Gertrud von Plettenberg – Mehr als nur eine Geliebte?

von Alessa Risse

Fiktive Tagebucheinträge einer Mätresse, die auf wahren Begebenheiten beruhen.

Wenn man an einer Stadtführung durch die Regierungsstadt Arnsberg teilnimmt, tauchen unter anderem Sagen und Erzählungen rund um Gertrud von Plettenberg auf. Sie war eine der wenigen Frauen, die in der langen Herrschaftsgeschichte Kurkölns über das Sauerland eine Rolle gespielt haben. Die aus Serkenrode (Finnentrop) stammende Frau war nicht nur Verwalterin der Schlösser Arnsberg, Hirschberg und Höllinghofen, sondern auch die Geliebte des Kölner Erzbischofs Ernst von Bayern, der ihretwegen viel Zeit in der Stadt im Sauerland verbrachte.

Mein Projekt befasst sich mit selbst verfassten Tagebucheinträgen aus der Sicht Gertrud von Plettenbergs, die sowohl belegte als auch unbelegte und fiktive Elemente beinhalten und bedeutende Ereignisse aus ihrem Leben darstellen sollen.

Liebes Tagebuch,

in den letzten Wochen kümmerte ich mich wieder häufig um die Schlösser des Kurfürsten und Erzbischofs Ernst von Bayern. Ich verwalte nicht nur seinen Sitz in Arnsberg, sondern auch die Schlösser von Hirschberg und Höllinghofen, weshalb ich oft von einem Ort zum anderen reisen muss. Ich schaue mir jede Kammer an, und auch in der Küche sehe ich nach dem Rechten. Ich entscheide über Hofhaushalt, Anschaffung neuer Haushaltsgüter und einige andere Dinge. Ich glaube, dass die Dienerschaft meine Ankunft schon am Klimpern meines Schlüsselbunds erkennt. Ich verstehe mich sehr gut mit diesen Menschen und freue mich jedes Mal, neue Geschichten hören zu können. Auch mit den Adeligen komme ich gut aus. Ein Fräulein erzählte mir, dass viele erfreut sind über meine Anwesenheit. Außerdem erzählte mir der Gärtner von seiner lieben Frau, die ein Kind erwartet.

Ich freue mich sehr für die beiden. Wie gern hätte ich eine eigene Familie.

Am meisten freut es mich, Zeit in Arnsberg verbringen zu können. Der Grund dafür ist aber nicht nur das schöne Schloss, auch wenn ich gerne durch die langen Gänge laufe. Am meisten freue ich mich, den Kurfürsten zu sehen. Ich finde ihn ganz wunderbar und ich glaube, er hat auch Gefallen an mir. Wir haben uns nun schon einige Male getroffen, selbstverständlich heimlich. Eigentlich dürfte ich darüber gar nicht berichten, er ist immerhin unser Erzbischof. Ich glaube, dass ich mich in ihn verliebt habe. Ich weiß nicht, wie eine Beziehung funktionieren soll, schließlich darf niemand davon erfahren. Aber ich muss die Tatsache, dass unsere Treffen heimlich bleiben müssen, wohl auf mich nehmen, wenn ich ihn weiterhin sehen möchte. Wenn ich im Dienst bin, ist er ohnehin oft unterwegs. Er hat natürlich viel zu tun, reist viel herum. Aber wenn er nach Arnsberg kommt, dann sagt er, dass er es hauptsächlich für mich tut. Um mich zu sehen. Das finde ich wundervoll.

Wenn es Neuigkeiten gibt, werde ich dir wieder berichten.

Gertrud

Liebes Tagebuch,

zwischen dem Kurfürsten und mir ist mittlerweile eine große Liebe entstanden! Wir passen gut zusammen und er liest mir jeden Wunsch von den Augen ab. Leider müssen wir uns, wie ich im letzten Eintrag geschrieben habe, heimlich treffen. Aber ich genieße die Zeit mit ihm sehr.

Während ich mich um seine Anwesen kümmere, geht er gerne jagen. Gestern fand eine große Treibjagd durch den Arnsberger Wald statt, bei der sage und schreibe 503 Eber gefangen wurden. 32 davon unten im Eichholz, die alle lebendig zwischen Netzen durch die ganze Stadt bis hier oben zum Schloss geführt wurden. Eine wirklich erfolgreiche Jagd!

