2020: Das Coronajahr.

Persönliche Wahrnehmungen einer Interviewrunde von Stefan Müller

2020 war ein besonderes Jahr. Eine für nahezu jeden Menschen vollkommen neuartige Situation und Bedrohung ist durch das Aufkommen des Covid-19 Erregers entstanden. Der Ausbruch des auch als Coronavirus bekannten Erregers prägte das Jahr 2020 und so das Leben vieler Menschen wie es vielleicht noch kein einzelnes Ereignis in der Menschheitsgeschichte je getan hat. Zwar hat es in der Geschichte schon mehrfach große Pandemien gegeben, man denke da beispielsweise an den „Schwarzen Tod“ im 14. Jahrhundert, der in wenigen Jahren wohl etwa ein Drittel aller Menschen in Europa das Leben kostete, jedoch noch nie eine Pandemielage, die so homogen alle Menschen der Welt betraf.

Im Vergleich mit Krankheiten wie dem Schwarzen Tod, die auch als die Pest bekannt ist, oder der Spanischen Grippe ist die Mortalitätsrate des Coronavirus gewiss geringer, jedoch ist der Effekt auf eine globalisierte Welt und Weltwirtschaft, die sich zunehmend als unvorbereitet und „auf Kante genäht“ erweist, sicherlich vergleichbar. Abzusehen ist schon jetzt, dass die Pandemie noch einige Zeit andauern wird. Impfstoffe sind auf dem Weg (zum Veröffentlichungszeitpunkt dieses Artikels ist bereits ein geringer Teil der Bevölkerung geimpft), jedoch ist deren Wirksamkeit ebenso wie der Durchführungszeitraum einer ausreichenden Durchimpfung der Gesellschaft noch nicht in seiner Gänze abzusehen.

Seit der Jahrtausendwende gab es für die junge Generation der Heranwachsenden und Studierenden wenige einschneidende und historische Ereignisse von globaler Tragweite. Dabei sind der 11. September 2001 und dessen Folgen sowie die Lehmann Pleite und die folgende Weltwirtschaftskrise 2008/2009 wahrscheinlich die prägnantesten Geschehnisse. Mit 2020 können wir schon jetzt von einer Zäsur in unserer Geschichte ausgehen. Vieles wird sich in der Folge der Pandemie verändern, begonnen bei Firmenpleiten bis hin zu möglichen gesamtgesellschaftlichen Metamorphosen. Neben diesen weltlichen Problemen bildet die Coronapandemie auch für die inneren Belange der Menschen eine harte Bewährungsprobe. Der Lockdown (eine temporäre, staatlich angeordnete und durchgesetzte Massenquarantäne für die breite Bevölkerung mit Einschränkungen des öffentlichen Lebens) und die generelle Beschränkung von Kontakten stellt für die Psyche der meisten Menschen ein großes Problem dar. Seit dem 22. März 2020 müssen die Bundesbürger bereits auf vieles verzichten. Abgesehen von einem kurzen Intermezzo im Sommer 2020, als die Krise bereits weitestgehend bewältigt schien, wechselten sich je nach Infektionslage strengere Lockdowns sowie maßvollere Kontaktreglementierungen ab. Dabei scheint jedoch vorerst kein Ende in Sicht.

Um diese Krise im Kleinen zu dokumentieren, wurde eine regionale Fokusgruppe von drei Personen erstellt, die in der Form eines Interviews ihre Sicht des Coronajahres 2020 schildern sollten. Die kleine Gruppe von Personen, allesamt mit ihrem Wohnsitz in Siegen Wittgenstein, diskutierten Fragen, die das Jahr 2020 und dessen Geschehnisse, insbesondere das Aufkommen der Pandemie rückblickend analysieren und kontextualisieren. Die Gruppe besteht aus einer 28 Jährigen und an der Universität arbeitenden Doktorandin, einem 31 Jährigen in der Industrie arbeitendem gelernten KFZ-Mechatroniker und einem 28 Jährigen Studenten, der nebenbei als Werkstudent in einem Softwareinternehmen arbeitet. Im Folgenden betrachten wir die Ergebnisse dieses Interviews mit dem Analysefokus auf die individuelle Bewältigung dieser Krise von Menschen aus der Region Siegen- Wittgenstein. Die Ergebnisse des Gesprächs, welches mithilfe einer geeigneten Software ausgewertet wurde, sollen im Folgenden einen Einblick in die Wahrnehmung der drei Gesprächspartner*innen bieten.

