Hexenverfolgung in Breitscheid zu Beginn des 17. Jahrhunderts

von Constanze Becker

- Frühherbst 1629 -

Als Lehna das Bett verließ und mit leisen Schritten das Halbdunkel der kleinen Küche betrat, war die Sonne noch nicht aufgegangen. Einzig die vom Vorabend noch vorhandene Glut tauchte den Raum in ein seichtes warmes Licht.

Mit wenigen geübten Handgriffen erweckte Lehna das Feuer zu neuem Leben. Kleine Flammen züngelten empor und erste Rauchwölkchen entwichen durch das Eulenloch. Gleich könnte sie das Frühstück vorbereiten. Sie schaute rüber zu den spärlichen Lebensmittelvorräten, die an der Zimmerwand lehnend auf dem Boden lagerten. Zielstrebig griff sie nach einem hellen Säckchen. Darin ließ sich noch eine kleine Menge Buchweizen finden, mit der sie wenigstens etwas Getreidebrei kochen konnte. Die ungünstigen Witterungsbedingungen der letzten Monate hatten die Ernteerträge stark schrumpfen lassen. Ein Großteil des Weizens war auf seinen Halmen verfault. Der Getreidebrei köchelte schon eine Weile über dem Feuer, als Lehna ein leises Knarren aus dem Schlafgemach vernahm. Ihr Mann Heinrich war gerade aufgestanden und grinste ihr entgegen. Auch diesen Morgen wirkte er erschöpft. Sein Gesicht war blass und er schien von Tag zu Tag schmaler zu werden. Lehna sorgte sich schon lange um ihn. Er litt noch stärker unter der kargen Ernährung als sie. Rasch nahm Lehna den Kessel vom Feuer. Nachdem sie den Inhalt sorgfältig auf die zwei hölzernen Schälchen verteilt hatte, setzte sie sich zu ihrem Mann an den Tisch. Erst jetzt, als sie beisammen saßen und bereits aßen, drangen erste Sonnenstrahlen durch die kleine, mit Haut überspannte Fensteröffnung. Ein schöner sonniger Tag kündigte sich an. Der erste seit Langem. Als sie beide aufgegessen hatten, räumte Lehna den Tisch ab. Heinrich hatte sich bereits verabschiedet. Auch heute würde er mit dem Pflügen und Ernten der Felder beschäftigt sein. Lehna aber hatte sich spontan dazu entschlossen, ihren Waschtag auf heute zu verlegen, um das gute Wetter zu nutzen.

Ihr Weg führte Lehna über die Hauptstraße des Dorfes, die von einigen wenigen kleinen Häusern gesäumt wurde. Nachdem sie den Dorfkern hinter sich gelassen hatte, bog Lehna auf einen schmalen Trampelpfad, der sie, vorbei an wild gewachsenen Büschen und Bäumen, über ein steiniges Stück herab zu einem kleinen Bach führte. Hier stauten große Steine das Wasser zu einem stillen Teich. Lehna strahlte, als sie herunter zur Waschstelle blickte. Am Ufer kniete ihre Schwester Ottilie und wrang gerade ein großes helles Laken aus. Lehna eilte das letzte Stück herab und fiel ihrer Schwester in die Arme. Beide hatte sich schon ewig nicht mehr gesehen und es dauerte nicht lange bis sie sich in ein Gespräch vertieft hatten. „Hast du die Neuigkeit über Marie gehört? Sie soll ihren Nachbarn mit einem Schadenzauber belegt haben. Er kann seither seinen linken Arm kaum noch bewegen. Selbst der Arzt kann ihm nicht mehr helfen.“ Lehna schaute ungläubig. Schon seit längerem hörte sie immer wieder von solchen Gerüchten. Es waren bereits einige Frauen aus Breitscheid der Hexerei verdächtigt worden. Doch Marie, die Tochter des Apothekers? Lehna kannte sie nur als höfliche junge Frau. Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf und vertrieb ihre Gedanken daran.