Daraufhin hat der Erzbischof ein großes Fest veranstaltet. Es wurde viel gelacht, getanzt und getrunken. Ich glaube, dass er gerne feiert und viel trinkt. Aber nach so einer Jagd hat er es sich auch verdient.

Gertrud

Liebes Tagebuch,

ich habe eine freudige Nachricht zu verkünden: Der Erzbischof und ich haben einen Sohn bekommen. Ich weiß, über das Fortlaufen unserer Beziehung habe ich nicht mehr geschrieben, aber nach diesem wunderbaren Ereignis fiel mir ein, dass ich es mit dir teilen muss. Wilhelm, genauer Wilhelm von Bayern heißt er.

Er sieht seinem Vater wirklich sehr ähnlich und ich bin dankbar, dass unsere Liebe durch ein solches Geschenk gekrönt wurde. Ich wünsche ihm, dass er einmal so lebenslustig wie sein Vater sein wird.

Gertrud

Liebes Tagebuch,

Wilhelm entwickelt sich ganz prächtig. Er ist zu einem kleinen Knaben herangewachsen, und ich liebe ihn wirklich sehr. Wenn er lacht, erfüllt sich mein Herz mit purer Freude. Auch die anderen Menschen am Hof haben ihn sehr ins Herz geschlossen. Ich glaube, dass viele Menschen heute wissen, dass er der gemeinsame Sohn des Erzbischofs und mir ist. Ich vermute, dass sie auch darüber Bescheid wissen, dass die Liebschaft zwischen uns anhält. Mir ist noch nichts Schlechtes zu Ohren gekommen, wahrscheinlich schweigen die meisten darüber. Öffentlich wollen wir dennoch nichts bekannt geben.

Wilhelm spielt sehr gerne mit den Hunden, und wenn ich frei habe, schaue ich ihm gerne dabei zu. Ich passe auch auf, dass ihm nichts geschieht.

Der Kurfürst möchte ihn gerne mit auf eine Jagd nehmen, wenn er etwas größer ist. Vielleicht fängt er eines Tages auch so viele Eber wie sein Vater.

Und noch eine gute Nachricht habe ich zu verkünden: Der Erzbischof und ich erwarten ein weiteres Kind. Ich kann mein Glück kaum fassen.

Gertrud

Liebes Tagebuch,

Gott hat uns die kleine Katharina geschenkt. Das Mädchen und ich sind wohlauf, jetzt ist unsere kleine Familie komplett. Wie sehr habe ich mir dies gewünscht! Wie schön es wäre, wenn wir endlich alle zusammen leben könnten. Das Verheimlichen unserer Liebschaft geht mir nahe. Aber ich weiß, dass es so besser ist.

Gertrud

Liebes Tagebuch,

dass ich noch hier bin, dass meine Familie unversehrt ist, das ist ein Wunder. Ich bin noch immer schockiert über die Ereignisse. Es muss mitten in der Nacht gewesen sein, als ich von draußen laute Schreie vernahm. Ich blickte mich um, die Kinder schliefen noch. Die Rufe kamen immer näher und wurden immer lauter. Ich hörte genauer hin und verstand, was die Männer und Frauen riefen. „Feuer“ Feuer!“ schrien sie immerzu. Es war schrecklich. Ich rannte aus dem Haus und blickte über die Stadt. Alles stand in Flammen. Rauch stieg auf, ich hörte qualvolle Rufe. Menschen rannten mit Wassereimern hinunter zu den brennenden Häusern. Ich weckte die Kinder und brachte uns in Sicherheit.

Als der Brand gelöscht war, sah ich das Ausmaß der Katastrophe. Die Stadt lag in Schutt und Asche. Rauchwolken stiegen auf, es roch verkohlt. Die Menschen, die überlebt haben, hatten nichts mehr. Ich hatte großes Mitgefühl und hätte gern alle aufgenommen. Der Brand hatte bis auf elf Gebäude, darunter glücklicherweise auch unser Zuhause, alles vernichtet.

Nun muss alles erneuert werden. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis die Stadt ihre einstige Schönheit zurückerlangen wird.

Gertrud

Liebes Tagebuch,

Ich habe es dir damals gar nicht erzählt. Eva, eine meiner Schwestern, war eine Professjungfer im Kloster Kentrop bei Hamm. Als ihre Schwester wollte ich sie selbstverständlich gut versorgt wissen! Deshalb, nun ja, verhalf ich ihr vor drei Jahren zu einer besseren Position. Natürlich war dies nur durch meine gute Beziehung zum Erzbischof möglich, aber man sollte die Türen, die einem offen stehen, schließlich nutzen.