Vielleicht erkennt sich der/die ein oder andere Leser/in dieses Artikels in den Schilderungen und Sichtweisen der Interviewten teilweise wieder. Vielleicht hilft es sogar dem/der ein oder anderen bei der Erkenntnis, dass jede/r einzelne von uns von dieser Krise betroffen ist und es für jede/n einzelne/n Entbehrungen und persönliche Tiefschläge in der Zeit der Pandemie gab und auch in naher Zukunft noch geben wird. So einsam viele von uns im Lockdown und der Pandemiezeit auch zu seien scheinen, so gemeinschaftlich sind wir doch in unserem Leid und in der Bewältigung dieser Krise.


Das Interview:

Die aufgrund der geltenden Abstands- und Personenregelungen via Zoom-Call stattfindende Interviewrunde traf sich zu Beginn des Jahres 2021, um das vergangene Jahr mithilfe von zehn moderierenden Fragen Revue passieren zu lassen. Dabei taten sich die Interviewten anfangs schwer, eine angemessene Diskussionsatmosphäre zu etablieren. Insbesondere dem Studenten und dem Industriearbeiter fiel der Umgang mit der ungewohnten digitalen Gesprächsumgebung zunächst schwerer als der an Onlineveranstaltungen gewöhnten und an der Uni unterrichtenden Doktorandin. Nach diesen Startschwierigkeiten wurden die Teilnehmer vor Allem im letzten Drittel des Interviews gesprächsfreudiger, sodass nach dem offiziellen Interview noch fleißig weiterdiskutiert wurde. Inhaltlich wurden bei der Beantwortung der Fragen dabei folgende Aspekte zentral:

Persönliches Empfinden der Pandemie und die Entbehrungen durch Corona

Die Lockdowns scheinen auf jeden der Fokusgruppe negative Auswirkungen zu haben. Alle beklagen den durch Corona wenig abwechslungsreichen Tagesverlauf (bspw.: Doktorandin: „Bei mir ist halt jeder Tag auch so ein Einheitsbrei. Steh morgens auf trink meinen Kaffee, setze mich an Schreibtisch und gehe dann vom Schreibtisch weg. Und das passiert eben alles in der Wohnung, alles im selben Raum, was schon auf Dauer ein bisschen zermürbend ist.“). Auch der Arbeiter und der Student leiden unter der Isolation, unterscheiden sich jedoch in ihrer Betrachtung der Lockdowns dahingehend, dass der Arbeiter den zweiten Lockdown (Beginn: 02.11.2020) als schwieriger empfindet als den ersten, während der Student sich selbst durch die Erfahrung des ersten Lockdowns (Zeitraum: 22.03.2020 bis 04.05.2020) als abgehärteter und robuster empfindet (Student: „Und das hab ich dann jetzt im zweiten Lockdown ein bisschen besser hingekriegt. Also man lernt auch dran, aber es ist natürlich immer noch schwierig.“). Die Eintönigkeit des Tagesablaufs stellt für alle ein Problem dar, die Entschleunigung des Alltagsstresses jedoch ist einer der wenigen positiven Aspekte der Pandemie. Viele der gesellschaftlichen Verpflichtungen wie Geburtstage der Familie und Freunde finden schlicht nicht statt und die sonst so häufig überfrachtete Freizeit kann nun zur Muße und Entspannung in den eigenen vier Wänden verwendet werden. Die neu gewonnene Zeit wird zudem dafür verwendet, liegengelassenes oder schon länger aufgeschobene Arbeiten und Projekte zu verwirklichen. Als einen weiteren positiven Effekt der Corona-Pandemie wurde übereinstimmend die dadurch forcierte Digitalisierung in Deutschland wahrgenommen, auch wenn diese in einem unzureichenden Tempo erfolge und an Schulen oft nicht gut funktioniere, so die persönliche Erfahrung der Schwester des Arbeiters, die als Lehrerin in der Region tätig ist. In Zahlen ausgedrückt überwiegt die Anzahl der Erwähnung von Entbehrungen durch Corona denen der positiven Auswirkungen der Pandemie jedoch deutlich, was natürlich auch zu erwarten war (Entbehrungen: 21; positives: 9). Auch dauerte es deutlich länger für die Interviewten, positive Aspekte der Pandemie zu nennen als negative.