Ottilie hatte ihre Wascharbeiten schon beendet und sich längst verabschiedet, als es merklich auffrischte. Sorgfältig verstaute Lehna die frisch gewaschene Wäsche in ihrem ovalen, ausladenden Korb, um sich auf den Heimweg zu machen. Sie stieg den kleinen steinigen Hügel herauf und bog auf den Trampelpfad. Ein Stück weiter bot sich ihr ein wunderschöner Blick über die weiten Felder zu ihrer Rechten, die seicht aufwärts verlaufend an den Wald grenzten, der das Dorf ringförmig umgab. Zu ihrer Linken erstreckten sich die Obstwiesen. Lehna genoss den Anblick und hatte ihr Tempo bereits merklich reduziert, als sie ein harter Stoß zurücktaumeln und rücklings zu Boden fallen ließ. Lehna richtete sich gerade auf und klopfte gedankenverloren den Staub aus ihren Kleidern, als sie eine zarte Frauenstimme vernahm. „Entschuldigung!“ Lehna griff nach dem Korb, den Blick weiterhin gesenkt.                                      „Kein Problem. Mir geht es gut,“ erwiderte sie. Als Lehna aufschaute erlosch ihr Lächeln abrupt. Sie sah in ein ausgezerrtes Frauengesicht. Ein von dunklen Schatten umgebenes Augenpaar starrte sie erschöpft an. Die Haare der Frau lagen wirr. Lehna war es unmöglich ihr Entsetzen zu verbergen. Trotz der starken Veränderung konnte sie das Gesicht zuordnen. Es war Marie, die Tochter des Apothekers. Doch was war mit der einst so lebensfrohen jungen Frau geschehen, die Lehna immer für ihre Schönheit bewundert hatte?

Lehna war erleichtert als sie endlich das kleine, mit Lehm umkleidete Haus am anderen Ende des Dorfes erblickte. Das spitz empor ragende Dach war mit Stroh bedeckt. Eine Gruppe hoher schmaler Tannen umgab die hintere Hälfte des Hauses. Halb rennend hatte sie das letzte Stück zurückgelegt und stieß nun, um Luft ringend, die Eingangstür auf. Heinrich saß bereits auf einem der Schemel am Tisch und drehte sich erschrocken um. Besorgt schaute er in die weit aufgerissenen Augen seiner Frau. „Was ist los Lehna, geht es dir gut“, stieß er hervor. Lehna atmete tief ein. „Ich denke schon. Schenkst du dem Gerücht über Marie Glauben?“ „Ja“, entgegnete Heinrich ernst. „Erst heute habe ich das Leid sehen müssen, das sie ihrem Nachbarn zugefügt hat.“ Er hielt kurz inne. Seine Augen verfinsterten sich. „Sie soll auch brennen, ehe sie noch mehr Schaden anrichtet. Halte dich lieber fern von ihr.“
In Lehna kroch plötzlich die Angst empor. Kam die Warnung ihres Mannes vielleicht längst zu spät. Lehna wollte diesen düsteren Gedanken erst gar nicht zulassen und machte sich energisch an die Vorbereitung des Abendessens.

