Ein Mord aus der Vergangenheit

von Katharina Lauer

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Langsam wurde ich unruhig.

Warum sagten diese Leute nichts? Und wieso schauten sie mich so entgeistert an. Auf einmal schoss es mir wie ein Blitz durch meinem Kopf. Ich sah ganz anders aus, ich hatte noch dieselben Sachen an, die ich morgens aus meinem Kleiderschrank geholt und mir schnell übergezogen hatte. Oh mein Gott, ich begutachtete abermals die drei Menschen, die aus dem Nichts aufgetaucht waren. In ihren naturfarbenen Leinenklamotten musste ich auf sie wie ein Alien oder ein durchgeknallter Freak wirken.

Darüber, was ich am Körper trug, hatte ich keine Sekunde nachgedacht und jetzt war der Schlamassel groß.

Ich hoffte ganz stark im Inneren, dass sie wenigstens meine Sprache verstanden.

„Entschuldigen Sie bitte?!“ sagte ich recht leise.

„Ich glaube, ich habe mich verlaufen. Könnten sie mir vielleicht sagen, wo ich hier bin? Wie diese Stadt heißt?

Die Frau schob ihren Jungen ins Haus, schaute erst zu ihrem Mann, der gestikulierte, sie solle auch reingehen. Die Frau trat ebenfalls zwei Schritte zurück ins Haus und knallte die schwere Holztüre zu.

Der Mann kniff die Augen zusammen und sagte in ruhigem aber ernsten Ton: „ Wer seid ihr und warum tragt ihr so komische farbige Kleidung?“

 

Ehrlich gesagt verstand ich ihn kaum. In leichterer Abschwächung hatte ich den Siegener Akzent schon früher bei älteren Leuten gehört.

Sehr kurios, sie rollen das „R“ wie die Amerikaner, nur noch viel eigenartiger. „Ich, äh“ mir fiel nicht die richtige Lüge ein.

„Ich komm von der sehr weit weg, bei uns ziehen die sich so an“ Wie bescheuert war das denn gewesen, und nein, bitte frag mich jetzt nicht, woher ich komme.

Den Mann schien das nicht freundlicher zu stimmen.

„Ich habe noch kein Volk gesehen, dass sich so eigenartig anzieht und ich möchte nicht, das Sie sich weiter meinem Haus nähern. Verschwinden sie einfach und lassen sie sich hier nicht mehr blicken.“ Der Mann hob leicht seine Hacke, die er zum Unkraut jäten benutzt hatte, und richtete sie vor seine Brust. Wahrscheinlich befürchtete er, ich würde gleich über ihn herfallen und suchte eine Waffe, mit der er mich aufspießen konnte.

„Ich habe mich wirklich verlaufen, bitte helfen sie mir!“

„Verschwinden Sie!“, schrie er mich an und machte ein paar plötzliche Schritte mit seinem Speer, wie zum Angriff in der Schlacht auf mich zu. Ich bekam es mit der Angst zu tun und drehte mich nach links und lief einfach die Straße so schnell ich konnte weiter. Ich spürte meinen Puls in den Augäpfeln pochen. Der Wind trieb mir Tränen in die Augen. Ja, zum Weinen war mir wirklich zumute. Ich lief schneller, als ich musste, ich blickte über die Schulter niemand verfolgte mich. Lief trotzdem weiter, so schnell, dass es mich meinen Körper spüren ließ und die Angst ging für einen kurzen Moment einfach weg.

Ich war bis zu der Mühle am Ende der Straße gerannt. Ich schaute in den Himmel und die gespannten Blätter der Mühle sausten an mir vorbei. Ich ging etwas in die Knie, beugte meinen Oberkörper nach vorne und rang nach Luft. Doch nur einen kurzen Augenblick, denn mir wurde klar, dass mich nicht noch einmal jemand so sehen durfte. Das eine Mal war nichts Weiteres passiert, aber wer wusste schon, was der Nächste mit mir machen würde.

Wahrscheinlich in die Stadt schleifen und auf dem Marktplatz an den Pranger stellen.

Niemand war an der Mühle zu sehen. Ich schlich mich hinter sie. Ich entdeckte eine kleine Hintertür, die nicht abgeschlossen, sondern angelehnt zu sein schien. Sollte ich es wagen und einen Blick ins Innere werfen? Vielleicht würde ich dort andere Kleidung finden und könnte meine eigenen Sachen aus der Zukunft irgendwo verstecken und dann vielleicht ohne das ich schräg angeschaut und beschimpft zu werden drohte, nach Hilfe fragen. Natürlich könnte auch jemand direkt hinter der Tür stehen, und wenn ich sie öffnete, mir vor lauter Schreck und Entgeisterung auf den Kopf hauen.

Aber auch nach angestrengtem Überlegen und Abwägen meiner derzeitigen Situation, konnte ich nicht einfach so weiter gehen. Ich musste mich umziehen, damit ich unbehelligt durch die Straßen laufen konnte. Ich musste dringend aus diesem Albtraum aufwachen.

