notwendigen Tannenzweige holten wir am Brüjjer Berg. Jedes Jahr wurde der Kranz mit denselben Sternen, Pilzen und Zapfen geschmückt. Der Adventskranzständer trug an der Spitze einen roten Stern, so vertraut – Jahr für Jahr – so vertraut. Die brennende Kerze warf den Schatten des Kranzes an die Decke, an jedem Sonntag wurde der Raum ein bisschen heller. Wir sangen Lieder aus dem Gebetbuch, so schöne. Und wenn wir Glück hatten, ging meine Mutter in den Keller, um Holz zu holen. Es ertönte ein Poltern, ein Glöckchen bimmelte, die Tür öffnete sich einen Spalt, und es flogen Äpfel, Nüsse und Plätzchen ins Zimmer: Der Nikolaus war da.
Die Weihnachtsbescherung fand, wie in allen Familien, am Morgen des 25. Dezember statt. Die Erwachsenen gingen in die Christmette, die in der Nacht um 4 Uhr begann. Schon um 2 Uhr standen Kirchenbesucher vor der Tür unserer schönen alten romanischen St. Nikolaus-Pfarrkirche, um vielleicht nach dem Öffnen der Türen noch einen Sitzplatz zu ergattern.
Wir Kinder lagen zu Hause hellwach in unseren Betten und warteten und warteten. Und die Oma, die zu uns ins Bett gekrochen war, schimpfte wie ein Rohrspatz: „Wo bleiben die denn, es ist schon sechs. Auf der Chaussee brennen schon Lichter, die Osters haben schon Bescherung!“
In späteren Jahren durfte ich die strahlende Helligkeit des Kirchenraumes miterleben, die großen Tannenbäume mit ihren Lichtern, die alte Krippe – es gab keine schönere – und das mit Pauken und Trompeten gespielte feierliche „Gloria in exelsis Deo“. Der Organist Schmitz holte die schönsten und lautesten Töne aus seiner Orgel heraus. Die Messdiener in ihren langen Gewändern klingelten mit ihren Glöckchen. Der Geruch des Weihrauchs, die Priester in ihren prachtvollen Gewändern, das Läuten der Kirchenglocken – Weihnachten!!!
Nachdem unsere Eltern endlich aus der Kirche zurück waren, öffnete sich die Tür zum Weihnachtszimmer. Der strahlende Weihnachtsbaum, das Singen der Kirchenlieder, die Körbchen mit selbstgebackenem Spritzgebäck und Spekulatius und all die Geschenke – nirgendwo war Weihnachten so schön wie bei uns!
Am zweiten Weihnachtstag gingen wir, meine Schwester und ich, zu Familie Hartmann, unseren nächsten Nachbarn. Hier wohnten die früheren Besitzer der Tuchfabrik C. & E. Hamm, die zu Kaisers Zeiten Tuche für die Marine herstellten. Wie in jedem Jahr schenkte uns Frau Hartmann ein Lebkuchenherz mit einer Mandel darauf und – sehr schön – ein mit einer Laubsäge selbst geschnittenes Puzzle. Wenn wir die Teile aus Sperrholz mühsam zusammen setzten, erkannten wir das Bild einer eleganten Dame oder eines beeindruckenden Rauschgoldengels, Bildbeilagen zu den Zeitschriften Illustrierte Welt oder Gartenlaube aus den Jahren 1892 bis 1905.
Mein Großvater hatte bis zu seinem Tod in der „Hammchen“ Tuchfabrik als Weber gearbeitet. Er bewohnte mit seiner Familie das Haus Nr. 3, ein ca. 300 Jahre altes, mit Holz verkleidetes Fachwerkhaus, das im Besitz der Familie Hartmann war. Das Haus meiner Kindheit. Obwohl mein Großvater schon lange tot war, erlebten wir doch die Fürsorge des Arbeitgebers gegenüber der Familie seines früheren Arbeiters. Wenn bei Luftangriffen die Sirenen heulten, die so vertraut für uns waren, dann sehe ich noch heute meine Mutter (sie war eine begeisterte Gärtnerin und trug entscheidend dazu bei, dass wir nicht hungern mussten) aus dem Garten kommend mit ihrer Schubkarre um die Ecke rennen. Wir schnappten unsere immer fertig gepackten Rucksäcke und liefen in Hartmanns Keller. Die Männer und Frauen aus der Fabrik, die längst einen anderen Besitzer hatte und Vorhängeschlösser herstellte, mussten den weiten Weg bis zur Chaussee (Lenneperstraße) in einen, in den Felsen gehauenen, Bunker rennen. In unserem Luftschutzkeller hörten wir den Lärm der Flugzeuge, ein helles Zischen und dann das Einschlagen der Bomben ganz in unserer Nähe. Wir lebten in unmittelbarer Nachbarschaft weiterer Fabriken und des Bahnhofs, alles beliebte Ziele der gegnerischen Bomber. Aber ich hatte keine Angst.
