Ein Mord aus der Vergangenheit

von Katharina Lauer

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Genau, was war hier los?

Ok, tief einatmen. Ich rappelte mich langsam auf und es drehte sich ein wenig wild in alle Richtungen. Und der tote Mann lag immer noch da. Mir wurde kotzübel, bloß nicht auf die Leiche brechen. Ich übergab mich in das Wasser der Sieg. Ich hatte meinen Mageninhalt aus der Zukunft mit in die Vergangenheit gebracht wenn die Leute wissen würden, was es alles in der Zukunft zu essen geben würde.

Ich konnte mich gerade selbst nicht daran erinnern, was ich noch vorher gegessen hatte.

Also innerlich hoffte ich, ich war nur in der Vergangenheit gelandet und nicht von Außerirdischen entführt und in einem Paralleluniversum gelandet.

Obwohl, ehrlich gesagt, würde das auch gerade nichts an meiner Situation ändern.

Nachdem ich mich gefangen hatte und es meinem Magen etwas besser ging, überlegte ich, ob es vielleicht sinnvoll wäre, herauzu finden, wer dieser Mann war, aber dazu müsste ich einen toten Menschen berühren. Keine so prickelnde Vorstellung.

Leiche plündern stand auch auf meiner Liste der zehn Dinge, die ich im Leben noch unbedingt erleben wollte, nicht gerade auf Platz 1. Erst auf Platz 3. Nein, in Wirklichkeit war dafür kein Platz vorgesehen gewesen, aber Listen ließen sich ja noch erweitern.

Also nicht so ängstlich, sprach ich zu mir.

 

Ich trat an den leblosen Körper, beugte mich nach unten und durchsuchte seine Manteltaschen. Zum Glück schauten mich seine Augen nicht an, das würde ein schlechtes Gewissen in mir wecken und wahrscheinlich noch jede Menge Schuldgefühle. Stehlen ist ja schon schlimm, aber einen Toten zu beklauen, das lässt das Ganze ins Unermessliche anwachsen. Seine rechte Jackentasche war leer. Ich griff in die linke Tasche, leider auch nichts. Vielleicht hatte der Mantel eine Innentasche. Der Körper war durch das Wasser ganz aufgequollen. Beim Griff in die Innentasche spürte ich etwas. Es fühlte sich kalt und eisern an und war nicht gerade groß.

Es war eine kleine Schmiedearbeit in Form eines Löwen. Er war sauber gearbeitet. Ich strich mit meinen Fingern über das Relief des Löwen. Auf der Rückseite war ein sechskantiges Metallstück angebracht. Vielleicht war er mal an etwas angebracht gewesen. Eilig steckte ich es in meine Hosentasche.

Der modrige, feuchte Geruch des Wassers in Verbindung mit diesem leblosen Körper stieg mir in die Nase. Ich griff in die Innentaschen seines Mantels und packte in etwas pudriges und staubiges. Ich zog meine Hand schnell zurück, schaute meine Finger an und sie waren weiß. Von seiner Konsistenz in Verbindung mit der Feuchtigkeit sah das, was an meinen Fingern klebte, aus wie Mehl. Ich hielt meinen Finger unter die Nase und es roch wirklich danach. Sollte das Pulver wirklich Mehl sein? Warum hatte er es in seiner Innentasche?

 

Ich tastete den Mann weiter ab, fand aber sonst gar nichts mehr ,und auch um ihn herum war nichts weiter zu sehen.

Ich beschloss, mich vom Tatort wegzubewegen, besonders hegte ich den Wunsch wieder nach Hause zu gehen, aber ich hatte ja immer noch nur so eine wage Vermutung, wo ich war und was mit mir passiert sein musste.

