„Das kommt in die Naht“- Der Werdegang einer Schneiderin

von Pia Ostermann

Meine Oma ist am 12.02.1932, als zweites Kind, in Volme geboren. Das ist ein kleines Dorf, das zum Ort Kierspe im Märkischen Kreis gehört. Im Umkreis von 10 Kilometern, von Volme entfernt, gab es zwei Schneidereien. Eine in Volme selbst und eine in Kierspe.

Die nächst Größere Stadt ist 20 Kilometer entfernt, in der es auch einen Schneiderei gab. Meine Oma ist von 1938-1946 in die Schule gegangen, um dann 1947 die Ausbildung als Schneiderin anzufangen. Seit ich denken kann und auch bis heute näht meine Oma mit Vorliebe Kleidung für die ganze Familie und Freunde. Deshalb ist es für mich immer interessant gewesen, mehr über ihren Werdegang und ihre Motivation zu erfahren. Das soll im Folgenden Interview geklärt werden.

Ich:

Was mich schon immer am meisten interessiert hat ist, warum du den Beruf zur Schneiderin angestrebt hast? Vor allem weil ich Schneider fast nur noch so kenne, dass sie kleinere Änderungen machen und der Beruf eher in Vergessenheit geraten ist. Oder man Modedesigner werden möchte.

Oma:

Also Modedesigner gab es früher natürlich noch nicht und man konnte auch nicht in ein Geschäft gehen, um Kleidung zu kaufen. Das ich Schneiderin werden wollte, war schon immer mein Wunsch gewesen, selbst als ich klein war. Ich hatte früher eine Puppe, für die ich ganz viele Kleider genäht habe. Deshalb war mir klar, dass ich das auch in meinem weiteren Leben mal machen möchte.

Ich:

Und wie genau bist du dann zu deiner Ausbildungsstelle gekommen?

Oma:

Das war in der Damenschneiderei in der meine Mutter immer schon Kleidung für unsere Familie hat anfertigen lassen, die war in unserem Wohnort (Volme). Da hab ich dann 1947 meine Ausbildung angefangen. Vorher bin ich in die Schule gegangen, aber nur bis zur achten Klasse, nicht wie normal bis zur neunten. Ich habe nämlich schon ein Jahr vor der Ausbildung, bei der Schneiderin im Haushalt geholfen, damit ich auch sicher war, das ich die Ausbildung bekam. Denn die Schneiderin hatte neben mir, auch noch drei andere Lehrlinge.

Ich:

Kannst du mir auch noch sagen, wie deine Ausbildung ausgesehen hat? Wie du wann, was gelernt hast?

Oma:

Ja, das kann ich. Ich hatte drei Lehrjahre in denen ich verschiedene Sachen in der Schneiderei machen durfte und zur Berufsschule gegangen bin. Die war in Lüdenscheid am Reifelplatz. Im ersten Lehrjahr habe ich weiter hin im Haushalt geholfen und die Schneiderei sauber gehalten und durfte nur ganz einfache Arbeiten machen, wie verschiedene Schnitte per Hand zusammen zuheften, damit die Schneiderin sie dann zusammen nähen konnte. Im Zweiten Lehrjahr dann durfte ich Schnitte auf der Nähmaschine zusammen nähen, Röcke nähen, weil die sehr einfach waren und bei Anproben dabei sein. Und nach diesem Lehrjahr musste ich eine Zwischenprüfung bei meiner Schneiderin ablege, in der ich das bis dahin gelernte bewerten lassen musste. Als ich dann im dritten Lehrjahr war durfte ich an den Kunden Maßnehmen und hab zum Beispiel gelernt, wie man Ärmel einnäht. Außerdem hab ich das sparsame Schneidern von meiner Schneiderin gelernt. Denn es war ja nach dem Krieg und die Ressourcen waren sehr knapp, meine Schneiderin hat immer gesagt: “Das kommt in die Naht!“ Ganz oft haben wir auch alte, unmoderne Kleider auseinander getrennt, um daraus dann neue zu nähen. Man konnte auch Stoffreste sammeln und wenn man die dann in einem Stoffladen oder einem anderen Schneider abgegeben hat, bekam man neuen Stoff. Nach diesen drei Jahren musste ich dann meine Gesellenprüfung ablegen. Die schriftliche habe ich im Festsaal bei Dahlmann in Lüdenscheid gemacht. Dazu musste ich ein Gesellenstück anfertigen, was von meiner Schneiderin und einer anderen Schneiderin, aus einer anderen Schneiderei, bewertet wurde. Ich hab als Gesellenstück einen Rock genäht, mit allem was ich gelernt hatte: Leistentasche, Pattetasche, Paseltasche und Hohlsaum. Warte ich hole das schnell und dann kann ich dir das zeigen…

