Badekultur in Lüdenscheid

von Maximilian Fromme

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der städtischen Badeanstalt Lüdenscheids, dem Schillerbad. Das 114 Jahre alte Gebäude beherbergt heute zwar ein über die Stadtgrenzen hinaus bekanntes Brauhaus mit Hotel, verrät aber allein durch sein imposantes Aussehen viel über die Zeit vor dem Umbau. So war es ein Zeichen für bürgerliche Selbstbestimmung, städtischen Stolz, Gesundheit, sportliche Betätigung und architektonische wie technische Entwicklung.


Die Geschichte des Schwimmsports in Lüdenscheid beginnt mit den Zwillingsbrüdern Friedrich und Wilhelm Brauckmann, welche bereits in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts eine Badeanstalt auf ihrem Fabrikgelände einrichteten. Diese, für ihre Zeit modern ausgestattete, Einrichtung war ursprünglich für die Arbeiterschaft gedacht, wurde aber 1867 für die Allgemeinheit geöffnet. Neben diesem Bad gab es vor der Zeit des Schillerbads in Lüdenscheid das Freibad Sancoucy in der Gartenstraße, das Schwimmbad „In der Waldlust“ in der Lösenbach, den Schlittenbacher Teich und die Heinrich´sche Hygiene-Badeanstalt an der Turmstraße (später an der Sauerfelder Straße).

Ende des Jahrhunderts wünschten sich immer mehr Bürger ein großes städtisches Bad - dieser Wunsch sollte durch die Schenkung Wilhelm Brauckmanns von 30.000 Mark erfüllt werden. Nach dessen Tod im Jahre 1902 knüpfte er die Stiftung allerdings an eine Bedingung: die Fertigstellung der Fundamente bis zum 23. Juli 1903. Nachdem durch Drängen der Öffentlichkeit beschlossen wurde, ein Bad mit Schwimmhalle zu errichten, sammelte das für den Bau zuständige Komitee 185.000 Mark von über 1000 Spendern. Und man fand schnell den schon zu seiner Zeit zentralen Bauplatz im Greul´schen Garten (heute Rosengarten).

Weil schnell klar wurde, dass es nicht möglich sein würde, bis zum vom Testament gesetzten Termin die gesamten Fundamente fertig zu stellen, beschränkte man sich vorerst auf die Fundamente für eine kleinere Badeanstalt, welche Teil des Gesamtprojektes sein sollte. Diese Arbeiten wurden am 1. Juli 1903 fertig gestellt und somit die Bedingungen der Stiftung erfüllt. Nach der Fertigstellung des Wannen- und Brausebades begannen 1904 die Arbeiten an der Schwimmhalle. Zu dieser Zeit beschloss man, zusätzlich ein Kurbad einzurichten, was eine Aufstockung des bereits gebauten Bades und die Installationen einer elektrischen Zentrale erforderte (ein Elektrizitätswerk existierte noch nicht). Zur Wasserversorgung wurden ein 18 Meter tiefer Brunnen angelegt und alte Stollenanlagen nutzbar gemacht.

Nach erfolgreichem Abschluss des Bauprogramms konnte die Badeanstalt am 13. Mai 1905 übergeben werden. Sie beinhaltete zu dieser Zeit Brausebäder und eine Wäscherei im Kellergeschoss; die Eingangshalle mit Kasse, Wannenbädern und einem weiteren Brausebad im Erdgeschoss; medizinische Bäder mit Ruheräumen, Dampfbädern, elektrischen Bädern, Duschraum, Massageraum und Wannenbädern, außerdem eine Wohnung für den Verwalter im Obergeschoss; Kalt- und Warmwasserbehälter im Dachgeschoss; ein Schwimmbassin (19,5m x 9,15m), 36 Auskleidezellen, einen Massenauskleideraum für Schüler und einen Duschraum in der Schwimmhalle und Apparate mit Brunnen, Kessel, Kohleraum, Schornstein und Wasserreinigungsanlage im Maschinenhaus.

Schillerbad Bauplan 1 außen      Schillerbad Bauplan 2 innen
 Bauzeichnung der Außenansicht von 1904    Bauzeichnung mit Querschnitten von 1904

