Ein Mord aus der Vergangenheit

von Katharina Lauer

Jede Sekunde versuche ich mich daran zu erinnern, was damals wirklich passiert ist. Meine Gedanken überschlagen sich und ich bin mir nicht ganz sicher ob das, was ich am 17 Juli 2016 erlebt habe, alles wirklich war oder ich doch langsam meinen Verstand verliere.

Ich lebe in dieser Stadt seit drei Jahren, fühlte mich immer recht wohl,obwohl Sie keinen Schönheitspreis gewinnen wird. Doch niemals hatte ich so ein starkes Bedürfnis, diesen Ort auf dem schnellsten Wege zu verlassen, dass mein Magen sich zusammen zog. Das Gefühl kannte ich noch nicht. Ja oft hatte ich Heimweh und wünschte, ich wäre woanders gelandet, aber meine neuen Freunde haben es mir leichter gemacht. Von meinem Küchentisch aus konnte ich auf die Siegener Oberstadt schauen. Das Krönchen blitze in der Sonne auf. Der Blick dort hinauf erinnert mich bei blauen Himmel an eine Ansicht von Italien. Ich weiß das klingt verrückt, aber irgendwie fühlte mich dann besser und dass Siegen doch gar nicht so trostlos und verregnet war, wie es sich sonst so gerne zeigte. Ich rührte stark in meinem Kaffee, der mir wieder ein bisschen zu schwarz geraten war, aber nicht um Milch oder Zucker darin zu verteilen, sondern ich war nervös. Mein Koffer stand gepackt im Hausflur. Manchmal macht man einfach Sachen irgendwie unterbewusst, ohne darüber nachzudenken. Ich blickte kurz in den schwarzen See in meiner Tasse, und je länger ich dort hineinschaute, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass etwas meine Gedanken und Erinnerungen aus meinem Schädel zog. Und plötzlich war ich wieder an diesem 17. Juli, der mein Leben grundlegend verändern sollte. Also, ich kann selbst nicht beschwören, ob das alles so stimmt, was sich an diesem Tag zugetragen hat, und ich könnte euch verstehen, wenn ihr mir keinen Glauben schenkt.


Jede Sekunde versuche ich mich daran zu erinnern, was damals wirklich passiert ist. Meine Gedanken überschlagen sich und ich bin mir nicht ganz sicher ob das, was ich am 17 Juli 2016 erlebt habe, alles wirklich war oder ich doch langsam meinen Verstand verliere.

Ich lebe in dieser Stadt seit drei Jahren, fühlte mich immer recht wohl,obwohl Sie keinen Schönheitspreis gewinnen wird. Doch niemals hatte ich so ein starkes Bedürfnis, diesen Ort auf dem schnellsten Wege zu verlassen, dass mein Magen sich zusammen zog. Das Gefühl kannte ich noch nicht. Ja oft hatte ich Heimweh und wünschte, ich wäre woanders gelandet, aber meine neuen Freunde haben es mir leichter gemacht. Von meinem Küchentisch aus konnte ich auf die Siegener Oberstadt schauen. Das Krönchen blitze in der Sonne auf. Der Blick dort hinauf erinnert mich bei blauen Himmel an eine Ansicht von Italien. Ich weiß das klingt verrückt, aber irgendwie fühlte mich dann besser und dass Siegen doch gar nicht so trostlos und verregnet war, wie es sich sonst so gerne zeigte. Ich rührte stark in meinem Kaffee, der mir wieder ein bisschen zu schwarz geraten war, aber nicht um Milch oder Zucker darin zu verteilen, sondern ich war nervös. Mein Koffer stand gepackt im Hausflur. Manchmal macht man einfach Sachen irgendwie unterbewusst, ohne darüber nachzudenken. Ich blickte kurz in den schwarzen See in meiner Tasse, und je länger ich dort hineinschaute, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass etwas meine Gedanken und Erinnerungen aus meinem Schädel zog. Und plötzlich war ich wieder an diesem 17. Juli, der mein Leben grundlegend verändern sollte. Also, ich kann selbst nicht beschwören, ob das alles so stimmt, was sich an diesem Tag zugetragen hat, und ich könnte euch verstehen, wenn ihr mir keinen Glauben schenkt.

 

Die Sonne schien mir ins Gesicht, es war früher Abend und ich war bei einem Freund zum Grillen eingeladen worden. Von meiner Wohnung in der Innenstadt am Kölner Tor ist es zu Fuß nicht weit weg bis zu ihm. Da ich noch kurz etwas in der Stadt zu erledigen hatte, ging ich an dem neu gestalteten Siegufer vorbei mit seinen Treppen. Schön endlich dort unten am Wasser sitzen zu können. Leute hockten dort noch vereinzelt, lachten, unterhielten sich und tranken ihr mitgebrachtes Bier.

Wirklich kein Vergleich zu dem Betonmonster, das sich Siegplatte nannte, mit diesem riesengroßen Parkplatz.

Ich ging an allen vorbei und erreichte das Gebäude Reichwalds Eck, dort gehen wir oft ins Kino oder zum Sport ins McFit. Hinter dem Parkhaus gibt es eine Unterführung an der Sieg entlang, die gerade nachts recht unheimlich ist. Man erwartet vielleicht einen Obdachlosen oder ein paar Jugendliche, die dort abends abhängen. Doch in all den Jahren und ich bin schon einige mal dort entlang gegangen, habe ich nie einen Menschen angetroffen.

Das sollte sich nun ändern.

Ich ging den kleinen Berg hinunter und sah schon diesen Mann dort am Geländer stehen, den Rücken zum Fluss gewandt. Er trug einen langen Mantel und einen etwas seltsamen Hut. Ich schätzte ihn so auf 50 Jahre. Eine Zigarette klemmte zwischen seinen Lippen. Der lange wollige Mantel lies mich stutzen an diesem warmen Sommerabend.

Sein Gesicht war von einigen Falten durchzogen und ein etwas längerer Vollbart säumte sein Kinn. Er erblickte mich direkt, und innerlich wusste ich, dass er mich ansprechen würde. Ich versuchte ihn nicht anzuschauen, kramte mein Handy aus der Tasche und schaute darauf, in der Hoffnung, er würde mich nicht ansprechen und merken, dass ich ihm keine 20 Cent oder eine Zigarette geben würde.

Doch leider funktionierte meine Taktik nicht, mich unsichtbar werden zu lassen. Ich hörte nur eine tiefe Stimme, genau in dem Augenblick, als ich auf seiner Höhe war.

„Hey du, kann ich dich kurz etwas fragen? Ich bin ganz neu hier und kenne mich noch nicht so gut aus!“. ` Mist, dachte ich bei mir, aber ich blieb stehen, sah von meinem Handy auf. Der Mann lächelte mich an. Meine nette und freundliche Erziehung verbat mir einfach weiterzugehen, was ich vielleicht besser getan hätte. Ein Punkt, an dem ich in Zukunft stärker an mir arbeiten werde.

„Ich frage mich die ganze Zeit, wo dieser Fluss wohl hinführt.“ Darauf konnte ich ihm antworten: „ Das ist die Sieg, sie fließt in den Rhein“.

„Ach, das ist gut zu wissen, hatte schon einige gefragt, aber keiner wusste es!“ Ich schaute ihn verdutzt an: „ Ich komme auch nicht von hier, aber eigentlich wissen das alle, die hier wohnen.“

Der Mann drehte sich langsam zum Geländer um, beugte sich ein wenig nach vorne, schaute ins Wasser und murmelte nun etwas in seinen Bart, was ich kaum verstehen konnte aber es war in etwa so: „ Ich bin diesem Fluss schon einige Zeit gefolgt, von seinem Anfang bis hier her und ich bin mir sicher, ich war schon einmal hier“. Er drehte seinen Kopf zu mir und lächelte mich wieder an. Ich fand ihn sympathisch und unheimlich zugleich. Er machte eine winkende Handbewegung seitlich an seinem Körper und sagte: „ Komm mal kurz her, ich muss dir etwas zeigen, etwas sehr schönes!“ Was sollte ich jetzt tun? Ich blieb wie angewurzelt an meinem Platz stehen - verdammte, dumme Neugierde war wieder kurz davor, meine Angst und Vorsicht zu besiegen. Laufen? oder schnell mal einen Blick am Geländer runter wagen? Er wirkte schon recht sonderbar mit seinem dicken Mantel im Sommer. Ich hörte die warnenden Stimme nur noch sehr leise in meinem Kopf, denn

der Kampf in mir, war schon lange entschieden und Angst und Vorsicht lagen blutend auf dem Schlachtfeld und regten sich nicht mehr. Die Neugierde schritt voran ans Geländer. Mit einer Armlänge Abstand stellte ich mich zu ihm ans Geländer. Er hatte mich ans Geländer treten lassen, ohne mich dabei noch einmal anzusehen.