Angst hatten meine Schwester und ich, als meine Mutter eines Tages eine Vorladung zum Bürgermeisteramt bekam. Sie hatte einen Nazi beschimpft. Zivilcourage gab es auch oder gerade im Krieg. Meine Mutter war unpolitisch und wählte als gute Katholikin das Zentrum – so lange sie noch wählen durfte. Ihre täglichen Informationen erhielt sie aus den Radionachrichten, die sie zusammen mit „Onkel Leo“, dem Mieter aus dem Parterre, anhörte. Ich sehe sie heute noch im Türrahmen stehen. Meine Mutter fragte Onkel Leo, der eine geistig behinderte Frau hatte: „Willst du deine Frau nicht mal in Erholung schicken?“ „Nein, denkst du, ich will nach drei Wochen die Nachricht bekommen: „Ihre Frau ist an Lungenentzündung gestorben.“?“ Diese Erinnerung ist für mich der Beweis, dass es niemanden gab, der nicht über die Verbrechen des Hitler-Regimes informiert war.
Hinter unserem Haus, vor der „Katenstuff“ (das war die Kartenstube, in der die Firma Hamm früher die Musterkarten für ihre Stoffe aufbewahrte), stand unser Feierabendbänkchen. Meine Oma liebte diesen Platz. Wir hatten einen guten Blick über die Wupper, den steilen Abhang hinauf bis zur Chaussee „Enes dares fällt ens en Auto heraf in de Wupper. Dat will ek kieken.“ Zum Glück für die Autofahrer, die damals über die Chaussee fuhren, rutschte kein Auto in die Wupper.
Dann lernte ich den Schulweg kennen, meinen Schulweg, der mich zur Klosterschule führte. Von der Ersten Mühle lief ich über die Kaiserstraße. Hier wohnten der Rechtsanwalt, der Lehrer, der Fabrikbesitzer, der Holzwolle herstellte, noch ein Rechtsanwalt und ein Mann, der mit Stoffen handelte. Die Kaiserstraße, über die täglich die Pferdefuhrwerke der Bauern holperten, die ihre Milch zur Molkerei brachten, wurde für uns erst interessant, als sie nach dem Krieg irgendwann geteert wurde. Jetzt konnten wir Völkerball spielen und Rollschuhlaufen. Je wilder, desto besser. Den Ball für das Völkerballspiel kauften wir gemeinsam beim „Ei a u“, dem Spielwarengeschäft, auf der Unterenstraße. Weitere Kinderspiele waren, „Wir wollen heiraten, heiraten, heiraten“, „ditze-datze-dum...“ oder auch „Deutschland erklärt den Krieg gegen Frankreich oder Italien oder England...“. Außerdem spielten wir mit den Totenzetteln, die während des Krieges so zahlreich im Gebetbuch meiner Mutter lagen, ein lustiges Ratespiel.
Am Ende der Kaiserstraße bogen wir in die Bahnstraße. Der in der Nähe liegende Bahnhof war ein beliebter Treffpunkt. Nach dem Krieg wurden hier Baracken gebaut, das Rheinländerrückführungslager. Wir saßen auf der Laderampe des Bahnhofs, guckten dem Treiben zu und lernten dabei zwei Brüder kennen. Am Tage des Abschieds standen wir morgens um 6:30 Uhr an den Bahngleisen und winkten und winkten. Tage später spielten wir „Streichholz verbrennen“. Wenn man das Streichholz ganz abbrennen lassen konnte, ohne es fallen zu lassen, dann „denkt dein Freund an dich!“. Ich kam nach Hause und rief: „Mama, mein Freund denkt an mich!“ „Eck will dir hülpen, dein Freund denkt an deck“, schimpfte sie und zog aus ihrer Schürzentasche einen natürlich bereits geöffneten Brief „meines Freundes“ heraus.
