Autoren

Ercan Demirci und Süleyman Karatas
©2008
Von der Anwerbung zur Integration
Von "Gastarbeitern" zu Akademikern

Zu Beginn der 60’er Jahre migrierten nicht nur „Gastarbeiter“ aus verschiedenen Nationen, sondern auch Kulturen aus dem Herzen Anatoliens – fremde Sprachen und „Gastarbeiter“, die eigentlich nur für ein paar Jahre in Deutschland arbeiten wollten. Die 60’er Jahre waren die Zeit, wo jeder eine Arbeitsstelle bekam und sogar von zu wenigen Arbeitskräften die Rede war.

Viele Ausländer, hier als „Gastarbeiter“ bezeichnet, migrierten nach Deutschland. Darunter befanden sich türkische Staatsbürger, die auch hier im Siegerland ansässig wurden. Der größte Arbeitgeber im Siegerland waren die Stahlwerke. 90% der Türken wurden in den Stahlwerken beschäftigt. In den 60’er Jahren war die Stadt Hüttental noch nicht mit Siegen verbunden. Stahlwerkfabriken waren im Bereich der Stadt Hüttental und hier insbesondere in deren Stadtteil Geisweid angesiedelt. 1975 wurde Siegen als Großstadt anerkannt und Hüttental wie auch Geisweid wurden mit Siegen verbunden. Die türkischen „Gastarbeiter“ siedelten sich hauptsächlich im Stadtteil Geisweid an.

In ihren ersten Jahren mussten die „Gastarbeiter“ mit erheblichen Schwierigkeiten kämpfen. Sie beherrschten die deutsche Sprache nicht. Somit hatten sie Probleme, sich in die Gesellschaft einzugliedern. Nach einiger Zeit entwickelte sich das Bedürfnis, ihren religiösen Neigungen nachzugehen. Doch wie sollte man in einem Land seinen Bedürfnissen nachgehen, dessen Sprache man nicht beherrschte? Die türkischen Gastarbeiter hatten ursprünglich gar nicht geplant, in Deutschland zu bleiben: Dafür war die Sehnsucht nach ihrer Heimat zu groß. Aus eigener Kraft versuchten sie, Stätten für ihre Gebete zu finden. Sie beteten eine Zeitlang in den Kirchen oder gar in gemieteten Hallen. Im Laufe der 70´er Jahre stellte man fest, dass diese Übergangslösungen den Ansprüchen nicht mehr gerecht wurden. Man beabsichtigte nun auch nicht mehr, in die Heimat zurückzukehren, sogar die Familienmitglieder durften anreisen, ein Teil Heimat wurde mitgebracht. Der starke Wunsch, die Religion auszuüben, brachte Lösungsmöglichkeiten mit sich. Infolgedessen entschieden sich einige türkische Migranten, in Siegen-Geisweid eine der ersten zehn Moscheen in Deutschland zu eröffnen.

Die Gründung der Moscheegemeinde erfolgte am 31. Januar 1977 in einem Arbeiterheim. Jedoch musste eine Moschee an einem neutralen Ort errichtet werden. Aus diesem Anlass wurde am 26. Juli 1977 ein Gebäude an der Austraße in Siegen gemietet und als Moschee eröffnet. Diese Aktivität war ein bedeutendes Ereignis und brachte einen Umbruch in der Migrationsgeschichte: Die „Gastarbeiter“ wurden sesshaft.

Das Gebäude war in den ersten Jahren völlig ausreichend. Jedoch wurde die Gemeinde mit der Zeit größer. Als Konsequenz erkannten die Gemeindemitglieder, dass das Gebäude nicht mehr groß genug war. Die Gemeindemitglieder gingen einen Schritt voran und wollten ein Gebäude kaufen, um den Bedürfnissen nachgehen zu können.

Im März 1979 wurde das Gebäude einer verlassenen Holzfabrik in Geisweid aufgekauft. Das auch heute noch benutzte Gebäude wurde für 290.000 Mark gekauft und vollständig renoviert. Wichtig für die Käufer war es, dass sich die neue Moschee in Geisweid befand: Die türkischen Migranten wohnten zu der Zeit, wie auch heute noch, zumeist in Siegen-Geisweid.

Das erste Gebet wurde am 15. Dezember 1979 mit hunderten vonMuslimen vollbracht. Laut Angaben der Stadt Siegen leben heute ca. 5.500 türkische Bürger (darunter auch solche mit deutschen Pass) hier. Den Großteil der Gemeinde bilden die Rentner (80%). Davon sind die meisten auch Moschee-Gemeindemitglieder und unterstützen die Gemeinde mit monatlichen Beiträgen. Die Moschee hat derzeit ca. 350 Mitglieder, die sie finanziell, leidenschaftlich und ehrenamtlich unterstützen.

Die Gemeinde und ihr derzeitiger Vorsitzender Mustafa Koyuncu legen neben der kulturellen Bildung einen großen Wert auf die religiöse Bildung. Es wird für Erwachsene in der Woche drei bis vier Tage religiöser Unterricht gegeben. Kinder haben in der Siegener Selimiye-Moschee eine sehr große Bedeutung. Jedes Wochenende und jede Schulferien werden dazu genutzt, die Kinder zu unterrichten. Der türkische Begriff für den Unterricht, der geleistet wird, lautet Kuran Kursu. Zu verschiedenen Jahreszeiten werden auch spezielle Veranstaltungen und Wettbewerbe für die Kinder organisiert. Dies soll dazu beitragen, die Kinder zu motivieren und ihren Bildungstand zu testen. Die Moschee soll im Allgemeinen dazu dienen, die Kinder und auch die Erwachsenen um sich zu sammeln. Vor allem ist es wichtig, dass eine Prävention gegen die Kriminalität, die unter de Jugendlichen vorhanden ist, zu ermöglichen. Um dies gewährleisten zu können, versucht die Gemeinde, zahlreiche Aktivitäten zu entwickeln. Die Moschee gilt nicht nur für Muslime als ein soziales Handlungsfeld, sondern sie agiert auch als Vermittler in der Gesellschaft. Die Aktivitäten wie der Tag der Offenen Tür und ein Abendmahl für Nichtmuslime in der Fastenzeit werden veranstaltet.

Die Gründung der Moschee und deren Gemeinde entwickelte sich langsam und mit der Zeit, aber in stabilen Ansätzen. Es war ein sehr harter Weg, der sich nach Auffassung der Gemeindemitglieder gelohnt hat. Die ersten Schritte fingen also mit den religiösen Bedürfnissen der Migranten zu Begin der 60´er Jahre an. Aber sie haben vielleicht auch unbewusst für die derzeitige Generation vorgearbeitet. Die Gemeinde ist den Gründern zu Dank verpflichtet und jedem anderen, der auf dem langen Weg mitgeholfen hat.


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