Kritik an der Regierung:

Die Kritik an der Regierung richtet sich vor allem auf den mangelhaften Informationsfluss und den sich im Laufe der Zeit widersprechenden Aussagen zur Krise. Die Doktorandin glaubt, dass die Pandemie eine große Chance gewesen wäre, die Massen über wissenschaftliche Prozesse aufzuklären, die allerdings ihrer Meinung nach von der Regierung und den Medien versäumt wurde. (Doktorandin: Weil das wäre die Chance gewesen, […] da mal ein bisschen mehr Aufklärung zu treiben, was eigentlich Wissenschaft macht und was da alles so dahinter steckt. Aber das wurde meiner Meinung nach von sowohl Politik als auch Medien ziemlich versäumt.“). Der Student verurteilt die „Schnipsel“ von Informationen, die die Regierung dem Volk über die erstrebte Eindämmung und Bekämpfung des Virus zukommen ließen. Diese Form der Information habe bei den Menschen nur Unsicherheit und Verwirrung gestiftet. Konkrete und Unmissverständliche Ansagen, die nicht nach kürzester Zeit wieder einkassiert oder modifiziert worden wären, wären wünschenswert gewesen. Das Krisenmanagement der Regierung wird allgemein als intransparent wahrgenommen (Doktorandin: „Vieles, vieles wurde sehr intransparent kommuniziert.“). Das Vorgehen befördere den Verdruss der Menschen gegen die Meinungen und Vorschläge der Wissenschaftler sowie Experten und führe bei vielen entweder zu Resignation oder offener Rebellion gegen die wechselnden Bestimmungen und Verordnungen. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in das Krisenmanagement und eine funktionierende Strategie der Regierung geriet dadurch ins Wanken und führte dazu, dass das in einer Pandemie so wichtige „an einem Strang ziehen“ schwieriger wurde. In einer Pandemie, so die einhellige Meinung, in der jeder einzelne durch richtiges Verhalten dazu beitragen kann, die Krise möglichst schnell zu überwinden und die Verbreitung der Krankheit zu stoppen, ist gemeinsames verantwortungsvolles Handeln unverzichtbar. Solidarität und Empathie seien dafür die Grundvoraussetzung.

Kritik an der Gesellschaft:

Die geäußerte Kritik an der Gesellschaft richtet sich insbesondere an die mangelhafte Rücksichtnahme und Solidarität der Menschen und Staaten. Auch jedes Land schaue bei der Krisenbewältigung erst einmal nur auf sich. Vermutet wird, dass in Tourismusländern in der Anfangszeit der Pandemie absichtlich geringere Infektionszahlen mitgeteilt bzw. höhere verschwiegen wurden, um damit das Tourismusgeschäft nicht zu gefährden. Angeprangert wurde auch die fehlende Bereitschaft der Menschen, sich an die neuen Verhältnisse anzupassen sowie die fehlende Wertschätzung für diejenigen, die systemrelevante Arbeiten in Zeiten des Lockdowns verrichten. Die Möglichkeit, durch die Krise gesellschaftlich enger zusammenzurücken werde leichtfertig vertan. Ein erhofftes solidarisches Miteinander in diesen Krisenzeiten fehlt den Interviewten (Doktorandin: „[…] anfangs der Pandemie wurde immer dann ganz laut gerufen: Oh, die ganzen Menschen werden viel sozialer, die zeigen Nächstenliebe und was weiß ich was. Aber das ist alles längst vergessen. Da ist nichts mehr übrig […]“). Auch erscheint es allen unbegreiflich, warum der Impfstoffhandel scheinbar kommerzialisiert wird, bzw. ein vermeintliches Profitstreben der Impfstoffhersteller die Impfung der Bevölkerung verlangsamt. Warum werden Forschungsdaten zur Impfstoffherstellung nicht unter allen potenziellen Impfstoffherstellern geteilt, damit diese dazu beitragen können, eine schnellere Immunisierung der Bevölkerung zu erreichen? Dies wäre doch im größten Interesse aller Menschen, da dadurch schneller der Normalbetrieb wiederhergestellt werden könne. Nichts desto trotz wird sich die Frage gestellt, warum man überhaupt gefühlt hunderte Millionen Dosen Impfstoff bräuchte, wo wir doch maximal ca. 180 Millionen Dosen hier in Deutschland bräuchten (hier wurde mit ca. 90 Mio. Menschen in Deutschland gerechnet). Vermutet wird, dass die übermäßige Beschaffung von Impfstoff ebenfalls kommerziellen Zwecken dient, um den Impfstoff an die Länder der Dritten Welt teuer weiter zu verkaufen (Arbeiter: „Wollen wir dann anfangen, die an andere Drittländer, die sie sich jetzt noch gar nicht leisten können, zu verkaufen und dann wieder mit dem Leid anderer Geld zu verdienen?“).