Eine kribbelnde Welle von Aufregung stieg in mir hoch. „Was ist denn nun da unten?“ Ich blickte ihn fragend an. Immer noch ohne mich anzusehen, zeigte er nach unten in das Wasser:

„Siehst du dort etwas blinken?“ ich blickte in die Richtung, in die sein Finger zeigte. Ich schaute ganz angestrengt und suchte mit meinen Blicken das flache Siegwasser ab. Ich konnte aber zum Verrecken nichts erkennen. „Da ist aber nichts!“ sagte ich. „Vergessenes“ sagte der Mann.

„Wie Vergessenes? Was meinen Sie damit?“ Jetzt wurde es mir doch ein wenig unwohl in der Magengegend. Ich wagte noch einen kurzen Blick zu ihm rüber und sein sympathisches Lächeln war verschwunden. „ Wenn du es noch nicht sehen kannst, wirst du es gleich können.“

 

Mit einem Mal schnellte sein Arm an meinen Hinterkopf und mit voller Wucht knallte er meine Stirn an das Geländer. (Seine Augen waren nun blutunterlaufen). Mein Kopf explodierte und ein schwarzer Nebel breitete sich aus und ich verschwand in dieser schwarzen Wolke.

Was ich nicht mehr mitbekam, was aber so passiert sein musste: Er packte meine Arme und zerrte meinen bewusstlosen Körper zuerst über das Geländer, packte mich an den Füßen und verfrachtete mich in den Fluss.

 

Lange war da nix, also gefühlt. Realität schwamm nackt den Fluss runter.

 

Zuerst roch ich etwas, es war feuchtes Gras. Ich öffnete langsam meine Augen und konnte den Himmel sehen. Große und kleine Wolken schoben sich gegenseitig an und zogen eilig an meinen Augen vorbei. Ich fühlte neben mir das Gras, es war wirklich sehr nass. Mein Kopf schmerzte an der Stirn. Ich berührte die Stelle, die schmerzte und schaute dann auf meine Finger. Es war kein Blut zu sehen. Das war schon mal gut. Ich drehte meinen Kopf zur Seite und konnte nun seitlich liegend erkennen wo ich war. Ich lag an einem Flussufer, überall war es grün, vereinzelt standen Bäumen am Flussufer.

Auf einem Berg am Rande des Flussufers waren große Mauern zu sehen mit großen Türmen.

Irgendwie kam mir diese Stadt bekannt vor, obwohl sie ganz anders aussah, mit ihrem Wall aus großen Steinen.

Plötzlich wurde mir bewusst, was ich dort sah. Es war Siegen. Ich erkannte das Untere Schloss und die Nicolaikirche.

Was war denn nur passiert? Ich richtete mich langsam auf, meine Knochen schmerzten und mein Schädel brummte, als hätte man in ein Bienennest gestochen.

Vor mir sah ich die Sieg, sie war viel breiter und alles war grün.Nur wenige Häuser waren am Flussufer angesiedelt.

Das konnte doch gar nicht sein. Ich musste träumen. Die ganze Zeit, hatte ich wie gebannt auf die Stadt geblickt und mich noch gar nicht in alle Richtungen umgeschaut.

Ich drehte meinen Kopf langsam nach links und erschreckte mich dabei fast zu Tode.

Jemand lag neben mir. Reglos! Ich sah zuerst die Schuhe, diese waren nass und die Schnürsenkel hingen wie gekräuselte Würmer an den Seiten herunter.

Die Hose aus dunkelgrauem Baumwollstoff klebte nass an den Beinen.

Um die ganze Person sehen zu können, musste ich meinen Oberkörper drehen.

Mir wurde schlagartig schlecht. Ich drehte mich langsam um. Der Oberkörper war irgendwie seltsam gedreht und gehüllt in einen langen wolligen Mantel. Das Gesicht lag auf der Seite, braune lockige Haare klebten nass an seiner Wange und ein brauner Bart säumte sein Kinn. Blut war ihm die Stirn hinunter gelaufen. Die Augen weit geöffnet. Sie starrten ins Leere der Landschaft!

Wie ein Blitz schlug die Erinnerung in mich ein: Es war der Mann aus der Unterführung, der scheinbar tot neben mir lag.

Ich rutsche schnell ein paar Meter zur Seite, meine Hände zitterten, umklammerten das Gras.

Ich fühlte mich hilflos und alleine und ich hatte keinen Plan, was ich nun tun sollte.

Ein toter Mann neben mir, der mich gefühlt vor 10 Minuten in die Sieg geschmissen hatte. Dann diese Stadt, die meiner Meinung nach die Stadt war, in der ich lebte, aber jetzt komplett anders aussah. Dort an der Stelle, an der mein Haus normalerweise stand, war jetzt eine große Mauer. Egal wie ich betrunken ich manchmal nach Hause kam: Niemals war mein Haus weg gewesen.

Was zum Teufel war hier los?

 

 


Zeitreisen.

Zurück in die Vergangenheit.

Stephan Kings „Der Anschlag“. Erst vor kurzem hatte ich mir das Hörbuch heruntergeladen und begonnen es zu hören.

Ein Mann, der in einem Diner ein Zeitportal findet, das ihn ins Jahr 1958 zurückbringt und versucht, das Attentat auf Präsident John F.Kennedy zu verhindern.

Super unterhalten hat mich diese Geschichte, und der Gedanke daran, selbst in den Lauf der Zeit einzugreifen, welch ein grandioser Gedanke, ob nun mit positiven oder negativen Auswirkungen.

 

Strebt nicht jeder in seiner beschleunigten Gegenwart danach, zu wissen, was uns morgen erwartet und oft hat jeder sich von uns gefragt: Wo wäre ich heute, hätte ich mich an wichtigen Knotenpunkten meines Lebens anders entschieden, vielleicht mal nicht so verbohrt oder zu leichtgläubig gewesen und hätte es einfach anders gemacht. Wie würde meine jetzige Wirklichkeit aussehen und die Welt um mich herum?

Eine riesige Supernova explodiert in tausend glitzernde Stücke Feenstaub über meinem Kopf und tadaaa schon wieder keine tiefgehende Erkenntnis gehabt. Mist! Beschränktes Denken, beschränktes Handeln.

Und nein, ich möchte auch keine Droge nehmen, die meine Gehirnleistung zu 100% ausschöpft.

Wie schrecklich ist das denn? Bitte liebe Menschheit, lasst mich in meiner molligen weichen Decke, meiner kleinen beschränkten Welt liegen, da scheint noch die Sonne und jeder hat Sex, und zwar so Körper an Körper und nicht auf einer höheren kognitiven Ebene.

 

Manchmal frage ich mich echt, ob das Leben in der Vergangenheit eine bessere Alternative gewesen wäre. Ja, die hatten schlechte hygienische Verhältnisse im Mittelalter und die Hexenverfolgung war vielleicht auch nicht so toll. Aber der Kampf ums tägliche Essen gab genug Stoff her, um sich auch ab und an mal ordentlich aufs Maul zu hauen. Nicht dass ich für Gewalt bin, im Gegenteil, aber die zwischenmenschliche Dichte war noch gegeben. Trefft euch auf einem offenen Feld der Kommunikation und tragt eure Konflikte aus. 2016 anscheinend nicht mehr möglich. Technik und Medien beherrschen unsere Welt. Früher konnte man gar nicht auf der Toilette telefonieren, weil das Kabel des Telefonapparates bestimmt nicht bis auf die Toilette reichte. Heute hockt man mit Smartphone und runter gelassener Hose auf dem Klo, und während dessen man sein Geschäft erledigt, telefoniert man mit mit seinem Bankberater.

Die Feinde kündigen sich auch nicht mehr an wie in einem klassischen Horrorfilm. Man steht in einem sehr, sehr schwarzem Raum und erkennt kaum etwas, da ist etwas Bedrohliches, man fühlt es auf der Haut und unter den Nägeln, in den Haarspitzen, aber kann es nicht erkennen. Es lauert im Untergrund, hat sich dort zusammengerottet. Vergleichbar mit Ratten, die nur im Untergrund leben, weil sie dort keine natürlichen Feinde haben.