Die Bahnstraße führte über die Tönnes-Brücke. Wir standen auf der schönen alten Brücke, deren Pfeiler aus Bruchsteinen bogenförmig miteinander verbunden waren, und schauten in die Wupper, in unsere Wupper. Sie floss hinter unserem Haus vorbei und bildete die Grenze unseres Grundstücks. Wie prägend ist es, an einem Fluss aufzuwachsen? Die unendlichen Spielmöglichkeiten!!! Im Winter, wenn die Wupper zugefroren war, spielten wir mit Stöcken und Steinen Eishockey auf der Eisfläche. Die tägliche Ermahnung meiner Mutter:„Passt auf und fallt nicht in die Wupper!“, war so sicher wie das Amen in der Kirche. Wie wichtig kamen wir uns vor, als uns eines Tages eine Zeitungsreporterin fotografierte. Aber am nächsten Morgen konnte man lesen, wie leichtsinnig das Betreten des Eises war, da 20 m weiter die Rausche das schnell fließende Wasser nicht gefrieren ließ. Welch eine mütterliche Standpauke war wieder fällig!
Hinter der Brücke bog die Constantin-Hamm-Straße ab. Sie gehörte nicht zu meinem Schulweg, aber sie war geteert – das machte sie geeignet zum Rollschuhfahren. Vier bis fünf Kinder nebeneinander liefen mit einem Affenzahn. Kein Auto störte uns. An der Ecke Constantin-Hamm-Straße/Bahnstraße stand das Haus des Steinmetzes Horn. In den Kellerräumen traf ich mich mit meinen besten Freundinnen. Ich schrieb ein paar Aufsätze für sie vor, rechts den Stift in der Hand und links lässig die ersten Zigaretten. Zu übertreffen war das nur, wenn wir in der ersten Etage des Hauses bei Familie Spölgen uns Zigaretten rauchend in den Sesseln fläzten – wer hatte damals schon Sessel –, während meine Freundin am Klavier Weihnachtslieder spielte. Es ist kaum zu beschreiben, wie gut wir uns fühlten. Neben Horns Haus war der Lebensmittelladen von Walter Schmitz. „Hol mal schnell beim Walter Schmitz ...“, klingt mir heut noch in den Ohren. In dem geschieferten Haus nebenan war der Gasthof Scherer. Jeder kannte den Kneipenwirt, er war kugelrund, er war eben „der dicke Scherer“. Vor seinem Haus war die Haltestelle der Wupper-Sieg. Wir fuhren nicht mit dem Bus zu Verwandten, wir fuhren mit der Wupper-Sieg.
An der Ecke Bahnstraße/Hochstraße stand das Haus des Hufschmiedes Theobald. Dicke Ackergäule ließen sich neue Schuhe anpassen. Die Tür zur Schmiede stand immer offen und wir konnten den Männern, die mit schwerem Hammer das rotglühende Eisen bearbeiteten, respektvoll zusehen. Nach dem Überqueren der Hochstraße liefen wir durch Schmölens Gässchen zur Ringstraße hinauf. Schmölens Gässchen hatte seinen Namen von Lehrer Schmöle, der hier wohnte.
Eine Begegnung auf der Ringstraße ist mir heute noch gut in Erinnerung. Auf dem Weg zur Klosterkirche am Sonntagmorgen ärgerten mich zwei Jungen mit ihren dummen Sprüchen. Als ich einen Blick zur Seite warf und die Schatten der beiden direkt hinter mir bemerkte, drehte ich mich blitzschnell herum und gab den Burschen mit meinem Gebetbuch rechts und links eine Ohrfeige. Karl May wäre stolz auf mich gewesen – meine Mutter nicht „...und das auch noch mit einem Gebetbuch!“
Wie sehr habe ich die Karl May-Bücher geliebt. Fairness gegenüber seinen Feinden, die Klugheit des Fährtenlesers Sam Hawkens, eine Freundschaft, wie sie von Winnetou und Old Shatterhand gelebt wurde – das waren Tugenden, denen ich nacheiferte. Ich glaube, Karl May hat mich in meiner Kindheit mehr geprägt als die Bibel – aber sie widersprechen sich ja auch nicht. Natürlich besaß ich all diese Bücher nicht, ich konnte sie zweimal in der Woche ausleihen. Als Belohnung für gute Noten erlaubte uns der Rektor, neue Bücher zu etikettieren … dann kletterte ich aus dem Fenster auf den Schulhof. Warum? Eine Freundin stand auf dem Hof und rief: „Du traust dich nicht ...!“ Natürlich traute ich mich. Der blöde Hausmeister verpetzte mich beim Rektor ... drei Wochen Bücherei-Verbot, drei Wochen durfte ich keine neuen Bücher ausleihen. Ich glaube nicht, dass sich heute ein Schulkind vorstellen kann, was das für mich bedeutete, heute wo jedes Kind gefüllte Bücherregale hat, und alles, was es lesen will, im Internet herunterladen kann. Gott sei Dank.