Die Eröffnungsfeier am 13. Mai 1905 begann vor dem neuen Gebäude, wo um 6 Uhr der Stadtbaumeister Herr Joedicke dem Bürgermeister Herrn Dr. Jokusch den Schlüssel zur Badeanstalt überreichte. Anwesend waren Amtspersonen der Stadt und des Kreises, Geistliche, Lehrer, städtische Beamte, Vereinsvorstände, Stifter und viele weitere interessierte Bürger. Vor ihnen hielt der Bürgermeister eine Rede, in welcher er allen Stiftern und besonders Wilhelm Brauckmann, dem Baumeister und allen Mitgliedern der Baukommission dankt. Auch die Unternehmer, Fabrikanten und Handwerker werden erwähnt, die zum größten Teil einheimisch wären und somit die Leistungsfähigkeit der Gewerbetreibenden von Lüdenscheid bewiesen. Eine zweite Rede hielt der Bürgermeister in der Schwimmhalle vor den geladenen Gästen. Hier lobt er die Einzigartigkeit der Lüdenscheider Bürger, die den Bau ermöglichten und geht auf die Bedeutung des Bades für Gesundheit, Sport und Schulen ein. Besonders betont wird das Verständnis des Bades als Zeichen der städtischen Selbstbestimmung und des Bürgertums, wodurch es auch seinen Namensgeber fand - Schiller, dessen 100. Todestag gefeiert wurde. Dieser hätte durch seine Werke den Bürgersinn und die bürgerliche Tüchtigkeit geehrt – Tugenden, welche auch zum Bau des Schillerbads führten. Am Ende wird dankend Kaiser Wilhelm II. erwähnt, der auch Freund und Förderer der körperlichen Ertüchtigung und des Schwimmens sei. Nach einer Rundführung wurde die Festlichkeit in die Schützenhalle (seit 1960 bis heute benutzte Festhalle und Veranstaltungsstätte) verlegt. Hier wurden weitere Reden gehalten und den Mitwirkenden gedankt. Die Bauabnahme ergab Gesamtkosten von 227.288 Mark. Am folgenden Montag dem 15. Mai 1905 wurde das Schillerbad in Betrieb genommen.

Schillerbad Bild 1 vor 1914     
 Das Bad vor 1914  

In den folgenden Jahren erfreute sich die Badeanstalt immer weiter wachsenden Besucherzahlen. Im ersten Betriebsjahr nahmen 51.006 Besucher die verschiedenen Angebote in Anspruch (als Vergleich: In Lüdenscheid lebten zu dieser Zeit ca. 29.000 Menschen). Dies entspricht rechnerisch einer täglichen Anzahl von 297 Gästen. Bis zum Jahr 1929 wuchs die Zahl der jährlichen Besucher auf 161.926 (zu dieser Zeit betrug die Einwohnerzahl Lüdenscheids ca. 35.000), was 551 Besucher pro Tag bedeutete. An heißen Sommertagen sollen weit über 1000 Menschen das Bad besucht haben. In den ersten 25 Jahren konnte das Schillerbad eine stolze 2.498.682 Gästen verzeichnen, wovon mehr als 60% das Schwimmbecken in der Schwimmhalle benutzten.

Trotz der hohen Besucherzahlen erlebte das Bad in dieser Zeit auch eine Phase der Nicht-Nutzung. Im Ersten Weltkrieg fehlte es an Personal, um das Bad im vollständigen Betrieb halten zu können. 1917 wurde es auf Grund der Kohleknappheit ganz geschlossen, da die Heizung nicht mehr gewährleistet werden konnte. Das Schwimmbecken wurde als Sammellager für von der Bevölkerung abgegebenes Metall genutzt, in den Brause- und Wannenbädern lagerten Nahrungsmittel und an der Kasse wurden Kohlemarken ausgegeben. Im Mai 1918 wurde das Bad zum Teil wiedereröffnet und nach Kriegsende vollständig. Für die heimkehrenden Truppen richtete man eine Entlausungsanstalt ein. Von 1919 bis 1923 musste die Badeanstalt wegen des anhaltenden Kohlemangels und der Inflation wieder teilweise geschlossen werden. Diese Zeit der Unsicherheit endete am 1. Juli 1924, und das Bad konnte wieder voll in Betrieb gehen.

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 Die Schwimmhalle im Jahr 1911  

Im Jahr 1926 wurden die Räumlichkeiten des Kurbades erweitert. Die Kosten hierfür wurden aus Betriebsmitteln der Badeanstalt gedeckt. Zwei Jahre später erwartete das Bad seine bis dato größte Neuerung: Die Stadt entschied sich, eine Wasserreinigungsanlage einbauen zu lassen, die am 15. Juli 1928 in Betrieb ging. Die für ihre Zeit hochmoderne Anlage siebt, filtert und belüftet das Wasser, am Ende des Vorgangs wird dem Wasser durch eine Chlorgasanlage Chlorgas zugesetzt. Die Größe der Pumpanlage ermöglicht bis zu drei Filterungen am Tag und einen ununterbrochenen Kreislauf.

Das Schillerbad bot bereits in dieser Zeit allen drei (zu dieser Zeit bestehenden) Schwimmvereinen Lüdenscheids Platz. So war jeder Abend eines Wochentages für die Vereine reserviert. Zusätzlich bot es den Schulen die Möglichkeit, den Schwimmunterricht einzuführen.

Als städtische Badeanstalt bezog das Bad bis 1930 jährlich 3.000 bis 4.000 Mark Zuschuss, was vergleichbar gering ist. Der Eintritt zum Schwimmbad kostete in den 30er Jahren für Erwachsene 45 Pfennig und für Kinder 20 Pfennig, die Teilnahme am Kinderschwimmunterricht kostete 5 Mark, ein Wannenbad zwischen 55 Pfennig und 1,35 Mark, ein Dampfbad 2 Mark und eine Massage 2,25 Mark (als Vergleich: Der Brotpreis lag in dieser Zeit bei 30 bis 40 Pfennig pro Kilogramm).