Gerade war noch alles weit weg, dann geht das Licht an, das Grauen streckt dir seine widerliche Zunge entgegen und schleckt dir einmal durchs Gesicht.

Hättest du es verhindern können? Naja, nicht in den Raum gehen, aber das wäre zu vorausschauend noch schnell unseren Planeten zu verlassen.

 

Aber seien wir mal ehrlich, alles nur reine Hirngespinste, und ich möchte auch nicht wissen, was vor oder nach mir passiert.

Irgendwie scheine ich abgeschweift zu sein, aber kann mich gerade kaum darauf konzentrieren die Geschichte weiter zu erzählen. Ich war wieder bei meiner Kaffeetasse und der schwarzen Suppe darin.

Die Narbe auf meiner Hand katapultierte mich aber so was von schlagartig zurück.

 


 

Genau, was war hier los?

Ok, tief einatmen. Ich rappelte mich langsam auf und es drehte sich ein wenig wild in alle Richtungen. Und der tote Mann lag immer noch da. Mir wurde kotzübel, bloß nicht auf die Leiche brechen. Ich übergab mich in das Wasser der Sieg. Ich hatte meinen Mageninhalt aus der Zukunft mit in die Vergangenheit gebracht wenn die Leute wissen würden, was es alles in der Zukunft zu essen geben würde.

Ich konnte mich gerade selbst nicht daran erinnern, was ich noch vorher gegessen hatte.

Also innerlich hoffte ich, ich war nur in der Vergangenheit gelandet und nicht von Außerirdischen entführt und in einem Paralleluniversum gelandet.

Obwohl, ehrlich gesagt, würde das auch gerade nichts an meiner Situation ändern.

Nachdem ich mich gefangen hatte und es meinem Magen etwas besser ging, überlegte ich, ob es vielleicht sinnvoll wäre, herauzu finden, wer dieser Mann war, aber dazu müsste ich einen toten Menschen berühren. Keine so prickelnde Vorstellung.

Leiche plündern stand auch auf meiner Liste der zehn Dinge, die ich im Leben noch unbedingt erleben wollte, nicht gerade auf Platz 1. Erst auf Platz 3. Nein, in Wirklichkeit war dafür kein Platz vorgesehen gewesen, aber Listen ließen sich ja noch erweitern.

Also nicht so ängstlich, sprach ich zu mir.

 

Ich trat an den leblosen Körper, beugte mich nach unten und durchsuchte seine Manteltaschen. Zum Glück schauten mich seine Augen nicht an, das würde ein schlechtes Gewissen in mir wecken und wahrscheinlich noch jede Menge Schuldgefühle. Stehlen ist ja schon schlimm, aber einen Toten zu beklauen, das lässt das Ganze ins Unermessliche anwachsen. Seine rechte Jackentasche war leer. Ich griff in die linke Tasche, leider auch nichts. Vielleicht hatte der Mantel eine Innentasche. Der Körper war durch das Wasser ganz aufgequollen. Beim Griff in die Innentasche spürte ich etwas. Es fühlte sich kalt und eisern an und war nicht gerade groß.

Es war eine kleine Schmiedearbeit in Form eines Löwen. Er war sauber gearbeitet. Ich strich mit meinen Fingern über das Relief des Löwen. Auf der Rückseite war ein sechskantiges Metallstück angebracht. Vielleicht war er mal an etwas angebracht gewesen. Eilig steckte ich es in meine Hosentasche.

Der modrige, feuchte Geruch des Wassers in Verbindung mit diesem leblosen Körper stieg mir in die Nase. Ich griff in die Innentaschen seines Mantels und packte in etwas pudriges und staubiges. Ich zog meine Hand schnell zurück, schaute meine Finger an und sie waren weiß. Von seiner Konsistenz in Verbindung mit der Feuchtigkeit sah das, was an meinen Fingern klebte, aus wie Mehl. Ich hielt meinen Finger unter die Nase und es roch wirklich danach. Sollte das Pulver wirklich Mehl sein? Warum hatte er es in seiner Innentasche?

 

Ich tastete den Mann weiter ab, fand aber sonst gar nichts mehr ,und auch um ihn herum war nichts weiter zu sehen.

Ich beschloss, mich vom Tatort wegzubewegen, besonders hegte ich den Wunsch wieder nach Hause zu gehen, aber ich hatte ja immer noch nur so eine wage Vermutung, wo ich war und was mit mir passiert sein musste.

Ich raffte mich auf. Meine Haare waren von der Sonne schon getrocknet. Ich musste eine kleine Böschung hochsteigen.Als ich mich durch das Gestrüpp gekämpft hatte, stand ich auf einem Feldweg. Ich schaute mich nach allen Seiten um. Niemand war zu sehen, nur das Zirpen der Grillen hing in der Luft und die Sonne stand schon recht hoch am Himmel. In Richtung der Stadt sah ich ganz weit hinten an der Straße ein kleines Fachwerkhaus. In der Hoffnung, ich würde dort jemand antreffen, der mir helfen konnte, setze ich einen Fuß vor den anderen. Mein Kopf fühlte sich so fürchterlich leer an. Mein Mund war ganz trocken, Einsamkeit und Angst übermannten mich, meine Hände fingen an zu zittern, und obwohl es in der aufsteigenden Sonne, schon sehr warm wurde, bekam ich eine Gänsehaut.

Ebenso schlimm war der Gedanke daran, dass ich nicht vorhersehen konnte, was mich dort am Ende der Straße erwarten würde. Ich wusste innerlich nur ganz genau, dass es mich verändern würde.

Die Steine unter meinen Füßen knarrten und knirschten, meine Chucks sahen sehr kaputt aus und das Geräusch bei jedem Schritt, glich dem Zertreten tausender kleiner Käfer, die hilflos meinen Schuh auf sich zurasen sahen und dem Unheil nicht entfliehen konnten. Ebenso kam mir der Himmel vor, er engte mich ein und das Unheil raste unaufhörlich auf mich zu.

 

Doch ich kam irgendwie voran, irgendwie kommt man immer voran.

 

Ich konnte nun besser erkennen, was mich dort in der Ferne erwartete. Ein kleines Bauernhaus, versteckt hinter einem zauberhaften Vorgarten. Stockrosen kletterten die Fassaden hoch und ringelten sich um die Fenster. Im Vorgarten wuchs allerlei Zeugs an Obst und Gemüse nicht alles konnte ich zuordnen, aber das meiste. Ich hatte zwar noch nie einen grünen Daumen mein Eigen nennen dürfen, aber kenne mich eigentlich sehr gut mit Kräutern und Pflanzen aus und bewundere jeden, der es schafft, Pflanzen zum Blühen zu bringen. Weiter die Straße hinunter, sah ich die Blätter einer Mühle durch den Wind sausen.

Das Bauernhaus stand direkt am Ufer des Flusses, und hinter dem Dachfrist, ragte diese Stadt hervor, thronend auf dem Berg, umgeben von dieser mächtigen Stadtmauer mit seinen Türmen.

Ich erkannte einige Bauwerke, die über die Stadtmauer hin überragten, jetzt war ich mir ziemlich sicher, dass es Siegen sein musste. Das Obere Schloss, das Krönchen der Nicolaikirche, die Martinikirche direkt bei mir um die Ecke. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. Ich konnte es einfach nicht fassen. Bei meinem starren Blick über den Dachfrist hinweg hatte ich das, was direkt vor mir stattfand, vollkommen ausgeblendet und erschrak als ich meinen Blick von der Stadtmauer löste und auf die Eingangstür richtete. Ich stand vor dem Eingang des Gartenzauns und die Haustür war nun geöffnet. Eine junge Frau in einem Leinengewand, einer Schürze um die Taille und einer kleinen einfachen Haube stand im Türrahmen und starrte mich mit erschrockenem Blick an. Ein kleiner struppiger blonder Junge mit etwas Dreck im Gesicht klammerte sich an das Bein seiner Mutter und schaute ebenso verängstigt hinter diesem her.

Wen ich außerdem nicht bemerkt hatte, war ein älterer Mann, der zwischen den Bohnen das Unkraut jätete, sich aufgerichtet hatte und mich ebenfalls mit scharfem Auge musterte.

Heiß Kalt, alles durchfloss meinen Körper in Sekundenbruchteilen und ich bekam keinen Ton heraus. Die Leute sahen sehr altertümlich gekleidet aus und die Zeit hatte sich gerade zur Ruhe gelegt, denn niemand sagte etwas.

 

 


 

Langsam wurde ich unruhig.