Jedenfalls wurde Eva, die gerade 20 war, kurz darauf zur Äbtissin des Klosters Drolshagen berufen. Die bisherige Vorsteherin wurde abgesetzt, ich kannte sie nicht. Ich traute Eva diese Aufgabe zu, weshalb ich beruhigt war, sie in solch guter Position zu wissen. Nach einiger Zeit hörte ich, dass immer mehr Leute schlecht über meine Schwester redeten: Eva soll durch einen unsittlichen Lebenswandel auffallen. Es soll öffentliche, wüste Gelage gegeben haben. Ich konnte dies gar nicht glauben, ich dachte, es würde ihr in dieser Position gut gehen und sie würde schätzen, was ich für sie getan hatte. Anfangs zweifelte ich noch an den Vorwürfen, dachte, es wäre nur Gerede. Vor ein paar Wochen erfuhr ich aber, dass meine Schwester schwanger ist. Ich wusste einfach nicht mehr weiter, so konnte sie jedenfalls nicht in dem Kloster bleiben. Kurzerhand bat ich Amtsdroste Caspar von Fürstenberg, meine Schwester ihres Amtes zu entheben. Als wäre das alles nicht genug, entzog sich Eva vor kurzem der Festnahme durch eine Flucht und erklärte sich für lutherisch. Es ist wirklich eine Schande. Ich weiß nicht, wann wir uns das nächste Mal wiedersehen werden. Ich befürchte aber, dass viele meiner Bekannten ihr in Zukunft mit Ablehnung begegnen werden.

Gertrud

Liebes Tagebuch,

lange habe ich nichts mehr geschrieben, dabei hat sich so viel ereignet.

Die Aufräum- und Aufbauarbeiten in der Stadt gehen voran. Und damit nicht genug: Der Erzbischof hat mir ein Stadtpalais bauen lassen. Es steht direkt am schönen Marktplatz, fast gegenüber des Rathauses, das bereits wieder aufgebaut wurde. Es besteht aus einem Hauptgebäude mit einem rückwärtig angebauten Turm, einem Seitenflügel und verschiedenen Nebengebäuden. Zudem hat es einen wunderbaren Garten, in dem die buntesten Blumen blühen, und eine Promenade. Es wurde nach französischen Vorbildern errichtet, das sagt mir besonders zu. Ich sitze gerne mit der kleinen Katharina im Garten, sie erfreut sich an jeder Sache, die sie neu entdeckt.

Die größte Besonderheit befindet sich allerdings weit unten, ganz verborgen und nur für mich zugänglich: Der Erzbischof hat einen geheimen Tunnel bauen lassen, der bis hoch zum Schloss reicht. Nun können wir uns jederzeit sehen und besuchen, ohne Sorgen. Eine wahrhaft kluge Idee.

Das Palais ist ein wunderbarer Liebesbeweis. Aber der größte Liebesbeweis ist wohl eine Hochzeit. Und deshalb hat der Erzbischof um meine Hand angehalten. Natürlich dürfte von einer Hochzeit niemand etwas erfahren. Vielleicht könnten wir dafür nach Bayern reisen…

Gertrud

Liebes Tagebuch,

vor einiger Zeit erhielt ich Nachricht, dass mein Bekannter Caspar von Fürstenberg, der damals die Enthebung meiner Schwester veranlasste, erkrankt sei. Ich schickte ihm Wein und Heilmittel gegen seine Schwachheit und hoffte, dass er sich wieder vollständig erholen würde.

Nun erhielt ich einen Brief, in dem er schrieb, dass er mich gerne besuchen würde. Das fände ich schön, ich bekomme doch so selten Besuch. Wenn er es einrichten kann, werde ich ihn mit den feinsten Pasteten und Fasanen aus Lüttich bewirten.

Gertrud

Liebes Tagebuch,

von Fürstenberg war tatsächlich gekommen, und ihm scheint es gut geschmeckt zu haben. Er sagte, dass er den Besuch in seinem Tagebuch erwähnen will. Außerdem berichtete er mir von meinem Bruder Anton, der sein Gast gewesen sein soll. Er hat sich wohl auf Kosten des Gastgebers übermäßig betrunken und ihm dann von seiner Geldnot erzählt. Erst Eva, nun er. Ich hoffe, dass wenigstens meine anderen Geschwister ein anständiges Leben führen.