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 Die Straßenseite des Schillerbads im Jahr 1929  

Am 01.03.1956 wurde das Bad nach langwierigen Umbauten und Erneuerungen ein weiteres Mal eröffnet. Bei der Einweihungsfeier, der wieder viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, an den Arbeiten Beteiligte, städtische Vertreter und Mitglieder der Schwimmvereine beiwohnten, verlautete Ratsherr Seifert (Vorsitzender des Werksauschusses), dass das Bad auf einen neuzeitlichen Stand gebracht wurde. Die zehnmonatige Verspätung des Bauabschlusses erklärte man unter anderem mit den schlechten Verhältnissen auf dem Baumarkt. Zu den Neuerungen gehörten Wechselkabinen, die die Einzelkabinen ersetzten. Diese sorgen auch bei Hochbetrieb für einen flüssigen Ablauf. Die Gäste benutzen die Kabinen nur noch für das Umkleiden, die Kleidung wird außerhalb aufbewahrt, entweder auf Bügeln oder in Schränken. Die nächste Station des Besuchers ist die Dusche, in der neue Brausen und eine moderne Klimaanlage, die auch für die Entnebelung sorgt, verbaut wurden. Für Hochbetriebszeiten steht ein zusätzlicher Duschraum zur Verfügung. Auch die Schwimmhalle wurde mit einer neuen Klimaanlage ausgestattet, welche für die Beheizung und Belüftung sorgt. Auch eine Verschönerung wurde durch den heimischen Künstler Wilhelm Korth vorgenommen. Er verzierte die Eingangswand mit einem Sgraffito, welches passend zur Anlage „Rein sei draussen, rein sei drinn, rein die Rede, rein der Sinn“ lautete (Herkunft des Zitats ist unbekannt).

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 Das Schillerbad um 1960  

Ende der 50er Jahre wurde die Idee geäußert, im Souterrain der Schillerbads ein „Haus der offenen Tür für alte Leute“ zu eröffnen. Inspiration fand man in Remscheid, wo bereits eine solche Einrichtung existierte. Da man an keinem besseren Ort Platz dafür fand, nutzte man das bis dahin nicht ausgebaute Untergeschoss des Bades. Es bot den älteren Menschen in Lüdenscheid die Möglichkeit, sich zu treffen und Unterhaltung wie Essensangebote zu finden.

Bis 1981 bestand das Schillerbad weiter in diesem Zustand. Am 21.03.1981 wurde es dann geschlossen, ersetzt durch das Schwimmbad am Nattenberg und das Freizeitbad am Sternplatz. Gewürdigt wurde das fast 76 Jahre lang benutze Bad mit einer letzten schwimmsportlichen Veranstaltung, an der sich über 100 Mitglieder der Schwimmvereine beteiligten.

     Schillerbad Bild 5 Feb. 1982
   Seitenansicht des in die Jahre gekommenen Schillerbads, vor seinem Umbau zum Jugendzentrum

Lange blieb das Bad nicht ungenutzt, denn schon im Februar 1982 begannen die Arbeiten an der Umgestaltung zum Jugendzentrum. 400.000 Mark standen für den Umbau zur Verfügung und weitere 100.000 Mark für die anschließende Einrichtung. Der Eingangsbereich wurde zu einem kleineren Saal mit Jugend-Café umfunktioniert, an den sich zwei Gruppenräume anschlossen. Das Schwimmbecken der Schwimmhalle wurde durch einen Betonboden abgedeckt, wodurch ein vielseitig nutzbarer Saal entstand. Das Kellergeschoss wurde aus Kostengründen nicht renoviert und blieb verschlossen. Im Herbst desselben Jahres waren die Bauarbeiten abgeschlossen, und das neue zentral gelegene Jugendzentrum konnte eröffnet werden.

Nachdem am 31.12.1993 auch das Jugendzentrum geschlossen wurde, da die Stadt ein neues einrichtete, baute ein privater Käufer das Gebäude zur Gaststätte mit Hotel und Brauhaus um. Es ziert nun in einer Mischung aus ursprünglicher und moderner Architektur die Innenstadt Lüdenscheids. Die dem Rosengarten zugewandte Seite wurde durch einen großen Wintergarten erweitert, die hohe Schwimmhalle wurde mit einer Empore ausgestattet, die Fassade des ehemaligen Gebäudes rekonstruierte man. Daher kann man heute das ehemalige Aussehen noch gut erkennen.

Dieser Beitrag beruht auf Quellen aus dem Lüdenscheider Stadtarchiv. Ich spreche allen Beteiligten meinen herzlichsten Dank für ihre Hilfe aus.

(2019)