Die Sonne war schon längst hinter den hohen Bäumen des Waldes versunken und der Vollmond stand hoch oben, als Lehna zu Bett ging. Auf Zehenspitzen tapste sie rüber zur Holztür, die sie nur so weit öffnete, dass sie gerade so hindurchschlüpfen konnte. Vorsichtig hob sie das Schaffell und legte sich zu Heinrich. Sie schloss die Augen und es dauerte nicht lange, bis sie in eine Traumwelt entglitten war. Mitten in der Nacht schreckte Heinrich hoch. Er war durch einen Tritt unsanft aus dem Schlaf gerissen worden. Nachdem er sich aufgerichtet hatte, beugte er sich behutsam über Lehna. Durch den kleinen Türspalt fiel das seichte Licht der erlöschenden Glut auf ihr Gesicht. Schweißperlen rannen über ihre Stirn. Ihre Miene schien vor Schmerzen verzehrt. Entgeistert begann Heinrich an ihrem bebenden Körper zu rütteln. Atemlos schreckte Lehna hoch. „Geht es dir gut?“ Lehna schluckte, ihr Blick wanderte unstet umher. „Ja. Ich muss nur schlecht geträumt haben“, entgegnete sie mit zittriger Stimme. Bemüht darum ihre Angst zu verbergen. Heinrich sank erleichtert zurück und schloss seine Augen. Allmählich verfiel seine Atmung zurück in einen langsamen steten Rhythmus. Lehna saß neben ihm. Sie hatte ihre Beine dicht an den Körper herangezogen und hielt sie fest umschlungen. Den Kopf auf ihre Knie gebettet, dachte sie an ihren schrecklichen Traum.

 Der nächste Morgen war hereingebrochen. Lehna hatte sich entschlossen, ihrem Mann nicht von ihrem Traum zu berichten. Anstatt dessen wollte sie ihre Erinnerungen daran so schnell wie möglich vergessen. Heinrich war bereits auf dem Acker arbeiten. Lehna studierte derweil die Lebensmittelvorräte. Ihr Blick huschte über die kleinen Säckchen und Körbe. Da war noch etwas Buchweizen, ein paar Rüben und einige Eier. Kurzerhand entschloss sie sich, noch einige Äpfel und Birnen pflücken zu gehen. Nachdem sie noch etwas Holz aufgelegt hatte, um die Glut den Tag über zu erhalten, stieß sie die Haustür auf. Dunkle Wolken rasten über sie hinweg. Ein eisiger Wind wehte ihr entgegen. Entschlossen griff sich Lehna noch ihren dunkelbraunen wärmenden Umhang und einen Korb. Nachdem sie die Tür sorgfältig hinter sich verschlossen hatte, ging sie den schmalen erdigen Weg herab, der sie, nachdem er eine kleine Kurve gemacht hatte, direkt auf die Hauptstraße des Dorfes führte. Ein Stück weiter begann sich die Straße langsam zu verbreitern, bevor sie auf einen größeren Platz traf. Von hier aus bog Lehna auf einen ansteigenden Seitenweg. Bereits einige dutzend Meter weiter geradeaus, ragte der wuchtige Chorturm empor, den ein pyramidenförmiges Helmdach krönte. Gräuliche grobe Steine formten das Mauerwerk des Turms. Hinter ihm lag das geräumige Kirchenschiff. Lehna ging an der halbhohen steinernen Mauer entlang, die die Kirche einmal umlief. Etwas weiter oben sah sie nun endlich ihr Ziel, den Tiergarten. Hier erstreckten sich die Obstwiesen des Dorfes. Lehna hatte den befestigten Weg gerade verlassen und stapfte durch das hoch gewachsene Gras, als sie plötzlich erschrocken zusammenfuhr. Entsetzt wanderten ihre Augen über die