Dass Wilhelm so viel Zeit mit seinem Vater verbringt, sollte mich eigentlich freuen. Jedoch sagt mir das Verhalten des Erzbischofs im Augenblick nicht besonders zu. Er gibt zu viel Geld aus, er trinkt zu viel. Ich muss ihn vor Pleiten bewahren, er genießt die Anwesenheit anderer Frauen. Er vernachlässigt seine Pflichten und lebt ungeistlich. Ich liebe ihn, es ist aber gleichzeitig sehr schwierig. Man sagte ihm diese Eigenschaften schon vor Jahren nach, aber wenn mein Gefühl mich nicht täuscht, hat sich in den letzten Wochen vielerlei davon verstärkt. Ich hoffe sehr, dass wir bald wieder besser miteinander auskommen!

Gertrud

Liebes Tagebuch,

Katharina wächst prächtig heran, sie ist mein ganzer Stolz. Ich möchte noch nicht über meinen Tod nachdenken, aber wenn er eintreten sollte, dann will ich, dass sie mein Palais erbt. Ich wünsche ihr ein gutes Leben, denn sie ist so ein wundervolles Kind. Sie hat es verdient!

Wilhelm verbringt lieber viel Zeit mit dem Kurfürsten. Er ist sogar zu ihm auf den Schlossberg gezogen, um dort zu leben. Wir sehen uns aus diesem Grund nicht mehr so oft. Vielleicht nimmt sein Vater ihn bald mit auf die Jagd, so wie er es damals versprochen hatte. Ich bin mir sicher, unser Sohn wird ein genauso guter Jäger werden.

Gertrud

Liebes Tagebuch,

einige Monate sind nun vergangen. Ich habe des Öfteren mit dem Kurfürsten gesprochen, für ein paar Wochen trat daraufhin auch eine Besserung ein. Ich hatte gehofft, dass alles wieder so werden würde, wie es früher war.

Dann aber kamen die Feste, der Alkohol und die unbedachten Ausgaben wieder zurück. Er lebt genusssüchtig und ausschweifend. Wenn wir uns allein treffen, ist er stets freundlich zu mir, aber ich weiß nicht, ob ich seinen Lebenswandel noch länger unterstützen kann …

Gertrud

Liebes Tagebuch,

Nun habe ich genug. Ich kann hier nicht länger bleiben, es würde mich zerreißen. Ich liebe den Kurfürsten, aber ich ertrage dieses Leben nicht mehr. Ich möchte kein Teil mehr davon sein. Die Kinder sind alt genug, sie können ihr eigenes Leben führen. Ich werde nach Brühl gehen, allein. Vielleicht wird es mich irgendwann wieder nach Arnsberg ziehen. Aber vorerst werde ich gehen…

Gertrud

Am 26.10.1608 starb Gertrud von Plettenberg. Um die Umstände ihres Todes gibt es verschiedene Geschichten. Sie sei nach Brühl geflüchtet, um nicht mehr Teil der unsittlichen Lebensweise ihres Geliebten sein zu müssen. Dort soll sie auf dem Schloss der Stadt von Verwandten des Erzbischofs oder von einem von ihm selbst geschickten Knecht umgebracht worden sein. In der Nacht erschien sie auf Schloss Arnsberg, indem sie aus dem unterirdischen Gang mit Laterne und Schlüsselbund hervortrat. Noch heute sieht und hört man ihren mit dem Schlüsselbund klirrenden Schatten vorbeiziehen.

Einer anderen Begebenheit zufolge soll der Kurfürst bei ihrem Tod anwesend gewesen sein. Er selbst stirbt im Alter von 58 Jahren am 17.02.1612.

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Das Stadtpalais, in dem Gertrud mit ihren Kindern gelebt haben soll. Heute wird es als Museum genutzt.

Quellen:

  • Das Wissen, das ich für mein Vorhaben benötige, habe ich entweder aus Erzählungen oder durch meine Recherche im Stadtarchiv Arnsberg erlangt.

Literatur:

  • Gosmann, Michael (1989): 750 Jahre Arnsberg. Zur Geschichte der Stadt und ihrer Bürger. Arnsberg: Strobel Verlag.
  • Padberg, Magdalena (2000): Jungfer mit bischöflichen Kindern. Gern gedenkt das Sauerland der Gertrud von Plettenberg. In: Jahrbuch Westfalen (2001) Münster.
  • Das sauerländische Porträt. Jungfer Getrud von Arnsberg. In: Unser Sauerland Nr. 5, 1953
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