Eines Sonntags kam meine Freundin, leidenschaftlicher Karl May-Fan wie ich. Natürlich hatten wir Blutsbrüderschaft getrunken, das heißt unsere Arme leicht aufgeschlitzt und die herausquellenden Bluttropfen vermischt. „Stell´ dir vor, “ sagte sie, „der Schorsch sitzt mit einem Mädchen hinter der Stefansburg auf Schmitz´ Wiese. Sollen wir sie da mal belauschen?“ Wir brachen einen Stock ab und steckten ihn als Waffe vorn ins Kleid. Ich trug ein hellblaues Organzakleid, weiße Kniestrümpfe und Sonntagsschuhe. Wir kletterten den Berg herauf und schlichen nach Karl May-Manier über die Wiese. Ich weiß nicht, ob und was wir belauscht haben, ich habe nur noch die Strafpredigt meiner Mutter in den Ohren: “Wie siehst du nur wieder aus und überhaupt ...“ Ich war ein wildes Kind.
Der weitere Weg zur Schule führte links von der Ringstraße auf die Klosterstraße und gleich auf den Klosterplatz vor dem früheren Franziskaner-Kloster, das ganz aus Bruchsteinen erbaut und meine Schule war. Der Klosterplatz wurde links von einer Bruchsteinmauer begrenzt. Wir kletterten hinauf. Welch einen Ausblick hatten wir, auf die Dächer der vielen eng zusammen stehenden geschieferten Häuser, auf kleine Gässchen und schmale Straßen und natürlich auf unsere Pfarrkirche – wie schön das war. Die St. Nikolaus-Pfarrkirche – in meiner Erinnerung war sie immer sichtbar, egal wo man sich in unserer Stadt aufhielt. Und so kritisch ich heute jeder Religion gegenüber stehe, die Kirche war der Platz, hinter deren Mauern ich mich geborgen fühlte.
In der Sonntagsmesse verlas der Dechant unsere wöchentlichen Termine. Dienstags und donnerstags um 7:10 Uhr Schulmesse, Herz-Jesu-Freitag und Priestersamstag um 7 Uhr Messe, anschließend Kaffeetrinken im Karl-Josef-Haus und da verteilte Tilla Böhlefeld, eine sogenannte „alte Jungfer“, Heiligenbildchen.
Unsere erste Lehrerin war Fräulein Faßbänder. Sie musste einer Schulklasse von 60 Kindern das ABC beibringen. Ich habe sie als liebe Lehrerin in Erinnerung. Als Belohnung für eine gute Leistung durften wir während der Schulstunde mal schnell zur Apotheke Claudi laufen und ein Rezept einlösen. Nach dem Unterricht bekamen wir aus einem riesigen Behälter eine warme Suppe in unseren Henkelmann. Dieser war ein Relikt aus der Zeit, in der mein Vater als Soldat aus diesem Behälter sein „Essen fasste“. Damit rannten wir die schmale steile Gasse an der Klosterkirche vorbei herunter zur Klosterstraße und riefen „tü-tüt, tü-tüt – Rennfahrersüppchen!“ Von der Klosterstraße liefen wir häufig den steilen Karlsberg herunter bis zur Hochstraße. An der Ecke war das Schreibwarengeschäft Büllesbach. Die schöne alte Einrichtung des Schreibwarengeschäftes mit Empore haben wir sicher nur unbewusst wahrgenommen.
Irgendwann hörte man auf dem Marktplatz ständigen Baulärm. Ein neues Rathaus wurde gebaut. Das alte war bei einem Bombenangriff ganz zerstört worden. Mein Vater arbeitete dort als Polier, er war gelernter Maurer. Mittags brachte ich ihm hin und wieder das Essen. Dafür bekam ich einen Groschen, den ich sofort für Salmiakpastillen in einem kleinen runden Blechdöschen ausgab. Bevor ich mit Spucke einen Doppelstern auf meinen Handrücken klebte, zählte ich die Pastillen, es waren immer zwischen 60 und 65 Stück.
Maurer waren nach dem Krieg sehr gesuchte und vielbeschäftigte Leute. Deshalb arbeitete mein Vater immer viel, auch nach Feierabend und meine Mutter versuchte ihn dabei so gut wie möglich zu unterstützen. Aber am Sonntagmittag sprang meine Mutter nicht sofort nach dem Essen auf und räumte den Tisch ab. Sonntags blieben wir alle sitzen und mein Vater erzählte von seinen Kriegserlebnissen. Sechs Jahre Kriegserfahrung an vorderster Front bei der Infanterie – er erzählte und erzählte ... Aber nie hörten wir von ihm Berichte über das Töten, über Verbrechen irgendwelcher Art, aus Rücksicht auf uns Kinder. Später dann, als wir erwachsen waren ... Heute erfahren Soldaten die Hilfe von Psychotherapeuten. Ich hoffe sehr, dass wir für unseren Vater die beste Therapie waren.