Warum sagten diese Leute nichts? Und wieso schauten sie mich so entgeistert an. Auf einmal schoss es mir wie ein Blitz durch meinem Kopf. Ich sah ganz anders aus, ich hatte noch dieselben Sachen an, die ich morgens aus meinem Kleiderschrank geholt und mir schnell übergezogen hatte. Oh mein Gott, ich begutachtete abermals die drei Menschen, die aus dem Nichts aufgetaucht waren. In ihren naturfarbenen Leinenklamotten musste ich auf sie wie ein Alien oder ein durchgeknallter Freak wirken.

Darüber, was ich am Körper trug, hatte ich keine Sekunde nachgedacht und jetzt war der Schlamassel groß.

Ich hoffte ganz stark im Inneren, dass sie wenigstens meine Sprache verstanden.

„Entschuldigen Sie bitte?!“ sagte ich recht leise.

„Ich glaube, ich habe mich verlaufen. Könnten sie mir vielleicht sagen, wo ich hier bin? Wie diese Stadt heißt?

Die Frau schob ihren Jungen ins Haus, schaute erst zu ihrem Mann, der gestikulierte, sie solle auch reingehen. Die Frau trat ebenfalls zwei Schritte zurück ins Haus und knallte die schwere Holztüre zu.

Der Mann kniff die Augen zusammen und sagte in ruhigem aber ernsten Ton: „ Wer seid ihr und warum tragt ihr so komische farbige Kleidung?“

 

Ehrlich gesagt verstand ich ihn kaum. In leichterer Abschwächung hatte ich den Siegener Akzent schon früher bei älteren Leuten gehört.

Sehr kurios, sie rollen das „R“ wie die Amerikaner, nur noch viel eigenartiger. „Ich, äh“ mir fiel nicht die richtige Lüge ein.

„Ich komm von der sehr weit weg, bei uns ziehen die sich so an“ Wie bescheuert war das denn gewesen, und nein, bitte frag mich jetzt nicht, woher ich komme.

Den Mann schien das nicht freundlicher zu stimmen.

„Ich habe noch kein Volk gesehen, dass sich so eigenartig anzieht und ich möchte nicht, das Sie sich weiter meinem Haus nähern. Verschwinden sie einfach und lassen sie sich hier nicht mehr blicken.“ Der Mann hob leicht seine Hacke, die er zum Unkraut jäten benutzt hatte, und richtete sie vor seine Brust. Wahrscheinlich befürchtete er, ich würde gleich über ihn herfallen und suchte eine Waffe, mit der er mich aufspießen konnte.

„Ich habe mich wirklich verlaufen, bitte helfen sie mir!“

„Verschwinden Sie!“, schrie er mich an und machte ein paar plötzliche Schritte mit seinem Speer, wie zum Angriff in der Schlacht auf mich zu. Ich bekam es mit der Angst zu tun und drehte mich nach links und lief einfach die Straße so schnell ich konnte weiter. Ich spürte meinen Puls in den Augäpfeln pochen. Der Wind trieb mir Tränen in die Augen. Ja, zum Weinen war mir wirklich zumute. Ich lief schneller, als ich musste, ich blickte über die Schulter niemand verfolgte mich. Lief trotzdem weiter, so schnell, dass es mich meinen Körper spüren ließ und die Angst ging für einen kurzen Moment einfach weg.

Ich war bis zu der Mühle am Ende der Straße gerannt. Ich schaute in den Himmel und die gespannten Blätter der Mühle sausten an mir vorbei. Ich ging etwas in die Knie, beugte meinen Oberkörper nach vorne und rang nach Luft. Doch nur einen kurzen Augenblick, denn mir wurde klar, dass mich nicht noch einmal jemand so sehen durfte. Das eine Mal war nichts Weiteres passiert, aber wer wusste schon, was der Nächste mit mir machen würde.

Wahrscheinlich in die Stadt schleifen und auf dem Marktplatz an den Pranger stellen.

Niemand war an der Mühle zu sehen. Ich schlich mich hinter sie. Ich entdeckte eine kleine Hintertür, die nicht abgeschlossen, sondern angelehnt zu sein schien. Sollte ich es wagen und einen Blick ins Innere werfen? Vielleicht würde ich dort andere Kleidung finden und könnte meine eigenen Sachen aus der Zukunft irgendwo verstecken und dann vielleicht ohne das ich schräg angeschaut und beschimpft zu werden drohte, nach Hilfe fragen. Natürlich könnte auch jemand direkt hinter der Tür stehen, und wenn ich sie öffnete, mir vor lauter Schreck und Entgeisterung auf den Kopf hauen.

Aber auch nach angestrengtem Überlegen und Abwägen meiner derzeitigen Situation, konnte ich nicht einfach so weiter gehen. Ich musste mich umziehen, damit ich unbehelligt durch die Straßen laufen konnte. Ich musste dringend aus diesem Albtraum aufwachen.

Die Tür knarrte ganz fürchterlich, als ich sie aufschob und ich hatte schon versucht, so leise wie möglich zu sein. Der Raum, in den ich eintrat, war äußerst dunkel, nur durch die schmalen Fenster der Mühle fiel schummriges Licht auf den Holzdielenboden. Ich stand im Bauch der Mühle. Das große Mahlwerk direkt über meinem Kopf. Vor mir ein spitz zulaufender Holztrichter, unter dem ein Sack aufgespannt war, in den später das fertige Mehl hineinfiel.

In den Ecken lehnten viele befüllte Säcke mit Mehl. Ein feiner weißer Dunstschleier hing in der Luft.

Komisch, irgendwie musste ich gerade an Max und Moritz denken. Rickeracke! Rickeracke!

Geht die Mühle mit Geknacke.

Am großen Mühlwerk führte eine kleine Wendeltreppe nach oben ins Dunkle. Links von mir erblickte ich aber noch eine Tür. Ich wandte mich ihr zu und machte zwei beherzte Schritte auf sie zu, bis ich vor der Türklinke stand. Drückte sie runter und öffnete sie. Der Schein einer Kerze erhellte mein Gesicht. Hastig zog ich meinen Kopf ein wenig zurück, in der Angst, im Zimmer würde vielleicht jemand sitzen. Ich horchte angestrengt nach Geräuschen, aber es blieb still, nur der warme Lufthauch der flackernden Kerze kam mir entgegen. Oka, ich schob meinen Kopf wieder durch die Tür und schaute mich in dem kleinen Zimmer um. Es schien ein Schlafzimmer zu sein. Ein einfaches Holzbett, ein Tisch mit einem Stuhl und ein schön geschnitzter Eichenschrank. Auf dem Nachttischchen neben dem Bett stand die Kerze, die schon sehr weit herunter gebrannt war.

Auf dem Boden lagen Papiere verteilt und der Tisch war voll mit hölzernem Geschirr und Essensresten.

Für mich sah es so aus, als hätte hier vor kurzem noch jemand gesessen. Ich kniete mich nieder und ich hob eines der Papiere auf, die auf dem Boden lagen. Die Seiten waren so dicht beschrieben, dass kaum ein Wort mehr darauf passte. Auf dem Tisch lagen Feder und Tinte, dass würde auch erklären, warum es mir so schwer fiel auch nur ein Wort zu entziffern. Ich schaute auch auf die anderen Seiten, und zu meinem Erstaunen stand überall das Gleiche geschrieben. Genauso unordentlich und eng geschrieben wie auf dem Blatt, das ich in der Hand hielt.

Doch was war das zwischen den Papieren? Eine kleine weiße Mehlspur, nur ganz fein aber richtig gut zuerkennen, führte in Schlangenlinien unter das Bett.

Ich beugte mich langsam auf die Seite um unter das Bett schauen zu können.

Es war so dunkel, dass ich kaum etwas erkennen konnte. Griff nach der Kerze auf dem Tisch und hielt sie so, dass ihr Schein unter das Bett fiel. Ich konnte einen viereckigen Gegenstand erkennen, und die kleine Mehlspur führte direkt auf sie zu.

Etwas blitze im Kerzenschein an dem Kästchen auf. Ich streckte meinen Arm unter das Bett und zog den Gegenstand langsam hervor. Er war nicht gerade leicht.

Ich rappelte mich auf und setzte mich auf die Bettkante, den Gegenstand auf meinem Schoß.

Ich betrachtete es von allen Seiten. Die Oberfläche war enorm glatt, wie bei Stahl, aber es hatte einen seltsamen, fast Spiegelgleichen Schimmer.

Irgendwie ähnelte der Gegenstand, einem Kästchen nahe, aber es war kein Unterteil und kein Deckel auszumachen. Es war nur eine glatte Fläche.