ordentlich aufgereihten Apfel- und Birnenbäume, die gerade reiche Ernte trugen. Dicht dahinter erstreckte sich bereits der Wald. War das nicht der Ort von dem sie letzte Nacht geträumt hatte? Lehna nahm ihre Umgebung nur noch schemenhaft war. Unterdessen wurden die Erinnerungen an ihren Traum immer lebendiger. Sie war durch die Dunkelheit der Nacht hergeflogen. Weit oben hinter den Obstbäumen hatte sie auf einer Anhöhe Halt gemacht. Dort brannte ein großes Feuer. Flammen züngelten ihr entgegen und verbreiteten ihre Hitze. Plötzlich fing sich alles um sie herum an zu drehen. Fremde Menschen wirbelten um sie herum, ihre Gesichter zu wilden Fratzen verzerrt. In ihren Ohren dröhnte es. Einem bestimmten Rhythmus folgend, ertönten immer wieder gellende Schreie. Als Lehna wieder zu sich kam lag sie auf dem Wiesengrund. Von hochgewachsenem schlaffem Gras umgeben, blickte sie in den halbdunklen Himmel. Regentropfen fielen ihr auf das Gesicht. Benommen richtete sich Lehna auf. Für einen kurzen Augenblick hielt sie inne, dann griff sie sich den leeren Korb und rannte los. Sie wollte so schnell wie möglich fort von diesem Ort. Nur mit Mühe hielt sich Lehna taumelnd auf ihren kraftlosen Beinen. Ihre mit Wasser vollgesogene Kleidung lastete schwer auf ihr. Immer wieder wickelte sich das hohe Gras wie Schlingen um ihre Fußfesseln und riss sie zu Boden. Als Lehna endlich den befestigten Weg erreichte, beschleunigte sie ihr Tempo. Sie hastete an der Kirche vorbei, herab zur Hauptstraße. Schweiß mischte sich zu den Regentropfen auf ihrer Haut. Zunehmend verschwamm der Weg vor Lehnas Augen. Doch aus ihren Augenwinkeln glaubte sie eine dunkle Gestalt wahrzunehmen, die ihr von der anderen Seite der Straße aus hinterherzuschauen schien. Ihr Atem ging schwer. Dann bog sie auf den kleinen erdigen Pfad, der sie zum Haus führte. Nach Atem ringend fiel Lehna zur Tür herein. Vor dem glimmenden Feuer brach sie schließlich zitternd zusammen. Sie war alleine. Doch Heinrich würde bald zurückkehren. Er sollte nichts von den Ereignissen des heutigen Tages erfahren. Unvermittelt riss sich Lehna die nasse Kleidung vom Leib und eilte zu dem Eimer Wasser, der neben dem Feuer stand. Ihren Kopf über den Eimer gebeugt hielt sie kurz inne. Auf der Oberfläche des klaren Brunnenwassers spiegelte sich ihr Gesicht. Ihr langer geflochtener Zopf hatte sich gelöst. Nasse Haarsträhnen zogen sich quer über ihre dreckbeschmierte Stirn. Lehna formte ihre Hände zu einer Schale und schöpfte fieberhaft Wasser aus dem Eimer, mit dem sie ihr Gesicht immer wieder benetzte. Nachdem sich der Schlamm gelöst hatte griff sich Lehna ein Tuch und trocknete ihr Gesicht. Dann band sie ihre Haare zu einem ordentlichen Zopf und stürmte in das Schlafgemach. Aus der Truhe am Fuß des Bettes fischte sie ein frisches Kleid, dass sie sich eilig überwarf. Anschließend breitete sie ihre durchnässte Kleidung sorgsam über eine in der Küche angebrachte Stange zum Trocknen aus. Erst jetzt begab sich Lehna daran, das Abendessen vorzubereiten. Ihre Gedanken waren weiterhin von ihrem schrecklichen Verdacht beherrscht.