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Ich:

Du hast grade von deiner Schneiderin gesprochen und ihrem Sprichwort. Was genau bedeutet denn: „Das kommt in die Naht“?

Oma:

Wenn man zum Beispiel ein Kleidungsstück ändern musste, also etwas größer machen, dann fehlten kleinere Eckchen oder man musste Stoff sparen und hatte zu wenig abgeschnitten, so mussten kleinere Stückchen angenäht werden. Da aber alles sehr knapp war, hatte man nicht genug Platz für eine ordentliche Naht, so wurde grob über das angebrachte Stoffstück und den Ansatz des Kleidungsstücks genäht. Somit war nur noch eine Naht zusehen.

Ich:

Du hast gesagt, dass du in die Berufsschule gegangen bist. Was hast du denn da alles gelernt und wann musstest du dahin?

Oma:

Zur Berufsschule bin ich zweimal die Woche gegangen. Morgens von 8:00 Uhr bis Mittags um 13:00 Uhr und dann musste ich wieder in die Schneiderei zur Arbeit. Da bin ich sogar manchmal hin gegangen, weil der Bus zu teuer war. Für die Berufsschule musste ich auch immer Buch führen, was man alles genäht hatte und was man dafür alles verwendet hatte, denn man lernte auch hier wie man Stoff und Garn spart. Außerdem habe ich gelernt, wie man Ausrechnet, wieviel Stoff man für ein Kleidungsstück braucht. Wie man jemanden Ausmisst, je nachdem was man für ein Kleidungsstück machen möchte. Und wie man Schnittmuster für verschiedene Kleidungsstücke macht. Da hab ich noch Sachen von, das kann ich dir zeigen…

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Ich:

Und wie genau haben deine Arbeitszeiten und deine Bezahlung in dieser Zeit ausgesehen?

Oma:

Ich habe von Montags bis Samstag, von 7:00 Uhr morgens bis 18:00 Uhr in der Schneiderei gearbeitet, um 12:00 Uhr hatte ich eine Pause von einer Stunde. In der bin ich immer nach Hause zum Essen gegangen, dort gab es immer Brot mit Waldbeermarmelade. An Weihnachten und zu Silvester mussten wir sogar Sontags arbeiten, denn ganz viele Leute wollten neue Kleider für die Feiertage und als Geschenk zu Weihnachten. Und die Bezahlung… Ich habe im ersten Lehrjahr 25 Mark pro Monat bekommen, im zweiten Lehrjahr dann 35 Mark und im dritten 45 Mark. Das war nicht sehr viel für diese Zeit und ich musste zuhause ja auch noch Geld abgeben. Außerdem gab es auch kein Weihnachtsgeld, sondern man hat immer was für die Aussteuer bekommen. Ich hab immer noch Bettlaken von damals.

Ich:

Was war dann nach der Ausbildung, wie ging es mit deinem Berufsleben dann weiter? Bist du weiterhin bei deiner Ausbildungsschneiderin geblieben?