Als ich das Kästchen ein bisschen hin und herbewegte im Schein der Kerze, erkannte man in der seidigen glänzenden Schicht die Umrisse eines Löwen, die aber direkt auch wieder verschwanden, als ich das Kästchen in eine andere Richtung kippte.

Das kam mir irgendwie bekannt vor.

Ich kramte den metallischen Gegenstand aus meiner Hosentasche, den ich bei dem toten Mann am Flussufer gefunden hatte.

Und das Relief zeigte ebenfalls einen Löwen und es war dasselbe Zeichen.

„Krass!!“, dachte ich bei mir, „das kann doch gar nicht sein“ Was wäre das doch ein Glück, wenn dieses Stück Metall nun auch noch diese Kiste öffnen würde.

Ich näherte mich mit dem Metallstück der seltsamen Kiste.

Als ich ungefähr auf 15 cm Entfernung war, verspürte ich einen Sog.

Das Kästchen und das Teil in meiner Hand fingen an zu zittern. Es kam einer magnetischen Anziehungskraft sehr, die immer stärker wurde. Schon bald wurde dieser Sog so stark, dass ich es nicht mehr auseinanderhalten konnte.

Was ich nun sah, war echt kranker Scheiss. Das Kästchen drehte sich, der kleine Löwe um es drum herum und plötzlich verschwand der Löwe in einer kleinen sechskantigen Öffnung.

Ein heller Lichtschein umgab es und es fiel mit einem lauten Krachen auf den Boden. Es hatte sich aufgetan und was ich nun sah verwunderte mich noch mehr.

 


 

Die Welt wandelt sich.

Ich denke oft darüber nach, dass wir vielleicht in einer Art Blase stecken, die sich immer weiter mit Luft füllt und irgendwann explodieren wird. Erst dann werden wir bemerken, dass die Welt um uns herum schon längst in Schutt und Asche liegt.

Schneller schneller, lauft eurem eigenen WUNSCHABBILDNIS hinterher.

Ich habe Angst, dass wir vor einem neuen Krieg stehen. Europa wackelt.

Die Welt wackelt, egal in welche Himmelsrichtung man schaut, in jeder Ecke schäumt und brodelt es und dazu noch die Bedrohung aus dem Untergrund.

Ich glaube, wir sind nicht mehr lange sicher. Man kann sich zwar nie sicher sein, aber irgendwie wäre es schön, wenn ich wüsste, ich könnte auf eine Insel flüchten, bevor ganz viele kleine Knöpfe gedrückt werden zum finalen Feuerwerk.

 

Komisch morbide Vorstellung: Ich würde auf meiner Insel hocken und in den rot-schwarz gefärbten Nachthimmel schauen. Hoffnungslosigkeit würde an den Strand gespült und wahrscheinlich, Monate später, würde aus den Fluten der verwüsteten Welt der erste Untote aus dem Wasser steigen und versuchen mir den Kopf abzubeißen. Ich würde meine Hände in den Himmel reißen und schreiend um meine Insel laufen. Immer und immer wieder, bis irgendwann der berühmte Stolperer kommt und ich selbst zum Feuerwerk werde und dann als Zombie über meine Insel wanke.

Ok, zuviel „The Walking Dead“ geschaut.

 

Warum gibt es so viele böse Menschen, die Anderen weh tun wollen und ihnen was wegnehmen?Haben die alle keine Liebe erfahren?

Es gibt auch die andere Kategorie von Menschen, die mit aller Macht versuchen, etwas Gutes zu tun, die sich selbst nicht so ernst nehmen, etwas abgeben, auch wenn es ihnen oft selbst nicht so gut geht, aber immer helfen, wo sie nur können.

Ich komme mir manchmal echt schlecht vor. Ich hätte gerne etwas mehr von dieser Selbstlosigkeit.

Vor vier Monaten habe ich so jemanden treffen dürfen. Immer, wenn ich in seiner Nähe bin, bildet sich unter meinen Füßen eine wunderschöne Sommerwiese und die nasse Wärme fließt jedes Mal wieder durch meinen Körper und bringt mich zum Lachen.

Er ist einer von jenen Menschen, die selbst kleine Inseln bilden, in einer ausgedörrten einsamen Landschaft.

Und wie sehr wünsche ich mir gerade in meiner wirklich miesen Lage dieses warme Gefühl zu spüren.

 

 


 

Ich starre wie verhext auf diese Fotos, die ich in meinen dreckigen Händen hielt und mir nacheinander immer wieder anschaute. Auf jedem der Bilder war der mysteriöse Mann zu sehen, aber an ganz unterschiedlichen Orten zu anscheinend unterschiedlichen Zeiten. Ich erkannte London. Er stand auf der Tower Bridge an der Themse, trug einen sehr akkuraten, maßgeschneiderten Anzug, auch seine Umgebung sah anders aus. Die Menschen um ihn herum, waren alle in Schwarz oder Weiß gekleidet. Die Autos sahen ebenfalls eigenartig aus, fast wie kleine Kugeln, die im regelmäßigen Abstand hintereinander herfuhren.

Auf einem weiteren Foto stand er an der Seine in Paris, im Hintergrund der Eiffelturm, und hinter ihm sah ich Frauen mit großen Hüten, alte Autos, wie man sie nur noch aus dem Museum kennt und Einspanner mit einem Pferd davor, die über das Kopfsteinpflaster fuhren.

So zog sich das Sammelsurium von Bildern über die ganze Welt, und immer war ein Gewässer im Hintergrund auszumachen. Mal waren die Menschen größer, mal kleiner. Die Kleidung und die Umgebung änderten sich regelmäßig.

Zukunft? Vergangenheit? Gegenwart?

So sahen die Bilder wirklich aus.

War ich bisher noch nicht hundertprozentig verwirrt, jetzt war ich es auf allenfalls. Eine Sache fiel mir aber dann doch noch auf jedem Bild auf, das immer wiederkehrte. Es war ein wirklich kleiner heller Fleck, der irgendwo im Gewässer aufleuchtete, wie ein kleiner winziger Stern.

Mir kamen die Worte des Mannes in Erinnerung, die er in der Unterführung zu mir gesprochen hatte. Ich hatte das Glitzern nicht sehen können. wonach er mich gefragt hatte, aber auf diesen Bildern konnte ich wirklich auf jedem Foto etwas aufleuchten sehen.

In was war ich denn da hingeraten? Sollte er durch die Zeit springen können? Was war er? Was habe ich damit zu tun? Das kann technisch doch alles gar nicht möglich sein. Zeitreisen sind noch gar nicht erfunden. Wieso fallen mir ständig Filme ein, wenn ich an Zeitreisen denke. Martin Flyer und der Flurkompensator. Ich schüttelt meinen Kopf. „Jetzt nicht an so was denken, konzentriere dich!“, ermahnte ich mich selbst.

So, ich muss noch mehr Hinweise finden, denn ihn selbst kann ich ja leider nicht mehr fragen. Irgendwie bitter, gerade tot am Siegener Flussufer zu enden, wenn man anscheinend schon an jedem Ort zu allen Zeiten gewesen war.

In dem Kästchen war außer den Fotos sonst nichts und ich habe es wirklich auf den Kopf gestellt.

Ich stellte es neben mich auf das Bett und die Fotos packte ich in meine Hosentasche. Das Zimmer in der Mühle war so spärlich eingerichtet, dass ich echt einen kurzen Moment überlegen musste, wo ich am besten als Erstes suchen sollte. Am Schreibtisch sah ich eine Schublade. Ich stand auf und ging zum Tisch, um die Schublade zu öffnen. In dem Augenblick, als ich die Schublade öffnen wollte, die Schublade etwas hakte und plötzlich bei etwas kräftigerem Ziehen mir entgegenflog, hörte ich ein Klopfen. Es war laut, aber gedämpft und dann noch zweimal. Mein Herz blieb stehen. Wo kam das her? Ich hatte mich, mit der Schublade in der Hand, blitzschnell zur Türe gedreht. Aber da war niemand. Ich ging langsam zur Tür und lugte um die Ecke in den Bauch der Mühle, aber da war nichts außer feinem Staub. Dann klopfte es wieder hinter mir und ich schnellte herum jetzt konnte ich lokalisieren, woher das Geräusch kam und zwar aus Richtung des Bettes und wenn ich mich nicht ganz doll getäuscht hatte, dann aus der Richtung des Bettes. Ich setzte einen Fuß vor den anderen und schritt so leise wie möglich an das Bett heran. Ich legte die Schublade auf das Bett und ging langsam in die Knie, um unter das Bett schauen zu können. Dann klopfte es wieder, aber dieses mal richtig schnell und viel lauter als zuvor. Ich erschrak so sehr, dass ich mein Gleichgewicht verlor und mich auf meinen Hintern setzte. Ich rappelte mich auf und schaute erneut unter das Bett. Es war enorm dunkel, ich streckte meinem Arm zum Tisch aus, nahm die Kerze herunter und leuchte unter das Bett. Nun erkannte ich etwas. Es sah nach einer Falltür aus mit einem großen eisernen Griff daran.

