Autorin

Carina Vogel
©2014


"Ich lache gern und war früher ein heißer Feger!"
Der lange Weg von Schwiebus (Schlesien) nach Siegen

Bei dem folgenden Beitrag handelt es sich um den Tatsachenbericht der Vertreibung meiner Familie aus Schlesien. Der Bericht beginnt während des Zweiten Weltkrieges und endet in der Nachkriegszeit. Aufgeschrieben hat ihn meine Großtante Bertha.

Meine Erinnerungen erzählen eine Geschichte voller Schicksalsschläge, von dem Weg von Schwiebus in Schlesien nach Siegen - und sie berichten davon, dass selbst in tiefster Nacht Sterne leuchten und von Hoffnung künden.
Ich heiße Bertha. Meinen ersten Atemzug tat ich am 29. Januar 1926 in Kuschten, Kreis Meseritz, das liegt im heutigen Polen. Ich bin die älteste, und meine drei Geschwister sind:

Helga 15. Oktober 1929 (Krankenhaus Oberwalde)
August 20. November 1931 (Krankenhaus Oberwalde)
Rosalie 27. Mai 1936 (Hausgeburt, Schwiebus).
Ich hatte eigentlich noch eine weitere Schwester gehabt: Sie starb 1927 im Bauch meiner Mutter Elise. Damals war es noch üblich, das tote Kind im Bauch zu zerstückeln und dann rauszuholen: Das war für meine Mutter nicht leicht. Bevor der Krieg ausbrach, arbeitete mein Vater Ludwig in Berlin als Elektriker in einem Sägewerk; meine Mutter führte den Haushalt. Als ich ca. vier Jahre alt war, erfüllte mein Vater sich seinen Traum vom eigenen Bauernhof. Der stand in Schwiebus, Kreis Meseritz. Der Hof lag außerhalb der Stadt auf einem Hügel und war zuvor ein Ausflugslokal mit dem verheißungsvollen Namen „Schöne Aussicht“.

Auf unserem Hof hatten wir Kühe, Pferde, Schweine, Enten, Kaninchen, Gänse, weite Felder und einen großen Obstgarten. Dadurch konnten wir uns selbst versorgen, denn unser eigenes Korn wurde in der Mühle gemahlen, aus unserem Raps machten wir Öl, und Fleisch hatten wir auch immer da. Zur Schule musste ich nach Schwiebus, das bedeutete für mich einen täglichen Fußmarsch von zwei Kilometern, im Winter war das besonders hart. Als der Krieg begann, waren bei uns zu Hause oft Feldjäger, wegen der benachbarten[?] Anhöhe; durch die hatten sie einen größeren Ausblick. Sie schenkten uns einen abgerichteten Bernhardiner. Er sorgte dafür, dass alle Soldaten, die zu uns kamen, erst ihre Stahlhelme und Gewehre ablegen mussten, bevor sie das Grundstück betraten. Außerdem zog er uns Kinder mit dem Schlitten durch den Schnee, wir hatten sehr viel Spaß dabei.
Meine Geschwister und ich hatten eine unbeschwerte schöne Jungend.
Der Krieg brach im Sommer 1939 mit dem Polenfeldzug aus. Ich ging noch bis 1940 in die Schule, danach absolvierte ich mein Pflichtjahr: Während des Pflichtjahres sollten junge Frauen und Mädchen auf ihre künftige Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet werden, außerdem sollten diese Frauen den Arbeitskräftemangel, der durch den Krieg entstand, auffangen. Ich absolvierte mein Pflichtjahr zu Hause und half in der Landwirtschaft, denn das machte mir Spaß. Mein Vater wurde im Zuge der Mobilmachung zur Luftwaffe nach Berlin eingezogen, denn das war ja nur 170 km entfernt. ‚Mobilmachung‘ bedeutete: sofort los! Er wurde Fahrer des Generals von Frommherz aus der Schweiz. Mein Vater fuhr den General unter anderem nach Kreta, Norwegen und Berlin (Friedrichstraße).

Das Attentat auf Hitler erfolgte am 20. Juli 1944 in Berlin. Ich kann mich sehr gut daran
erinnern, denn mein Vater fuhr am nächsten Tag mehrere Generäle nach Berlin. Er
wusste nicht, dass er die Generäle zur Hinrichtung fuhr. Vater erzählte, er habe sie zu einem
Waldstück gefahren; dort lud er dann die Generäle ab und holte noch andere
Personen. Später erfuhr man, dass alle erschossen wurden. Beck – von Haeften – hohe
Offiziere. Der große Stab um Hitler.