Lehna hatte ihren Mann davon überzeugen können, einen ganz gewöhnlichen Tag verbracht zu haben. Nun saß sie aufrecht im Bett, dass Schaffell bis über ihre angewinkelten Knie gezogen. Draußen tobte ein heftiger Wind und starker Regen ging prasselnd nieder. Lehna hörte die Tannen rauschen. Nasse Kälte kroch durch die dünnen Wände. Neben ihr lag Heinrich. Er hatte längst in den Schlaf gefunden. Lehna war erleichtert als der einbrechende Tag langsam die Dunkelheit der Nacht vertrieb. Sie hatte kein Auge zugetan. Fröstelnd stieg sie aus dem Bett. Das Feuer war durch den eindringenden Regen inzwischen gänzlich erloschen. Lehna nahm sich ein paar Holzscheite, die sie und Heinrich zum Schutz vor Feuchtigkeit in der Küche lagerten und kniete sich vor die Feuerstelle. Sorgfältig stellte sie das Holz aneinander lehnend auf die tiefschwarzen Aschestückchen. Darunter verteilte sie trockenes Moos, das ihr als Zunder dienen sollte. Dann nahm sie sich das Werkzeug und begann es rhythmisch aufeinander zu schlagen. Heiße Funken sprühten auf den Zunder. Vorsichtig hauchte Lehna sie zu einer Glut und schließlich zu winzigen züngelnden Flammen, die stetig an Größe gewannen. Lehna stand gerade an der Haustür und spähte durch einen kleinen Spalt heraus, ihrem Mann hinterher, der sich nun auf den Weg an die Arbeit machte. Auch heute war der Himmel wolkenverhangen und weiterhin ging ein starker Wind. Nur der Regen hatte aufgehört. Lehna schaute Heinrich noch lange hinterher, dann verschloss sie die Tür hinter sich. Sie hatte ihr Geheimnis weiterhin vor ihm verbergen können. Selbst von ihrer schlaflosen Nacht ahnte er trotz ihrer müden und von dunklen Schatten umgebenen Augen nichts. Mit einem hölzernen Eimer hatte sich Lehna kurze Zeit später zum Brunnen des Dorfes aufgemacht. Kaum war sie auf die Hauptstraße gelangt, traf sie ihre Schwester Ottilie, die ihr fröhlich grinsend entgegenlief und sich umgehend bei ihr unterhakte. Gemeinsam schlenderten sie das letzte Stück der Hauptstraße entlang, bis sie auf dem großen Platz standen, der von fünf gleichartig gebauten Häusern umgeben war. In seinem Zentrum befand sich der Dorfbrunnen. Über ihm ein schmales, mit filigranen Holzziegeln bedecktes Dach, das als Wetterschutz diente. Vor dem Haus des Korbmachers tummelten sich einige Frauen. Schon von weitem hatten Lehna und Ottilie sie tratschen hören. Auf Zehenspitzen lehnte sich Lehna über die hüfthohe Mauer, die den Brunnenschacht umgab. Wankend befestigte sie ihren Behälter am Ende des Seils, das in den dunklen Abgrund ragte. Ihre Hände zitterten. Leise zischend rauschte der Eimer herab, bis er schließlich platschend auf die Wasseroberfläche prallte und unter gedämpftem Gurgeln versank. Lehna sah herüber zu ihrer Schwester. Diese stand bereits an der Haspelwinde bereit. In ausholenden Bewegungen bewegte Ottilie den vollgelaufenen Eimer wieder herauf, wo ihn Lehna entgegennahm. Ottilie war bereits seit ihrem zufälligen Zusammentreffen auf der Hauptstraße voll von Sorge um ihre Schwester. Lehna machte einen mitgenommenen Eindruck. Ihr Gesicht war fahl. Ihre Augen schienen angsterfüllt.  „Was ist los mit dir“, fragte Ottilie. Die Stirn in Falten gelegt. „Es ist nichts“, entgegnete Lehna abwehrend. Doch in ihren Augen blitzte es auf. „Was ist passiert“, bohrte Ottilie weiter.                                                                                                                   „Ich kann es dir nicht sagen.“ Tränen stiegen in ihre Augen. Misstrauisch sah sie herüber zu den anderen Frauen, die in eine Unterhaltung vertieft zu sein schienen und fing schließlich mit gebrochener Stimme an zu reden. Sie begann bei ihrer seltsamen Begegnung mit Marie und machte weiter mit ihrem schrecklichen Traum. Zuletzt berichtete sie von ihrem Erlebnis im Tiergarten. „Was ist, wenn ich auch eine Hexe bin“, brach es schließlich aus ihr heraus. Ottilie griff nach Lehnas Händen und sah ihr tief in die Augen. „Du bist keine Hexe. Das war nur ein Traum. Du hast nichts Unrechtes getan.“  „Meinst du?“ Ein zurückhaltendes Lächeln huschte über Lehnas tränenbenetztes Gesicht. „Ja“, rief ihr Ottilie erleichtert entgegen und drückte sie beherzt.