Es hämmerte wieder ganz wild und vermischte sich mit einem unangenehmen Kratzen. Ich sprang auf, schob mit aller Kraft das Bett zur Seite. Mit zwei eisernen Riegeln war die Falltüre verschlossen worden. Ich schob diese zur Seite.

Mit all meiner Kraft zog ich am Griff und bekam die Luke mit großer Anstrengung nach oben gezogen. Als ich sie gerade abgelegt hatte, kam mir etwas entgegen geschossen und verpasste mir schon wieder einen Schlag an den Kopf. Ich flog gegen die Wand, rutschte an ihr entlang zum Boden, war aber nicht ohnmächtig geworden und sah, was aus der Erde gesprungen war. Es war ein junger Mann, an Armen und Beinen gefesselt. Er trug wie ich normale Jeans und ein dreckiges zerfetztes -shirt mit dem Aufdruck „Don‘t look back“. Er lag jetzt quer auf dem Boden und hatte sich an die andere Seite des Raumes gerobbt. Er schaute mich mit seinen großen braunen, vor Panik weit aufgerissenen Augen durchdringend an und seine Brust hebte und senkte sich fürchterlich schnell vor lauter Aufregung.

Ich schüttelte den Kopf und schaute den Gefangenen mit genauso großen erschrockenen Augen an, wie dieser mich die ganze Zeit anstarrte.

Ich rappelte mich etwas auf und lehnte mich mit dem Rücken gegen die Wand, so dass ich ihn die ganze Zeit im Blick behielt. Nach diesem Überraschungsangriff musste auch ich mal kurz durchatmen, zudem schmerzte meine Stirn schon wieder, nur jetzt an einer anderen Stelle meines Schädels.

Lange Sekunden vergingen, in denen, so fühlte es sich an, Planeten entstanden, sich lange um sich selbst drehten und im unendlichen Licht wieder erloschen.

Wir schauten uns nur musternd an. Irgendwann nahm ich meinen Mut zusammen und sprach zu ihm: „Hey, du brauchst keine Angst zu haben, ich will dir nichts tun.“ Der junge Mann hatte sich etwas beruhigt. Er atmete schon erheblich langsamer.

„Ich habe dein Klopfen gehört und die Luke geöffnet. Ich weiß selbst nicht, wo ich hier bin und was hier vor sich geht. Warum warst du dort unten eingesperrt?“

Tränen liefen dem jungen Mann über das Gesicht. „ Das einzige, woran ich mich erinnern kann ist, dass ich am Fluss gesessen und geangelt habe, bis ein Mann kam und mich etwas fragte, aber bevor ich wirklich etwas sagen konnte, hatte er mir etwas über den Kopf gezogen und ich bin ohnmächtig geworden und bin dann hier im Dunkeln wieder aufgewacht.„ “Stop warte, bevor du weiter erzählst! Wie sah dieser Mann aus?“ Ich glaube mein erstarrtes Gesicht hätte jeden erschrocken.. Er schaute mich verwundert an.

„ Ähm, soweit ich mich erinnern kann, war er groß, etwas älter, trug einen alten wollenen Mantel“. Ich zog die Fotos aus meiner hinteren Hosentasche, stand langsam auf und zeigte ihm den Mann auf den Bildern und fragte, ob dass der Mann sei, der ihn am Fluss angesprochen hatte.

Der junge Mann schaute mir direkt in die Augen und nickte zustimmend mit dem Kopf.

„Ja, das ist der Mann, aber was sind das denn für Fotos? Und wieso trägst du sie in der Hosentasche?“ Fragte er mich.

Ich zuckte die Schultern, ich war mir ja selbst nicht 100 Prozent sicher, aber der eingesperrte Mann schien ja fast dasselbe wie ich erlebt zu haben. Ich beschloss, ihm die Geschichte, wie es mir ergangen war, zu erzählen, vielleicht hatte er noch mehr Informationen,die mir weiterhelfen konnten .

„ Mich hat dieser Mann auch niedergeschlagen und in den Fluss geworfen. Er fragte mich, ob ich eine Ahnung hätte, wohin der Fluss fließe und wie dieser heiße. Er bat mich ans Geländer und fragte mich nach einem Glitzern im Wasser. Ich hatte angestrengt ins Wasser geschaut, aber ich konnte nichts erkennen, dann hat er meinen Kopf ans Geländer geschlagen. Danach bin ich hier am Flussufer aufgewacht und dieser Mann lag tot neben mir. Wenn ich mich nicht ganz täusche, bin ich in einer Vergangenheitsversion von Siegen gelandet. Die Stadt sieht ganz anders aus.“

Ich zeigte ihm erneut die Fotos und die verschiedenen Orte auf der ganzen Welt, an denen sich dieser mysteriöse Mann befand. „ Schau dir das an, du kennst doch London, das sieht doch aus, als würde es in der Zukunft gemacht worden sein. Das ist doch verrückt? Oder hier Paris, das ist doch Wahnsinn und wenn du hier aus dieser Mühle nach draußen gehst bekommst du den nächsten Schock, dass verspreche ich dir. Darf ich fragen, woher du kommst und in welchem Jahr du lebst?“

Der junge Mann hatte wie gebannt auf die Fotos gestarrt.

Sein Gesichtsfarbe glich der einer Kalkwand.

„Oh ja, ich weiß gerade echt nicht, was ich dazu sagen soll. Ich verstehe gerade überhaupt nichts mehr. Willst du etwa behaupten, wir sind in der Zeit gereist und dieser komische Kerl hat uns gekidnappt? Aber warum?? An mir ist das gar nichts besonders. Ich heiße Phillip, komme aus Hamburg und lebe im Jahr 1988.“

Meine Augen weiteten sich erneut, dass war alles so was von abgedreht.

„1988? Ist das jetzt wirklich dein Ernst? Ich komme aus dem Jahr 2016 und lebe in Siegen.

Und ich glaube, wir sind hier in der Mittelalterversion von Siegen gelandet, habe schon Leute getroffen, die sehr altertümlich angezogen waren und die Stadt sieht mit ihrer Stadtmauer und den Türmen auch ganz anders aus. An dem Ort, wo ich früher gewohnt habe, stehen keine Häuser mehr, sondern jetzt diese Riesenmauer.

„Ach was, du verarschst mich doch!“ sagte Phillip. „Nein, wirklich nicht. Ich komme von draußen und suchte eigentlich hier in der Scheune nach anderen Klamotten, die ich anziehen könnte, um hier unter den Menschen nicht so aufzufallen. Ich will herausfinden, warum ich hier bin und wie ich am schnellsten wieder zurückkomme, um aus diesem Kasperletheater aufzuwachen.“

Phillip liefen erneut Tränen über das Gesicht:„ Ich will auch unbedingt nach Hause! Was machen wir denn jetzt?“

Ich hatte selbst keine Ahnung, was jetzt am besten zu tun sei. „ Mhm, lass nochmal zusammenfassen, was wir bisher wissen. Du bist aus einer anderen Zeit als ich. 1988 war ich noch nicht mal geboren. Richtig verrückt. Dann dieser Mann, der irgendwie durch die Zeit reist und Leute anquatscht, um sie dann bewusstlos zu schlagen und durch die Dimensionen schleppt. Warum das alles? Ich habe keinen blassen Schimmer.