Die Tür knarrte ganz fürchterlich, als ich sie aufschob und ich hatte schon versucht, so leise wie möglich zu sein. Der Raum, in den ich eintrat, war äußerst dunkel, nur durch die schmalen Fenster der Mühle fiel schummriges Licht auf den Holzdielenboden. Ich stand im Bauch der Mühle. Das große Mahlwerk direkt über meinem Kopf. Vor mir ein spitz zulaufender Holztrichter, unter dem ein Sack aufgespannt war, in den später das fertige Mehl hineinfiel.

In den Ecken lehnten viele befüllte Säcke mit Mehl. Ein feiner weißer Dunstschleier hing in der Luft.

Komisch, irgendwie musste ich gerade an Max und Moritz denken. Rickeracke! Rickeracke!

Geht die Mühle mit Geknacke.

Am großen Mühlwerk führte eine kleine Wendeltreppe nach oben ins Dunkle. Links von mir erblickte ich aber noch eine Tür. Ich wandte mich ihr zu und machte zwei beherzte Schritte auf sie zu, bis ich vor der Türklinke stand. Drückte sie runter und öffnete sie. Der Schein einer Kerze erhellte mein Gesicht. Hastig zog ich meinen Kopf ein wenig zurück, in der Angst, im Zimmer würde vielleicht jemand sitzen. Ich horchte angestrengt nach Geräuschen, aber es blieb still, nur der warme Lufthauch der flackernden Kerze kam mir entgegen. Oka, ich schob meinen Kopf wieder durch die Tür und schaute mich in dem kleinen Zimmer um. Es schien ein Schlafzimmer zu sein. Ein einfaches Holzbett, ein Tisch mit einem Stuhl und ein schön geschnitzter Eichenschrank. Auf dem Nachttischchen neben dem Bett stand die Kerze, die schon sehr weit herunter gebrannt war.

Auf dem Boden lagen Papiere verteilt und der Tisch war voll mit hölzernem Geschirr und Essensresten.

Für mich sah es so aus, als hätte hier vor kurzem noch jemand gesessen. Ich kniete mich nieder und ich hob eines der Papiere auf, die auf dem Boden lagen. Die Seiten waren so dicht beschrieben, dass kaum ein Wort mehr darauf passte. Auf dem Tisch lagen Feder und Tinte, dass würde auch erklären, warum es mir so schwer fiel auch nur ein Wort zu entziffern. Ich schaute auch auf die anderen Seiten, und zu meinem Erstaunen stand überall das Gleiche geschrieben. Genauso unordentlich und eng geschrieben wie auf dem Blatt, das ich in der Hand hielt.

Doch was war das zwischen den Papieren? Eine kleine weiße Mehlspur, nur ganz fein aber richtig gut zuerkennen, führte in Schlangenlinien unter das Bett.

Ich beugte mich langsam auf die Seite um unter das Bett schauen zu können.

Es war so dunkel, dass ich kaum etwas erkennen konnte. Griff nach der Kerze auf dem Tisch und hielt sie so, dass ihr Schein unter das Bett fiel. Ich konnte einen viereckigen Gegenstand erkennen, und die kleine Mehlspur führte direkt auf sie zu.

Etwas blitze im Kerzenschein an dem Kästchen auf. Ich streckte meinen Arm unter das Bett und zog den Gegenstand langsam hervor. Er war nicht gerade leicht.

Ich rappelte mich auf und setzte mich auf die Bettkante, den Gegenstand auf meinem Schoß.

Ich betrachtete es von allen Seiten. Die Oberfläche war enorm glatt, wie bei Stahl, aber es hatte einen seltsamen, fast Spiegelgleichen Schimmer.

Irgendwie ähnelte der Gegenstand, einem Kästchen nahe, aber es war kein Unterteil und kein Deckel auszumachen. Es war nur eine glatte Fläche.

Als ich das Kästchen ein bisschen hin und herbewegte im Schein der Kerze, erkannte man in der seidigen glänzenden Schicht die Umrisse eines Löwen, die aber direkt auch wieder verschwanden, als ich das Kästchen in eine andere Richtung kippte.

Das kam mir irgendwie bekannt vor.

Ich kramte den metallischen Gegenstand aus meiner Hosentasche, den ich bei dem toten Mann am Flussufer gefunden hatte.

Und das Relief zeigte ebenfalls einen Löwen und es war dasselbe Zeichen.

„Krass!!“, dachte ich bei mir, „das kann doch gar nicht sein“ Was wäre das doch ein Glück, wenn dieses Stück Metall nun auch noch diese Kiste öffnen würde.

Ich näherte mich mit dem Metallstück der seltsamen Kiste.

Als ich ungefähr auf 15 cm Entfernung war, verspürte ich einen Sog.

Das Kästchen und das Teil in meiner Hand fingen an zu zittern. Es kam einer magnetischen Anziehungskraft sehr, die immer stärker wurde. Schon bald wurde dieser Sog so stark, dass ich es nicht mehr auseinanderhalten konnte.

Was ich nun sah, war echt kranker Scheiss. Das Kästchen drehte sich, der kleine Löwe um es drum herum und plötzlich verschwand der Löwe in einer kleinen sechskantigen Öffnung.

Ein heller Lichtschein umgab es und es fiel mit einem lauten Krachen auf den Boden. Es hatte sich aufgetan und was ich nun sah verwunderte mich noch mehr.

 

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