Ich erinnere mich auch noch an den Großangriff auf Berlin 1944, denn ich war Zeuge. Ich sollte Vater mit dem Zug Essen nach Berlin bringen. Damals dachte ich, das sei das schlimmste, was ich je erleben würde, aber ich hatte mich geirrt. Ich habe es noch knapp in den Bunker in der Friedrichsstraße geschafft. Am nächsten Tag bin ich zu Familie Koch gegangen, unsere Berliner Erntehelfer und von da bin ich zu meinem Vater in die Friedrichsstraße. Dort sah ich ihn das letzte Mal - zumindest dachte ich das lange Zeit.

Bis 1945 ging es uns dann ganz gut. Wir hatten genug zu essen und wir hatten nichts zu befürchten. Unsere „Reserve“ (das sind Pflichtleute, die uns auf dem Hof helfen mussten) hießen Alma und Kurt, sie kamen aus Polen. Bevor sie zu uns kamen, waren sie im Konzentrationslager Görlitz (fünf Kilometer von Schwiebus entfernt). Die beiden hatten Glück, dass sie zu uns kamen, denn nur so kamen sie aus dem Lager raus. Die beiden waren damals gerade mal ca. 23 Jahre alt. Sie hatten Glück, weil meine Mutter eine intelligente, starke Frau war, die sie wie ganz normale Menschen behandelt hat. Sie mussten zwar bei uns arbeiten, haben aber mit uns gegessen, gelacht und geweint. Sie waren für uns viel mehr Freunde als Zwangsarbeiter, und sie sahen das genauso. Noch heute stehen wir in freundschaftlichen Kontakt.

Die Russen standen drei Monate in Frankfurt/Oder und kamen zunächst nicht durch. Am 27. Januar 1945 marschierten sie dann doch bei uns ein. Zwei Tage vor meinem 19. Geburtstag kamen deutsche Soldaten der Luftwaffe zu uns und bauten bei uns auf dem Hof eine Abhöranlage auf. Das klappte gut, weil wir auf einer Anhöhe wohnten; die Soldaten lebten in Zelten neben unserem Hof, dadurch fühlten wir uns sicher. Das sollte aber nicht mehr lange so bleiben. In meiner Erinnerung lag damals der Schnee ca. zwei Meter hoch, es war ein harter Winter. An meinem 19. Geburtstag (29. Januar 1945) hatte meine Mutter mir einen Mohnkuchen gebacken. Am Nachmittag, bevor wir den Kuchen essen konnten, kam der Oberst der Luftwaffe zu uns und sagte meiner Mutter: „Macht, dass ihr rauskommt, der Russe ist schon in der Stadt.“ Er machte meiner Mutter den Vorschlag, mich und meine Geschwister mitzunehmen, er wollte uns in Sicherheit bringen. Aber wir glaubten alle, dass die Russen nur durchlaufen und dass wir dann wieder nach Hause können, deswegen sagte meine Mutter: „Ohne meine Kinder gehe ich nicht fort.“

Binnen einer Stunde packten wir unser Hab und Gut – unsere zwei Pferde und einen Kastenwagen, Essen, Kleidung, Papiere – alles. Wir hatten alle ganz dicke Bäuche, weil wir so viele Kleider übereinander trugen; dadurch sahen wir aus wie alte Mütterchen. So und nur so verließen wir unsere Heimat – unser Zuhause.

Wir gaben Alma und Kurt eines unserer Pferde und dann trennten sich unsere Wege. Alma wollte nach Hause zu ihrer Familie; Kurt liebte Alma und wollte bei ihr bleiben. Als wir uns Jahrzehnte später wieder sahen, sagten sie, dass sie es bis heute bereuen würden, sich von uns getrennt zu haben. Denn auf dem Weg nach Hause sind sie von ihren eigenen Landsleuten überfallen worden. Alma wurde brutal vergewaltigt und geschwängert und Kurt verlor ein Auge beim Versuch, ihr zu helfen. Kurt und Alma haben später geheiratet und eigene Kinder bekommen, aber auch das Kind, das aus der Vergewaltigung entstand, haben sie geliebt.