Ich raffte mich auf. Meine Haare waren von der Sonne schon getrocknet. Ich musste eine kleine Böschung hochsteigen.Als ich mich durch das Gestrüpp gekämpft hatte, stand ich auf einem Feldweg. Ich schaute mich nach allen Seiten um. Niemand war zu sehen, nur das Zirpen der Grillen hing in der Luft und die Sonne stand schon recht hoch am Himmel. In Richtung der Stadt sah ich ganz weit hinten an der Straße ein kleines Fachwerkhaus. In der Hoffnung, ich würde dort jemand antreffen, der mir helfen konnte, setze ich einen Fuß vor den anderen. Mein Kopf fühlte sich so fürchterlich leer an. Mein Mund war ganz trocken, Einsamkeit und Angst übermannten mich, meine Hände fingen an zu zittern, und obwohl es in der aufsteigenden Sonne, schon sehr warm wurde, bekam ich eine Gänsehaut.

Ebenso schlimm war der Gedanke daran, dass ich nicht vorhersehen konnte, was mich dort am Ende der Straße erwarten würde. Ich wusste innerlich nur ganz genau, dass es mich verändern würde.

Die Steine unter meinen Füßen knarrten und knirschten, meine Chucks sahen sehr kaputt aus und das Geräusch bei jedem Schritt, glich dem Zertreten tausender kleiner Käfer, die hilflos meinen Schuh auf sich zurasen sahen und dem Unheil nicht entfliehen konnten. Ebenso kam mir der Himmel vor, er engte mich ein und das Unheil raste unaufhörlich auf mich zu.

 

Doch ich kam irgendwie voran, irgendwie kommt man immer voran.

 

Ich konnte nun besser erkennen, was mich dort in der Ferne erwartete. Ein kleines Bauernhaus, versteckt hinter einem zauberhaften Vorgarten. Stockrosen kletterten die Fassaden hoch und ringelten sich um die Fenster. Im Vorgarten wuchs allerlei Zeugs an Obst und Gemüse nicht alles konnte ich zuordnen, aber das meiste. Ich hatte zwar noch nie einen grünen Daumen mein Eigen nennen dürfen, aber kenne mich eigentlich sehr gut mit Kräutern und Pflanzen aus und bewundere jeden, der es schafft, Pflanzen zum Blühen zu bringen. Weiter die Straße hinunter, sah ich die Blätter einer Mühle durch den Wind sausen.

Das Bauernhaus stand direkt am Ufer des Flusses, und hinter dem Dachfrist, ragte diese Stadt hervor, thronend auf dem Berg, umgeben von dieser mächtigen Stadtmauer mit seinen Türmen.

Ich erkannte einige Bauwerke, die über die Stadtmauer hin überragten, jetzt war ich mir ziemlich sicher, dass es Siegen sein musste. Das Obere Schloss, das Krönchen der Nicolaikirche, die Martinikirche direkt bei mir um die Ecke. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. Ich konnte es einfach nicht fassen. Bei meinem starren Blick über den Dachfrist hinweg hatte ich das, was direkt vor mir stattfand, vollkommen ausgeblendet und erschrak als ich meinen Blick von der Stadtmauer löste und auf die Eingangstür richtete. Ich stand vor dem Eingang des Gartenzauns und die Haustür war nun geöffnet. Eine junge Frau in einem Leinengewand, einer Schürze um die Taille und einer kleinen einfachen Haube stand im Türrahmen und starrte mich mit erschrockenem Blick an. Ein kleiner struppiger blonder Junge mit etwas Dreck im Gesicht klammerte sich an das Bein seiner Mutter und schaute ebenso verängstigt hinter diesem her.

Wen ich außerdem nicht bemerkt hatte, war ein älterer Mann, der zwischen den Bohnen das Unkraut jätete, sich aufgerichtet hatte und mich ebenfalls mit scharfem Auge musterte.

Heiß Kalt, alles durchfloss meinen Körper in Sekundenbruchteilen und ich bekam keinen Ton heraus. Die Leute sahen sehr altertümlich gekleidet aus und die Zeit hatte sich gerade zur Ruhe gelegt, denn niemand sagte etwas.

 

 

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