Auf der Hälfte des Weges hatte Lehna ihre Schwester Ottilie verabschiedet. Nun schritt sie das letzte Stück der Hauptstraße entlang. Lehna fühlte sich befreit. Sie war froh sich ihrer Schwester anvertraut zu haben. Ottilie hatte Recht. Sie hatte nur geträumt. Es war nichts passiert. Als Heinrich von der Arbeit auf dem Feld zurückkehrte, saß Lehna bereits auf einem der dreibeinigen Holzschemel vor dem knisternden Feuer und wärmte sich. Fröhlich grinste sie ihm entgegen. Der Getreidebrei stand bereits dampfend auf dem Tisch. Heinrich war glücklich. Lehna hatte seit langem nicht mehr so zufrieden gewirkt wie heute. Ihre unergründliche Furcht schien wie weggefegt.

Früh am Morgen dröhnte ein unüberhörbares Hämmern durch das kleine Haus, dass Lehna und Heinrich aus dem Schlaf riss. Heinrich kroch aus dem Bett und öffnete nichtsahnend die Haustür. Der Anblick ließ ihn erstarren. Ungläubig sah er in das Gesicht des Schuldheißen, der in Begleitung eines stämmig gebauten Knechts vor ihm stand. Ohne ein Wort zu verlieren tat der Schultheiß einen Schritt nach vorn und schob Heinrich unsanft beiseite, der die Haustür hinter sich zuzog und sich den beiden Männern zuwandte. „Was wollt ihr“, stieß er plötzlich hervor.   „Wo ist deine Frau?“ Verzweifelt schaute Heinrich den Schuldheißen an und deutete schließlich kaum sichtbar in die Richtung des Schlafgemachs. Lehna kauerte erschrocken im Bett als der Knecht die Tür aufstieß. Sie konnte sich gerade noch etwas überwerfen, bevor er sie gewaltsam in die Küche zog. Angsterfüllt schaute sie ihren Mann an. Der Knecht hielt ihren Arm fest umschlungen und zerrte sie nun in Richtung Haustür. Heinrich war erstarrt. Unfähig sich zu bewegen oder etwas zu sagen. Mit Mühe unterdrückte er seine Tränen. Die Haustür stand noch offen und kalter Wind wehte ihm entgegen, als ihm plötzlich eine schreckliche Gewissheit erschlich. Er würde seine Frau nie wieder sehen.    

Heinrich saß vor der erloschenen Glut und starrte auf die rußverfärbten Holzreste, als Ottilie zur Tür hereinstürmte. „Marie hat Lehna der Hexerei bezichtigt“, keuchte sie nach Atem ringend. „Sie hat unter Folter angegeben, ihr auf dem Hexensabbat begegnet zu sein.“ In ihren Augen lag tiefe Verzweiflung. Hilflos sah sie Heinrich an, der seinen Mund öffnete, dann aber wieder schloss, ohne das ihm ein Wort über die Lippen ging. Tränen bahnten sich ihren Weg über Ottilies Wangen. „Der Schuldheiß soll zwei ehrbare Zeugen ausgemacht haben, die den Verdacht bestätigen können,“ stieß sie weinend hervor. Dann fiel sie neben Heinrich auf die Knie, die Hände vor ihr Gesicht geschlagen. Behutsam legte Heinrich seine Arme um sie und zog sie fest an sich. Tränen stiegen in seine Augen.

 

Die Geschichte wurde von wahren Begebenheiten inspiriert. Wie Lehna wurden seit dem Jahr 1629 im Laufe des Dreißigjährigen Krieges in Breitscheid unschuldige Frauen als Hexen verfolgt. Bis 1639 wurden Sechs von ihnen verurteilt und in Herborn hingerichtet.

 

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