Als wir unser Zuhause verließen, verlangte meine Mutter, dass wir nicht zurückblicken sollten, denn wir mussten gehen, um unser Leben zu retten. Das Pferd brachte uns und unsere Sachen durch den hohen Schnee in das fünf Kilometer entfernte Rinnersdorf zu einem benachbarten Bauern; er nahm uns auf. Hier waren die Russen schon durchgekommen. Viele Männer sind erschossen worden. Die dort lebenden Menschen hatten alles abgeben müssen: Uhren, Schmuck, alle Wertgegenstände mussten abgegeben werden. Jeder, der polnische Knechte hatte, wurde erschossen. Sie nahmen nicht nur die Wertgegenstände, sie nahmen auch Kühe, Pferde. Und alle Frauen die sie fanden, wurden vergewaltigt.

Ein paar Tage später lief meine Mutter mit uns zurück nach Hause, um zu sehen, ob die Russen weitergezogen sind. Unser Pferd war leider auf dem Weg nach Rinnersdorf gestorben. Als wir ankamen, stand unser Zuhause in Flammen. Meine Mutter ging trotzdem ins Haus und holte noch heraus, was sie packen konnte. Dann haben wir mit unserer Mutter drei Tage lang in der Kälte auf einem Acker ausgeharrt; wir trauten uns nicht zurück auf den Bauernhof in Rinnersdorf, weil wir nicht wussten, ob die Russen den Hof in unserer Abwesenheit besetzt hatten. Sie hatten ihn besetzt! Als sie uns entdeckten, liefen wir weg, meine sechszehnjährige Schwester Helga bekam einen Streifschuss am Ohr ab und wir hatten Todesangst.

Dann liefen wir 30 km durch den hohen Schnee nach Liebenau; dafür brauchten wir 14 Tage. Als die Russen nach Liebenau kamen, vergewaltigten sie alle Frauen, Mädchen und Mütterchen. Danach mussten wir für sie Schützengräben ausheben und Toilettensachen zu Zügen tragen. Meine Mutter schminkte uns auf alt und zog uns so an, dass wir dick und hässlich aussahen, damit die Russen uns in Ruhe liessen. Wir lebten dort im Dreck und deswegen brach Typhus aus.
Meine Mutter war an der polnischen Grenze aufgewachsen und konnte polnisch sprechen. Im März 1945 erzählte ein Pole meiner Mutter, dass wir weggebracht würden, nach Russland. Meine Mutter ist noch in dieser Nacht mit uns geflohen. Zurück nach Rinnersdorf! Wir sind diesmal nicht alleine gelaufen, da waren noch andere. Als die Erntezeit anfing, mussten wir den Russen in Rinnersdorf helfen und das Land bestellen. Sie brauchten uns. Unser Glück war, dass unsere Mutter polnisch konnte, sie dolmetschte für die Russen, deswegen hatten wir genug zu essen und uns passierte so leicht nichts. Anderen dort ging es viel schlechter. Doch dann wurde eines Tages ein LKW am Ende des Dorfes abgestellt, ein Russe packte mich und warf mich hinein. Ich wurde mit einigen anderen jungen Frauen in ein großes Haus gebracht, das mit Stacheldraht eingezäunt war. Wir wussten, was mit uns passieren würde. Einer der Wachen war Pole; er fragte mich, ob ich die Paninka von Elise Rolinska wäre. Ich sagte ihm, dass das meine Mutter ist. Er brachte mich in den Garten, schnitt ein Loch in den Stacheldrahtzaun und ließ mich gehen. Ich glaube, der Pole, der mich gehen ließ, ist dafür ermordet worden, denn ich hatte kaum das Grundstück verlassen, als schon hinter mir her geschossen wurde. Ich schlug Haken wie ein Hase. Die Nacht verbrachte ich auf dem Friedhof. Ich hatte Angst, dass sie mich doch noch holen würden. Sie hätten mich vergewaltigt, nach Sibirien geschickt oder direkt erschossen. Als es hell wurde, bin ich zu meiner Mutter gelaufen; sie sorgte dafür, dass ich zum Melken eingeteilt wurde. Jetzt durfte ich bleiben. Immer wenn neue Russen ins Lager kamen, haben wir uns versteckt - zwischen den Kühen, auf dem Heuboden oder in der Scheune. Unser Bruder August hat aufgepasst, dass uns keiner findet; Jungen waren im Lager sicherer.

