Der Fußballskandal 1958/1959 - Absturz des TuS Eiringhausen

von Christos Christogeros

Der 1891 gegründete Turnverein TuS Eiringhausen, nach der Fusion 1974 mit den Sportfreunden Eschen in „TuS Plettenberg“ umbenannt, war bereits zu Zeiten seiner Gründung einer der modernsten Sportvereine der Region. Die Fußballabteilung, auf die sich der Verein erst in der Nachkriegszeit maßgeblich stützte, wurde dabei zum Aushängeschild des Klubs. Insbesondere der Aufstieg in die damals höchste deutsche Amateurklasse im Jahre 1956 verlieh dem Verein ein enormes Prestige. Doch Ende desselben Jahrzehnts verlor der Verein sein Ansehen und seine sportlichen Perspektiven innerhalb von nur wenigen Minuten durch einen nahezu beispiellosen Fußballskandal, der den Klub in die Niederungen des deutschen Fußballs stürzte.

Das Relegationsspiel zwischen dem SC Dahlhausen und dem TuS Eiringhausen um den Verbleib in der Amateuroberliga Westfalen, die bis zur Gründung der Deutschen Bundesliga 1963 die zweithöchste Spielklasse bildete, endete mit einem 2:1- Sieg der Gastgeber. Die Saison 1958/59 war durchaus keine glanzvolle für den TuS Eiringhausen. Es drohte der Abstieg in die dritthöchste Klasse des deutschen Fußballs, und nur ein Sieg auf dem neutralen Platz des VfL Schwerte gegen den SC Dahlhausen hätte den Absturz noch abwenden können. Doch die Leistungen der Spieler des TuS konnten die Niederlage nicht abwenden, die Dahlhausener haben sich nach Presseberichten verdient durchgesetzt. Von dieser Partie blieben jedoch nicht etwa herausragende sportliche Leistungen in Erinnerung, sondern unsportliches Verhalten mit dem Schiedsrichter als Hauptperson. Der Unparteiische Fritz Leidag (damals 37 Jahre alt) leitete die Partie nach übereinstimmenden Berichten souverän und ohne gravierende Fehlentscheidungen. Die Sekunden nach dem Abpfiff schilderte der Schiedsrichter später so: „[…] Und dann kam es. Ahnungslos nahm ich die Dankesworte des Eiringhausener Mitelläufers entgegen. Allerdings trat er dabei auf meine Zehen und sah mich ironisch an, worauf ich ihm sagte, daß ich nacher noch einiges schreiben könne. Darauf traf mich sein Schlag, von dem ich sichtlich schwankte, es folgte ein Tritt von der Nummer 9 in meinen Unterleib und schließlich merkte ich nur noch, daß ich am Kopf getroffen wurde …“.

Was war jedoch genau geschehen? Die Gründe für das gewalttätige Verhalten einiger TuS- Spieler liegen im Dunkeln. Wahrscheinlich enttäuscht über die eigene Leistung und die Folgen der Niederlage – dem damit verbundenen Abstieg – verlor der Mitteläufer Rudolf Stroß die Nerven und streckte den Schiedsrichter mit einem Schlag nieder, ehe sein Mannschaftskamerad Meier (mit der Nummer 9) hinzukam und nachtrat. Währenddessen waren auch zahlreiche Zuschauer auf den Platz gestürmt und traten auf den am Boden liegenden Fritz Leidag ein. Bewusstlos und mit schweren Verletzungen wurde der Schiedsrichter in das nahe gelegene Evangelische Krankenhaus gebracht. Bei seinem Abtransport vom Sportplatz in den Krankenwagen sangen einige Zuschauer aus der Anhängerschaft des TuS Eiringhausen noch hämisch das Lied „Ich hatt‘ einen Kameraden“.

Das Ergebnis dieser Ausschreitungen war ein ca. dreiwöchiger Aufenthalt Leidags im Krankenhaus, der tagelang über schwere Schmerzen im Kopf- und Unterleibsbereich klagte. Die Folgen sowohl für die beteiligten Spieler als auch für den Verein TuS Eiringhausen waren drakonisch, aber laut der damaligen Pressemeinungen durchaus verdient. Auf der Sitzung des Fußballverbandes Westfalen in Kaiserau wurde die Fußballabteilung für ein Jahr, bis zum 30. Juni 1960, vom Spielbetrieb ausgeschlossen. Dadurch stieg der Verein nicht in die dritt-, sondern in die vierthöchste Klasse ab. Meier (Nummer 9), der auf den am Boden liegenden Schiedsrichter eintrat, wurde lebenslang gesperrt und konnte somit nie wieder bei einem deutschen Verein anheuern. Die insgesamt neunstündige Sitzung des Sportgerichts setzte die Verhandlung gegen den Urheber der Ausschreitung, Rudolf Stroß, zunächst aus. Seine Sperre blieb bis zur Wiederaufnahme der Verhandlung bestehen. Alle anderen neun Spieler, die zum Zeitpunkt des Abpfiffs auf Seiten des TuS Eiringhausen auf dem Platz standen, wurden deutschlandweit bis zum 31. März 1960 gesperrt. Auch sie konnten folglich den Verein nicht wechseln und waren für ein Jahr vom Spielbetrieb ausgeschlossen. Nach Beobachtungen der anwesenden Presse in Kaiserau versuchten die Vorstandsmitglieder des TuS Eiringhausen bei ihrer Verteidigung, die Vorfälle herunterzuspielen und in einem weniger dramatischen Licht darzustellen. Die Strafen blieben dennoch bestehen.

Obwohl sich dieser Skandal zu einer Zeit abspielte, als solche oder ähnliche Ausschreitungen bei Fußballspielen durchaus nicht selten waren, waren die Strafen so hart ausgefallen wie bisher noch nie – deutschlandweit. Die Öffentlichkeit feierte das Urteil des Sportgerichtshofes als gerechtfertigten und hoffentlich abschreckend wirkenden Rechtsspruch. Der TuS Eiringhausen stürzte in den Jahren nach der Beendigung der Sperre weiter sportlich ab, konnte sich jedoch im Laufe der 1960er Jahre wieder fangen und stieg in der neuen Spielklasseneinteilung des DfB (ab 1963) bis in die Landesliga – der siebthöchsten Spielklasse – wieder auf. Nach kurzzeitigem Abstieg in die Bezirksliga spielt die Erste Mannschaft des TuS Plettenberg heute wieder in der Landesliga, mit guten Perspektiven für die Zukunft. Heute wird dem Verein ein sportlich wie auch finanziell solides Fundament bescheinigt.

Der Schiedsrichter Fritz Leidag wurde nach dreiwöchigem Aufenthalt aus dem Krankenhaus wieder entlassen und formulierte gegenüber der Presse seine Pläne für die nahe Zukunft: „Auf jeden Fall werde ich, wenn ich wieder hergestellt bin, weiterpfeifen.“

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