 Optimistische Zukunftsaussichten:

Optimismus besteht in der Interviewrunde nur in der Aussicht auf die Lockerungen des Lockdowns und das Hochfahren direkter sozialer Kontakte, einer sich durch die Pandemie ergebenden dauerhaft erhöhten Flexibilität für viele Bereiche und vor Allem in einem bewussteren Konsumverhalten. Die durch die Lockdowns geschlossenen Geschäfte könnten nachhaltig das Kaufverhalten vieler Menschen beeinflussen und zu besser abgewogenen Kaufentscheidungen und damit wenig überflüssigem Konsum führen. Auch der Konsum von Fleischerzeugnissen könnte sich aufgrund der nun offengelegten schlechten Arbeits- und Hygienebedingungen in der fleischverarbeitenden Industrie nachhaltig verändern. Bei dem Großschlachtbetrieb Tönnies waren diese schlechten Zustände im Juni 2020 durch einen großen Corona-Ausbruch mit über 2100 Infizierten abermals zum Thema in den Medien geworden. (Arbeiter: „[…] der ganze Verbrauchszyklus von Essen. Nehmen wir mal […] den Ausbruch bei Tönnies. Wo wir auf einmal schockiert waren, wie die Arbeiter da gehalten werden. […] Und dass sich da dann Corona so schnell ausgebreitet hat, obwohl da doch ja alles steril sein sollte. […] Das sowas vielleicht noch in den Hinterköpfen ist, dass man in der Zukunft vielleicht wieder regionaler einkauft.“).

Pessimistische Zukunftsaussichten:

Der Ausblick in die Zukunft ist für die Gruppe weitestgehend negativ. Die geringe Veränderungsbereitschaft der Gesellschaft und die fehlende Anpassungsfähigkeit bereiten den interviewen Sorgen. Die schlechte Bewältigung der Impfsituation ist ebenfalls ein großer Stein des Anstoßes. Hier bestünde wenig Aussicht auf Verbesserung der Lage. Bei allen überwiegt die Sorge vor einer kommenden Wirtschafts- und Finanzkrise, die bereits angefangen habe (Doktorandin: „Ich glaube, es werden viele Unternehmen noch bankrott gehen. Viele Insolvenzen werden kommen. Es wird noch eine Wirtschaftskrise geben […]. Da möchte man eigentlich auch gar nicht dran denken, wie die ganzen ärmeren Länder, die hier in der EU wie die aus der Krise kommen. Und es stellt sich natürlich irgendwann die große Frage Wer rettet die? Wie? Wie viel Geld drucken wir jetzt?“). Für das unmittelbare eigene Leben sieht insbesondere die Doktorandin einen negativen Einfluss durch die Pandemie, da wichtige Konferenzen und Tagungen nicht besucht werden können, die essenziell für das Networking am Anfang ihrer Karriere sind.

Anderes:

Neben all den Geschehnissen rund um die Corona-Pandemie waren 2020 auch andere Themen für die Interviewten von Relevanz. Bei der Betrachtung dieser „sonstigen“ Geschehnisse des Jahres 2020 bildeten weltpolitische Begebenheiten den mit Abstand größten Anteil. („Weltpolitik“: 11; „Katastrophen“: 2; „Gesellschaftsereignisse“: 3; „Triviales“: 2) Dabei bildete die Präsidentschaftswahl der USA den thematischen Schwerpunkt. Neben der US-Präsidentschaftswahl wurden zudem das Durchgreifen der chinesischen Regierung bei den Protesten in Hongkong sowie die Handlungen der russischen Regierung unter Vladimir Putin, der Verfassungsänderung zur weiteren Präsidentschaft bis zum Jahre 2036 sowie der mutmaßlichen Vergiftung des Oppositionellen und schärfsten Putinkritikers Alexei Nawalny durch Russland thematisiert.