Im Sommer 1945 wurde der Himmel über Rinnersdorf feuerrot, und ein Pole kam zu uns und sagte: „In einer Stunde müsst ihr weg sein.“ Wir mussten wieder flüchten. Die Polen trieben alle raus, sie brüllten immer wieder: „Weg mit euch.“ Das ging so bis Frankfurt/Oder, ca. 70 km lang. Wir liefen bei Nacht und Nebel, in einem Treck. Wir heißt; ganz Rinnersdorf, zumindest die Menschen, die noch lebten. Am schlimmsten war, dass die Menschen, die nicht mehr konnten, und die Menschen, die ganz hinten liefen, einfach erschossen wurden, und das nur, um uns andere anzutreiben, schneller zu laufen. Meine Mutter band mir in einer Laufpause, alle Papiere um den Bauch; sie meinte, falls die Polen sie erschießen, sind die Sachen bei mir besser aufgehoben. Wir hatten nur noch uns, einen kleinen Handwagen und Holzpantoffeln an den Füßen. Bei diesem Marsch ging es ums nackte Überleben. Um unsere Verpflegung mussten wir uns selbst kümmern: Das, was wir dabei hatten, ging schnell zur Neige; wir haben dann Kartoffeln von den Feldern am Weg genommen und sie ins Feuer gelegt. So ging es immer weiter ca. zwei Wochen lang, bis Frankfurt/Oder. Die Polen, die uns getrieben hatten, machten kehrt und wir mussten weiter über eine große Flussbrücke. Viele konnten nicht mehr; ich sah, wie Kinder, Kinderwagen mit Babys, Bettzeug und Menschen in die Oder fielen und ertranken. Unser Handwagen mit unseren letzten Habseligkeiten - eigentlich nur wertlose Sachen, Fotos, Decken, halt Erinnerungsstücke - fiel auch in die Oder. Ich konnte meine Schwester Helga gerade noch packen, sie wollte hinterherspringen, um das letzte, was uns von unserem Zuhause geblieben war, zu retten. Wir gingen immer weiter, immer mit denselben Leuten, zumindest mit denen, die noch übrig waren. Wir sind bis nach Rhinow gelaufen, dort nahm uns ein Bauer auf. Hier haben wir zwei Jahre lang für Essen gearbeitet, aber nur meine Geschwister und ich bekamen zu essen - meine Mutter musste mit ihren Wertgegenständen bezahlen. Diese hatte sie schon lange vor der Flucht in ihre Anziehsachen eingenäht, genau wie Bargeld. Für die Wertgegenstände bekam meine Mutter ein bisschen Essen für sich und unsere Jüngste, Rosalie; sie war zu klein zum Arbeiten und deswegen wollte der Bauer ihr nichts zu essen geben. In der Zeit haben wir alle auf Stroh in einem Zimmer gelebt. Hier waren wir sicher und das wichtigste: Wir waren zusammen – aber was war mit unserem Vater?

1947 wurde ich krank: Tuberkulose. Meine Mutter schickte mich mit dem Zug nach Berlin; dort nahm mich eine Frau auf, die früher für uns gearbeitet hat. Ich kam in die Charité und wurde operiert, anschließend bekam ich Röntgentiefbestrahlung. Nach drei Wochen kam ich nach Eberswalde zu Bekannten. Bei ihnen kurierte ich meine Krankheit aus, dann kam ich wieder in die Charité nach Berlin zu einer weiteren Röntgentiefbestrahlung, und dann durfte ich endlich wieder nach Rhinow zu meiner Mutter und meinen Geschwistern.

In Rhinow bekamen wir dann Lebensmittelkarten, und wir mussten uns alle impfen lassen. Ohne Impfen keine Lebensmittel. Das Essen wurde zugeteilt. Lebensmittelkarten für meine Schwester Helga, meinen Bruder August und für mich, mehr bekamen wir nicht zum Überleben, aber wir haben das Essen mit unserer Mutter und Rosalie geteilt. Ein weiterer Schicksalsschlag war die Nachricht vom Roten Kreuz: Uns wurde gesagt, dass unser Vater in der Kriegsgefangenschaft gestorben ist. Unserem Vater wurde, wie wir später erfuhren, dasselbe über uns gesagt. Er war sehr verzweifelt.