Hin und wieder begegneten wir Fritz Putscher. Der Mann trug immer mehrere Mäntel übereinander und in ein paar Taschen sein ganzes Hab und Gut. Wir starrten ihn an und riefen: “Putscher, Putscher, krieg uns doch!“ Das waren keine Heldentaten von uns, vielleicht war er der erste Obdachlose in Wipperfürth. Vor ein paar Jahren wurde ihm ein Denkmal auf dem Hausmannsplatz gesetzt, eine späte Würdigung dieses Wipperfürther Originals. Ich freue mich darüber.
Am Nachmittag nach dem Fertigstellen der Hausaufgaben ging es schnell nach draußen. Wie genossen wir die Freiheit, von der die meisten Kinder nur träumen konnten. Die Kaiserstraße, die Bahnstraße, der Bahnhof waren unser Revier und natürlich das Ufer der Wupper, der wilde Kirschbaum, der über den Fluss ragte und und und. So viele Spielplätze, an denen wir – dank der handylosen Zeit – unbeaufsichtigt, unkontrolliert, einfach frei waren.
Aber am liebsten spielten wir in Hartmanns Garten. Der Park hinter der alten Villa lag direkt an der Wupper. Schmale Kieswege führten zwischen den alten Rhododendronbüschen her. Immer wieder traf man auf Überraschungen, eine steinerne Bank, eine Putte, ein Harlekin... Ach, es gibt so viel zu erzählen.
Wenn die Enkelkinder des Ehepaares Hartmann in den Ferien zu Besuch kamen, spielten wir in den Räumen der schönen alten Villa. Unvergesslich für mich ist das schöne Puppenhaus. Über mehrere Etagen konnte man mit den Püppchen in den schönsten Räumen spielen. Die Treppe, welche die Stockwerke verband, hatte ein Treppengeländer, das mit goldfarbenem Samt bezogen war. Und dann zeigte uns Frau Hartmann unvorstellbar schöne Kostüme, die sie in ihrer Jugend getragen hatte: eine Königin, ein Page, ein Zauberer, ein Knappe. Meine Schwester, meine Cousine und ich durften diese kostbaren Kostüme in der Schule bei Karnevalsveranstaltungen tragen. Einfach fantastisch!
Um 7 Uhr abends mussten wir ins Bett. Für unser Abendgebet hatten wir Kinder uns einen besonderen Zusatz ausgedacht: Das Wort „Heil“, durch den Missbrauch in der Hitlerzeit verpönt, erhielt bei uns wieder seine positive Bedeutung. Nach dem Gebet sagten wir: „Heil Konrad Adenauer – Heil Theodor Heuss – Heil Elly Heuss-Knapp (die Begründerin des Müttergenesungswerkes) – Heil Queen Elizabeth II. (sie war gerade gekrönt worden) – Heil Hillary (Erstbesteiger des Mount Everest).
Und wenn ich heute an den Ort meiner Kindheit zurückkehre, erfasst mich tiefe Traurigkeit. Das Haus meiner Kindheit ist völlig verunstaltet und der Garten nicht mehr erkennbar. Die Villa Hartmann ist trotz Denkmalschutz dem Verfall preisgegeben, der Park und der schöne Garten zerstört. Die ganze Gegend wirkt verwahrlost.
Ich stehe auf dem Steg, der bei uns an der Ersten Mühle über die Wupper führt, schaue ins Wasser, schaue so lange, bis der Steg sich vorwärts bewegt und das Wasser still steht. Ich hebe den Kopf und schaue dem Lauf des Flusses nach. Die Bäume und Wiesen sind verwildert, die Natur hat sich zurückgeholt, was von Menschenhand über Generationen kultiviert wurde. Wie schön ist das Bild, das sich mir bietet: meine Heimat – ich bin glücklich.
Meine Großmutter erzählt von ihrer Kindheit an der Ersten Mühle in Wipperfürth zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit. Sie beschreibt diese als eine glückliche Zeit.

„Mit ungefähr neun Jahren wurde ich kurz nach meiner Typhuserkrankung fotografiert, weshalb auch mein Haar so kurz geschnitten war. Weil der Fotograf sagte, dass meine Finger so lang aussehen, schloss ich sie aus Scham zur Faust.“
Weitere Fotos von der Ersten Mühle, Wipperfürth und der Umgebung sind auf der Internetseite des Heimat- und Geschichtsvereins Wipperfürth zu finden:
http://www.hgv-wipp.de/

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