Oma:

Ich war noch ein Jahr als Gesellin bei ihr und bin dann zu einem Herrenschneider nach Kierspe gegangen. Bei dem habe ich dann erstmal richtig gelernt, wie man Anzüge, Mantel und Kostüme näht. In dieser Zeit waren Knickerbocker Stresemänner und Kött in Mode. Das waren alles Kleidungsstücke für Männer. Der Kött war ein Anzug mit Schwalbenschwanz, ein Stresemann war eine grau, schwarz gestreifte Hose und eine Knickerbocker eine weite Hose, dreiviertel lang und an der Wade zusammen gefasst. Später hab ich dann aber hauptsächlich nur noch Hosen und Westen genäht. Und da musste ich dann immer mit dem Fahrrad hinfahren, das waren fast 6 Kilometer. Da habe ich dann von 1950-1956 voll gearbeitet und von 1956-1960 dann nur noch halb. In dieser Zeit habe ich auch meine erste Nähmaschine bekomme, die konnte aber nur Zickeln. Nach 1960 habe ich dann gar nicht mehr gearbeitet, weil ich dann deinen Onkel bekommen habe und ich mit deinem Großvater das Haus gebaut habe. Da habe ich dann auch mein eigenes Nähzimmer bekommen. Da hab ich dann auch eine neue Nähmaschine von Singer gekauft, die hat damals 2000 Mark gekostet, diese konnte dann viele verschiedene Stiche, zum Beispiel konnte man damit Kleidung besticken. Ab da an hab ich dann nur noch für Familie und Freunde genäht. Ich kann mich auch noch dran erinnern, dass ich für meine Schwester und mich die gleichen Kleider genäht habe. Die hatten einen Spitzenausschnitt, einen Glockenrock und waren weiß mit Veilchen drauf. Das waren Maxikleider, das war ganz modern in den 50er Jahren. Außerdem habe ich den Anzug genäht, den die Großvater bei unserer Hochzeit trug und die Hochzeitskleider von deiner Mutter und deiner Tante, dass kann deine Mama dir mal zeigen.

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Ich:

Kannst du vielleicht einen Einblick in deinen Berufsalltag geben? Was waren die verschiedenen Schritte vom Auftrag der Kunden bis zum fertigen Kleidungsstück?

Oma:

Die Kunden kamen in den Laden und haben sich dann aus einer Modezeitschrift ausgesucht, was sie haben wollten. Ich hab dann Maßgenommen und musste dann natürlich erstmal ein passendes Schnittmuster erstellen, denn jeder hatte eine andere Figur. Danach habe ich dann den Stoff nach dem Schnittmuster zugeschnitten. Dann musste man das ganze grob zusammen nähen, weil die Kunden zur ersten Anprobe kamen. Da wurde dann geguckt, ob das ganze passte und abgeändert. Das ganze wurde dann ordentlich zusammen genäht und die Kunden kamen zur finalen Anprobe, da wurde dann nochmal geguckt, ob die Ärmel auch richtig saßen. Dann wurde das Kleidungsstück fertig gestellt.

Ich:

Kamen die Leute die zum Schneider gingen aus allen Schichten oder nur aus den oberen Schichten, weil heutzutage ist es ziemlich teuer zum Schneider zu gehen und nur wenige können sich das leisten?

Oma:

Nein, es waren Leute aus allen Schichten vertreten. Es gab ja noch nicht sowas wie C&A, wo man einfach von der Stange gekauft hat, deshalb mussten alle zu uns. Aber ich musste öfters mal, im Auftrag des Herrenschneiders, persönlich zu den Bauern nach Hause gehen, damit sie ihre Rechnungen bezahlten. Denn der musste mich schließlich bezahlen. Da habe ich nämlich 35 Mark die Woche bekommen.

 

Das Interview hat mir gezeigt, dass meine Oma ihrem Traum gefolgt ist und damit sehr glücklich geworden ist. Zu Ihrer Zeit war das Schneidern ein sehr wichtiger Beruf, der heute leider in Vergessenheit geraten ist. Heut zu Tage ist nur noch in der nächst Größeren Stadt eine Schneiderei, die sich allerdings auch eher mit kleineren Änderungsarbeiten befasst, denn man kann alles in den Läden kaufen, auch wenn man mal etwas Besonderes haben möchte.

 

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