Er lebte mittlerweile im schönen Siegerland und arbeitete bei den Stahlwerken. Dort unterhielt er sich mit einem Arbeitskollegen. Er sagte ihm seinen Namen: Ludwig Rolinska, und der Arbeitskollege fragte ihn, ob er mit Familie Rolinska aus Schwiebus verwandt sei. Mein Vater erklärte ihm, dass das seine Familie gewesen ist und dass sie alle am 27. Januar 1945 gestorben seien. Der Arbeitskollege von meinem Vater bestritt dies und sagte meinem Vater, dass er an diesem Tag dort war und dass er Frau Rolinska gesagt hatte, dass sie fliehen müsse und dass sie das auch getan hatte. Er war der Oberst, der meine Mutter an meinem 19. Geburtstag warnte! Daraufhin rief mein Vater alle Leute an, die er noch von früher kannte, und versuchte herauszufinden, wo wir waren. Irgendwann erreichte er jene Familie in Berlin[?], die sich um mich gekümmert hatte, als ich Tuberkulose hatte und die wiederum riefen uns in Rhinow an. Wir wussten nun, dass unser Vater lebt. Meine Mutter sagte nach dem Telefonat: „Wir gehen nach Siegen.“

Einreisen mussten wir durch das Lager Helmstedt. Ich durfte aber eigentlich nicht mit, wegen meiner Tuberkulose. Ich weiß bis heute nicht, wie es meine Mutter geschafft hat, aber ich durfte schließlich doch mitkommen, unter der Bedingung, mich in Siegen in ärztliche Behandlung zu begeben. Wir fuhren von Helmstedt mit dem Zug nach Siegen. Unser Vater holte uns am 15. Oktober 1947 vom Siegener Bahnhof ab. Es war der Geburtstag meiner Schwester Helga. Wir sahen uns alle das erste Mal nach fast vier Jahren wieder. Vom Bahnhof gingen wir, endlich wieder vereint, zu Fuß über die Sieg zu unserem neuen Zuhause, einer Baracke. Heute steht dort die Siegerlandhalle. Unsere Baracke bestand aus einem Zimmer mit Kochnische, Kanonenofen und vier Metallbetten, zwei für unsere Eltern und zwei für uns vier Kinder.

Vor unserer Baracke gingen Leute vorbei, sie riefen: „Raus mit euch – ihr gehört hier nicht her“. Dann pinkelten sie unsere Baracke an. Manchmal warfen sie Steine gegen unsere Fenster und machten sie kaputt. Im Großen und Ganzen behandelten uns die meisten Siegerländer wie Abschaum.

Was war nun besser?
Der Krieg?
Oder die jetzige Verachtung?

Wir hatten uns das alles nicht ausgesucht. Wir sind auch keine Flüchtlinge. Denn wir sind nicht aus unserer Heimat geflohen, wir sind vertrieben worden, und wenn wir geblieben wären, dann wären wir getötet worden[?]. Auch so sind wir auf eine gewisse Art gestorben, denn wir haben alles bis auf unser Leben verloren - unsere Heimat, unser Zuhause, unsere Freunde und unsere Lebensgrundlage – alles wurde uns genommen. Aber das verstanden die Einheimischen in Siegen nicht, denn für sie waren wir nur Abschaum.

1998 fuhr ich mit meinen Geschwistern mit einem Wohnmobil zurück in unsere Heimat. Wir wollten noch einmal alles sehen. Auf unserem Grundstück ist heute eine Pelzfarm, aber unser Fliederbusch, der steht noch. Dort erzählte man uns, dass uns Alma und Kurt schon seit Jahren suchen, sie würden fast jedes Jahr kommen und fragen, ob wir hier gewesen wären. Wir fuhren sofort nach Polen/Sugolov in der Nähe von Warschau. Das war ein tolles und auch trauriges Wiedersehen. Noch heute bekomme ich Post, allerdings in Polnisch, aber das macht nichts, es findet sich immer ein Übersetzter.

Jetzt, 2013, bin ich die letzte, die übrig geblieben ist von unserer Familie.
Mein Vater Ludwig starb 1961 an einem schweren Schlaganfall.
Meine Mutter Elise starb 1981 ebenfalls an einem schweren Schlaganfall.
Mein Bruder August starb 2003 an Bauchspeicheldrüsenkrebs.
Meine Schwester Helga starb 2005 an Organversagen.
Meine Schwester Rosalie starb 2010 ebenfalls an Organversagen.

„Mein Leben lang habe ich nach vorne gesehen und sehen müssen.
Ich nehme mir auch viel zu Herzen – aber dann geht es wieder.
Ich lache gern und war früher ein heißer Feger.“



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