Dann die Fotos, die in dieser abgefahrenen Truhe lagen, die sich mit dem komischen Gegenstand, die ich bei dem Typen in der Jackentasche gefunden habe, wie aus Geisterhand cybermäßig öffnete. Dazu kommt, dass dieser Mann, als ich am Flussufer aufwachte, tot neben mir lag, also ihn können wir auch nicht mehr fragen.“ Ich merkte, wie Phillip mich immer verwunderter anschaute und gar nicht mehr wusste, was er denken sollte. „ Ich denke, wir sollten hier raus und uns in der Gegend umschauen.“

Ich hatte den Satz noch nicht ganz zu Ende gesprochen, da hörten wir ein Knarren einer Tür. Wir schauten uns beide erschrocken an. Schwere Schritte waren zu hören. Die Tür zu unserem Zimmer, in dem wir beide saßen öffnete sich langsam- Ich traute meinen eigenen Augen nicht. Da stand der totgeglaubte Mann in der Tür und starrte uns beide dunkel an. Ich wollte schreien, aber es kam kein Ton aus mir heraus. „Ich habe schon gedacht, ihr seid mir abgehauen. Ich brauche euch.“ Er trat näher an Phillip heran und zog ein langes Messer aus seinem tropfend nassen Mantel. Phillip schrie. Ich tat, was mir als erstes einfiel. Ich drückte mich von der Wand weg, griff nach seinen Fußgelenken und riss ihm mit aller Kraft die Füße weg. Er kam ins Schwanken und verlor dann das Gleichgewicht. Der übergroße Mann fiel zur Seite und knallte, ohne sich abzustützen, auf die Seite. Das Messer schlug ihm bei dem Aufprall aus der Hand und rutschte über den Boden in die Ecke, in der Phillip hockte. Ich riss mich hoch, stürzte in die Ecke und holte mir das Messer. Der Mann regte sich nicht. Ich sprang zu Phillip und schnitt ihm die Arm und Fußfessel durch. Das dauerte eine Ewigkeit. Plötzlich schrie Phillip auf. Der Mann hatte sich aufgerappelt, kam auf mich zu und holte mit der Hand aus, um auf mich einzuschlagen. Ich duckte mich zur Seite und der Schlag ging ins Leere. Ich drehte mich um und wehrte den nächsten auf mich zukommenden Fausthieb mit dem Arm ab.

Phillip hatte so lange mit den Füßen gezappelt, dass die angeschnittenen Seile mit einem lauten Ratsch auseinander rissen.

Er war kein starker Junge, aber er schmiss sich wie ein Löwe gegen unseren Angreifer und verpasste ihm einen starken Seitenhieb in die Rippen. Der Mann ließ von mir ab und krümmte sich vor Schmerzen. Ich war nun frei, sprang an ihm vorbei und zur Tür. Phillip tat es mir gleich.

„Wir müssen hier verschwinden“, schrie ich Phillip an. Phillip riss die Eingangstür auf und stürzte auf die Straße. Ich half ihm, wieder aufzustehen. Wir hörten hinter uns ein Poltern und die Türe wurde von dem unheimlichen Mann aufgerissen. „ Los, Los.. lauf, da zur Brücke runter.“

Wir rannten, so schnell wir konnten, und unser Verfolger ebenso. Wir erreichten die steinernde Brücke, die über die Sieg führte. Die Straßen füllten sich mit Menschen. Allerlei Wagen mit Pferden, befüllt mit den unterschiedlichsten Dingen. Körbe, Kisten, Fässern. Ärmlich gekleidete Menschen, die am Straßenrand saßen und bettelten. An ihrer Kleidung konnte man ihren unterschiedlichen Stand erkennen, egal ob es reiche Kaufleute waren oder normale Bauern. Alle vermischten sich auf dem Weg in die Stadt. „Oh Mist!“ rief Phillip „du hast ja recht.“ Ich sah das große Eingangstor der Stadt.

Wir rannten quer durch die Menschenmenge. Teilweise war es so eng, dass wir die Leute streiften und die vor lauter Schreck zur Seite wischen. Sie sahen uns verwundert an und gruben die Köpfe zusammen und fingen an zu tuscheln. Unser Verfolger blieb uns hartnäckig auf den Fersen.

Am Tor angelangt, sahen wir Wachmänner. Ich packte im Laufen Phillip am Arm und gebot ihm anzuhalten. Ich sah mich um und auch der mysteriöse Mann hatte sein Tempo verlangsamt. Hinter uns in ca. 20 Meter Entfernung sah ich zwischen der Menschentraube seinen Mantel im Wind wehen. „Langsam, die werden sonst auf uns aufmerksam.“ Langsam gingen wir durch das Tor, als plötzlich eine Stimme aufschrie: „Haltet diese zwei Diebe!! Sie gehen da vorne.“ Es war die Stimme unseres Verfolgers. Auch andere Passanten, die wir beim Laufen gerammt hatten, stimmten mit ein: „ Ja, haltet sie auf“

Die Wachsoldaten rissen sich von ihren Positionen, und erhoben ihre Waffen und liefen los. In unseren Jeans und den farbigen T-Shirts waren wir leicht auszumachen. Wir fingen wieder an zu rennen. Hinter dem Tor ging es steil den Berg hoch, unsere Herzen pumpten wie wild. Wir wichen allen so gut es ging aus und schafften es, den berüsteten Wachleuten Meter abzunehmen. Wir bogen rechts in eine Seitenstraße ab und liefen und liefen, ohne uns jetzt noch einmal umzusehen. Dann gelangten wir an den großen Marktplatz an der Nicolaikirche, wo noch größeres Treiben herrschte. Wir liefen an der Seite der Stände vorbei und auf einmal stürzte Phillip über eine Kiste. Er bremste mit dem Gesicht auf dem Kopfsteinpflaster. Ich half ihm schnell hoch, wir liefen um die Kirche herum, dann sah ich eine ganz schmale Gasse und zog Phillip in sie hinein. Wir blieben stehen. Blut rann Phillip über das Gesicht. Ich nahm den Ärmel von meinem T-Shirt und wischte ihm grob das Blut über dem Auge weg . Seine Brust hob uns senkte sich und jetzt sah ich erst, welch feine Gesichtszüge er hatte. Kleine braunen Locken fielen ihm leicht in das mit Dreck und Blut beschmutze Gesicht. Große angsterfüllte, aber warme Augen schauten mich hilfesuchend an. Ich lehnte mich neben ihn an die kalte Steinwand, die meinem Körper etwas Kühle spendete.

Auf dem Marktplatz hörte man wilden Tumult. Die Wachmänner suchten nach uns.

Was ich nicht bemerkt hatte: Hinter uns in der Wand war eine Tür, die plötzlich aufgerissen und zwei Hände, die mich und Phillip packten und hineinzogen. Damit hatten wir nicht gerechnet.

„Seid ihr verrückt, so ein Aufsehen in der Stadt zu veranstalten.“ Es war so dunkel, wir konnten den Mann nicht erkennen. Wir standen mitten in einem Zimmer. „ Was habt ihr euch nur dabei gedacht, jetzt suchen alle nach euch und besonders Kiral“ wir hörten ein leises Zischen, eine Leuchtkugel stieg im Zimmer auf und erleuchtete warm den Raum. Sie kam aus der Hand des Mannes.

Er war ungefähr so groß wie unser Verfolger, aber langes aschfahles gekräuseltes Haar fiel ihm über die Schulter. Sein Mantel sah ehrlich gesagt aus, wie der von Gandalf.

Ich dachte nur bei mir, in welchen Hokuspokus sind wir denn hier hineingeraten?

„Ich beobachte euch schon euer ganzes Leben, genau wie Kiral es getan hat. Ich heiße übrigens Malca!“

Wir schauten ihn entgeistert an. „Was wollt ihr von uns? Wir haben doch gar nichts getan!“ sagte ich mit energischer Stimme.

„ Nein ihr habt auch nichts getan“ sagte der große Mann. „Kiral Black und ich Malca Harsen kommen, naja ihr werdet es mir vielleicht nicht glauben, aus der Zukunft.“

„Ach sie lügen doch, dass ist doch alles nicht echt hier und ihr beiden seid irgendwelche Hampelmänner, die sich besonders wichtig vorkommen.“ In mir stieg enorme Wut auf. Phillip sagte gar nichts. Innerlich wusste ich, dass das, was der Mann uns erzählen würde, der Wahrheit entsprach, aber ich wollte es nicht zugeben.

 

                                              


 

2181

Die Welt hatte sich neu geordnet.

Nachdem die Welt ins Chaos geraten war, durch Kriege um Ressourcen unter dem Deckmantel von Religionen, war alles anders geworden. Menschen verließen in Scharen ihre Länder, weil dort kein Leben mehr möglich war. Verzweiflung und die Angst vor der Zukunft stieß die Leute voran. Europa gibt es nicht mehr. Die Idee eines starken Bundes zwischen Ost und West war mit lautem Knall in die Luft gegangen und Konfetti regnete auf alle herab. Die kapitalistischen Kräfte hatten sich durch die Pipelines gefressen und sich ausgebreitet.