Fazit:

Wie man schon vor der Durchführung des Interviews erahnen konnte, waren die Aussagen der Interviewten überwiegend kritisch gegenüber den Maßnahmen der Regierung und der Haltung der Gesellschaft (der Bundesrepublik). Auffällig ist auch, dass die Gesprächspartner insgesamt sehr negative Aussichten zur nahen Zukunft äußerten. Im Laufe des Interviews wurde die Gesprächsatmosphäre lockerer, allerdings stieg auch, insbesondere beim Kritisieren der Regierung, der Anteil an Verallgemeinerungen und Polemisierung. Sprachen die Teilnehmer über die Gesellschaft wurde etwas weniger polemisiert. Dagegen wurden die pessimistischen Zukunftsaussichten wiederum geringfügig weniger mit der Regierung in Verbindung gebracht als mit der Gesellschaft. Positive Erwähnungen der Gesellschaft sowie der Regierung waren nahezu keine vorhanden. Wurde im Gespräch über die Entbehrungen durch die Pandemie gesprochen, gab es nur wenig Überlappungen mit Regierungskritik und Gesellschaftskritik, dafür jedoch viel Überlappung in den Bereichen „berufliche Tätigkeiten“ sowie „persönliches Empfinden der Pandemie“. Daraus folgt, dass die Fokusgruppe die Entbehrungen, die sie während der Pandemie erfahren, mit der Krankheit an sich und weniger mit den Verordnungen durch die Regierung assoziiert. Die Fokusgruppe bestätigte im Interview auch das generelle negative Bild der Pandemie für das jeweilige eigene Leben. Die negativen Aspekte der Krise überwogen damit die positiven bei Weitem. Was speziell im letzten Drittel des Gesprächs auffallend war, war das zunehmende Maß an der bereits erwähnten Polemisierung, an Verallgemeinerungen und Übertreibungen, insbesondere wenn es um die Äußerung von Kritik (an Regierung und Gesellschaft) ging. Die Motive für die Verwendung dieser rhetorischen Mittel sind vielfältig, sollen vermutlich aber der Überzeugung der Gesprächsteilnehmer von dem eigenen Standpunkt dienen bzw. diesem mehr Gewicht verleihen. Während des Gesprächs fiel dies den Interviewten und dem Interviewer kaum auf, wurde aber in der Analyse umso deutlicher. Als Ertrag des Interviews war neben einem zeitnahen Abbild des Pandemiegeschehens und der Rekapitulation des Jahres 2020 auf Basis der qualitativen Analyse der Fokusgruppe die Erkenntnis über das Polemisieren und Übertreiben ein wichtiger Faktor. Von den an dem Interview beteiligten Personen gehört niemand dem agierenden coronakritischen Spektrum an, aber gerade im Zuge eines sich ausdehnenden negativen und häufig rebellischen Narrativs der Coronaleugner und der Corona-Maßnahmenkritiker ist Polemik (die sich hier noch in Grenzen hielt) ein wichtiges Stilmittel. Vermutlich sind es oft solche kleinen diskutierenden Gruppen, die durch eine Mischung von Polemik, Halbwahrheiten, Emotionalisierung der Diskussion und Simplifizierung des Geschehens sich bzw. einzelne Teilnehmer der Runde radikalisieren und, vermischt mit dem Frust von Entbehrungen und Freiheitseinschränkungen, zu rebellischer Geisteshaltung zu animieren und so die Gesellschaft immer stärker zu spalten.

Dabei sind es doch gerade jetzt in der Zeit der Not die Werte der Gemeinschaft, auf die es ankommt, um die Krise gut zu meistern. Empathie, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und die Bändigung der eigenen egoistischen Interessen sollten Handlungsmaxime sein. Kritik darf und soll natürlich auch geübt werden, wenn sie denn gerechtfertigt ist. Im Zuge dessen sollten wir jedoch trotzdem nicht unsere Vernunft über Bord werfen und Verhältnismäßigkeit in unserer Kritik walten lassen.

(2021)

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