Keine Demokratie ist mehr von Nöten, um die wichtigen globalen Entscheidungen über die Wirtschaft und die Politik zu treffen. Die großen Weltkonzerne lieferten sich den eigentlichen Krieg.

Vertraue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.

Der große Kampf zwischen China und Amerika war in vollen Gängen. Um das beste Produkt, den größten Einfluss, Macht und im Endeffekt: Gewinne, Gewinne, Gewinne. Wer schafft es, Arbeiter am besten auszubeuten um die Produktions und Arbeitskosten noch kleiner zu halten als sie es eh schon längst waren. Politik war zu einem Schachbrett geworden, aber die Figuren teilten sich in der Zukunft zwei große Unternehmen und Politiker und die Medien waren die Schachfiguren, die strategisch auf dem Spielbrett hin und her bewegt wurden, um den Anderen zu schlagen.

Und die Menschheit hatte von nichts eine Ahnung, weil alles geheim gehalten wurde.

                                                                                        

 


 

„ Euch zu finden, war ein Wettlauf gegen die Zeit! Seid froh, dass ihr jetzt bei mir seid!“

„Was, warum? Ich verstehe gar nichts mehr.“

„Black, hat euch in die Vergangenheit entführt, weil er euch hier als Geiseln und Druckmittel benutzt. Zeitreisen sind gerade erst möglich geworden, und es herrscht ein erbitterter Kampf zwischen den zwei größten Unternehmen auf der Erde, die im Endeffekt alles lenken und leiten. Ihr könnt euch gar nicht ausmalen, um welche Ausmaße es sich dabei handelt. Vieles davon darf ich euch auch gar nicht erzählen, weil alles streng geheim ist.

Ich kann euch nur sagen, es geht um viel Einfluss und Macht und ihr seid für Black eine enorm bedeutsame Sache. Ihr seid die Vorfahren von zwei sehr wichtigen Männern aus dem Konzern, für den ich arbeite. Wir haben etwas erfunden, was von enormer Bedeutung für die Menschheit ist und dieses Geheimnis möchte das andere Unternehmen jetzt von uns erpressen. Indem Zeitreisen noch gar nicht offiziell sind und somit einen rechtsfreien Raum bilden, will Black, falls wir nicht einstimmen und unsere Firmengeheimnisse an sein Unternehmen weiter geben, euch beide töten und das

Leben unserer Leute auslöschen. Sie würden einfach nicht mehr existieren und somit würde die Zukunft sich komplett zu ihren Gunsten ändern.“

Ich glaube, Macal Harsen hatte noch nie in so verdutzt dreinschauende Gesichter geblickt wie jetzt.

Er wartete doch jetzt nicht wirklich auf eine Reaktion von uns beiden? Mhm, aber anscheinend doch. Mir gingen tausend Fragen durch den Kopf und so viele Ungereimtheiten.

Ich fand langsam meine Stimme wieder: „ Ok, das mag ja alles schön und gut sein und unter der Annahme, dass du die Wahrheit sagst, gibt es total viele Sachen, die ich hier absolut nicht kapiere.

Erstens, wieso sind wir in der Mittelalterversion von Siegen gelandet und warum, in Gottes Namen, lag dieser Black oder wie er auch immer heißen mag, tot neben mir? Außerdem fragte er uns nachdem diesem Glitzern? Kannst du uns das erklären“

Harsen sah weiterhin sehr entspannt und ruhig aus.

„ Jaja, das Glitzern. Immer da, wo das Glitzern auftaucht,öffnet sich das Zeitportal und es besteht die Möglichkeit hindurch zu schlüpfen. Leider ist das Ganze noch sehr instabil, und wenn man zu oft in der Zeit reist, so wie das Black getan hat, passiert es ab und an mal, dass die Körperfunktionen sich herunterfahren und man wie tot erscheint. Das hält eine kurz Zeit an, bis der Organismus sich wieder erholt hat. Also er war gar nicht wirklich tot, sondern es sah nur so aus. Der Ort, an dem wir sind, hat ebenfalls etwas damit zu tun, dass die Technologie noch in den Anfängen steckt. Dich hat Black zuerst gefunden, du lebst in Siegen und der Ort war dann ausschlaggebend für die Zeitreise. In welcher Epoche man landet ist noch sehr schwierig zu beeinflussen.“

Das war zwar alles abgedreht, aber in seinen Erklärungen, hatte das alles irgendwie Sinn!

Phillip meldete sich auf einmal zu Wort: „ Und was ist jetzt? Was passiert jetzt mit uns?“

„Ich werde versuchen, Blick aufzuhalten und euch an einen sicheren Ort bringen.“

Genau in diesem Moment flog die Tür durch den Raum und Blick stand im Raum, packte Harnes am Hals. Der schlug Blick mit einem mächtigen Hieb ins Gesicht, dieser Schlag ließ Blick durch den ganzen Raum fliegen.

Ein heftiger Kampf tobte zwischen den beiden und wir zwei Deppen standen wie angewurzelt da und sahen den Kampf der beiden Zauberer.

Ich schüttelte den Kopf. Harnes versuchte die ganze Zeit etwas zu sagen, wurde aber durch die Angriffe von Blick immer wieder unterbrochen, dann verstand ich plötzlich zwei Brocken, von dem was er uns zurief: „Lauft zum Fluss und findet das Glitzern.“

Schon wieder rannten wir los und ließen die Hexenmeister hinter uns weiter kämpfen.

Zurück über den Marktplatz und an den Menschen vorbei. Oh guck, die Wachleute hatten uns entdeckt, und liefen auch schon wieder hinter uns her. „ Schneller, schneller!!“, rief Philipp mir zu. Den Berg runter und wieder auf die Brücke, wir blieben stehen und schauten links und rechts ins Wasser und dann sah ich es, das Glitzern. Die Wachmänner kamen immer näher: „Komm, kletter hoch, wir springen einfach in den Fluss!“ Fast hätte ich es nicht mehr rechtzeitig geschafft, denn einer der Soldaten streckte den Arm aus und hätte mich beinah am Fuß festgehalten aber ich fiel nach unten. Mich hatte er nicht bekommen, aber Phillip, er blieb oben und wurde von den Wachmännern überwältigt.

 

 

Ich stürzte und stürzte , gefühlt ins bodenlose Nichts, dann weiß ich nichts mehr, bis zu dem Moment, als ich wieder aufwachte. Meine Hand schmerzte. Ich hatte mich wohl bei dem Sturz von der Brücke an der Hand ordentlich verletzt.

Ich war wieder unter der Unterführung. Ich öffnete die Augen und alles sah so aus wie immer. Ich rappelte mich auf und außer der Hand ging es mir gut. Ich ging die Unterführung hoch und alles war wieder beim Alten, alles sah genauso aus, bevor dieses verrückte Zeugs passiert war, aber ich fühlte diese Angst in mir. Das Ganze war noch nicht vorbei.

Ich ging nach Hause.

 

 

 

Ich war wieder an meinem Küchentisch und betrachtete die Narbe an meiner Hand. Die Koffer waren gepackt. Zwei Wochen waren seitdem vergangen und diese Angst ließ mich nicht schlafen. Ich musste die ganze Zeit an Phillip denken und ob er es doch geschafft hatte. Ich hatte beschlossen, nach Hamburg zu fahren und ihn zu suchen, vielleicht hatte ich Glück und würde etwas herausfinden.

Ich sah aus dem Fenster noch mal auf die Siegener Oberstadt. Ich würde diese Stadt nun verlassen, wahrscheinlich für eine sehr lange Zeit und ich war mir noch nicht einmal sicher, ob ich überhaupt jemals zurückkehren würde.

Es stimmte mich traurig. Ich hatte meinen Freunden nichts davon erzählt, nur einen Zettel hatte ich meinem besten Freund in den Briefkasten geworfen, dass er sich keine Sorgen machen sollte und mich bitte auch nicht suchen und dass ich mich bald bei ihm melden würde. Ich schaute mir die Stadt noch einmal genau an, die tausend Fensterchen von meiner geliebten Italienaussicht.

Plötzlich blendete mich etwas. Ich kniff die Augen zusammen und suchte in den Fenstern danach, woher das kam. Und dann sah ich es, direkt im Haus gegenüber in der Dachgeschosswohnung am Fenster stand ein Mann mit einem Spiegel in der Hand und benutzte die Sonne um mich zu blenden.

Es war Black.

Ich drehte mich rum, nahm meinen Koffer und rannte die Treppen runter.

 

 

 

Ende

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