Autorin

Betül Macit
©2012

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Louis Rosenberg: Befreiung mit Wartezeit


Im Jahre 1945 endete mit der Kapitulation Japans der Zweiten Weltkrieg. Die Folgen des Krieges waren für alle Beteiligten verheerend. Die alliierten Besatzungsmächte befreiten zu nächst einmal alle inhaftierten Überlebenden aus den Konzentrationslagern in Deutschland. Unter den Befreiten befand sich auch Louis Rosenberg, der nach Theresienstadt deportiert war. Ungefähr drei Jahre nach seiner Verschleppung aus Siegen war Louis wieder frei. Bis er in der Unterkunft für Displaced Persons interniert wurde, blieb er in Theresienstadt, welches jedoch nicht mehr unter der Leitung des Nazi-Regimes stand. Die Unterkunft befand sich im Landkreis Deggendorf in Bayern. Das Quartier für Displaced Persons wurde von den alliierten Mächten errichtet, um KZ-Häftlinge, die sich kriegsbedingt außerhalb ihres Heimatorts befanden und nicht aus eigener Kraft zurückkehren konnten neu anzusiedeln. Bis zum 13. August 1947 musste Louis im Quartier bleiben, bis die Englische Besatzung ihm die Erlaubnis zur Übersiedlung nach Israel zu seinem Sohn Willy gab.

Während seines Aufenthaltes in Deggendorf, hielt er den brieflichen Kontakt zu seiner Familie immer aufrecht, soweit dieser nicht von äußeren Faktoren verhindert wurde. Viele Briefe von seinen Geschwistern, Kindern und Freunden sind erhalten geblieben. Im Folgenden werden einige Ausschnitte aus den überlieferten Briefen von Louis gebracht. Sie sollen ansatzweise die damalige Situation in der sich die Familie befand widerspiegeln. Der historische Werdegang von Louis soll verfolgt und besser verstanden werden. Es ist weit mehr erhalten geblieben als die vorliegenden Briefausschnitte. Ungefähr 70 Antwortbriefe sind noch vorhanden jedoch sollen die folgenden Ausschnitte aus unterschiedlichen Briefen als Beispiele dienen. Es sind keine Briefe seitens Louis verfügbar, außer einer Postkarte aus Theresienstadt für seine Bekannte Frau Marta Nies aus dem Jahre 1944. Louis Gefühle, Gedanken oder Wünsche, die er in seinen Briefen verfasst haben mag, bleiben unbekannt. Da nur ein Teil der Briefe vorhanden sind, ist es schwer sie in bestimmte Kategorien einzuordnen. In allen Briefen werden die zugeschickten Päckchen mit ihren Inhalten sowie das baldige Wiedersehen mit der gesamten Familie in Jerusalem erwähnt.

Louis Sohn Willy, der sich in Israel aufhielt, schrieb folgende Zeilen:

,,Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was es bedeutetet, nach so langen Jahren zwischen hoffen und bangen wieder diese Anschrift zu schreiben mit der guten Gewissheit, dass Dich dieser Brief auch erreicht. Es dauert ja so lange, bis wir durch eine Zeitung, welche die Namen der ja so wenigen überlebenden Juden verbreitet, erfuhren, dass Du lieber Vater, am leben bist. Wie geht es Dir jetzt? Wie ist Deine Gesundheit? Wir sehnen uns ja so sehr nach Dir, ach wenn Du doch schon bei uns sein könntest." (Sohn Willy schrieb am 21.08.1945 aus Ayelet Hashahar in Israel)

Diese wenigen Zeilen können nur begrenzt einen Eindruck von der Situation vermitteln, in welcher sich die Familienmitglieder befanden. Die Unsicherheit durch die vorherrschende Situation in Deutschland war auf beiden Seiten groß. In vielen Briefen wurden immer wieder die Pakete, die an Louis geschickt wurden, präzise in der Hoffnung, dass er sie wirklich bekommen möge:

,,Als Deine Karte kam, haben wir sofort noch ein Paket fertig gemacht, und zwar sandten wir 2 Garnituren warme Unterwäsche, 2 Paar Strümpfe, etwas Zigarren, 40 Stück, und 2 Päckchen Zigaretten sowie 1 Tafel Schokolade." (Bruder Sally schrieb am 13.01.1946 aus Middle Village, L. I.)

Die Aufhebung der Schranken des Luftpostverkehrs durch die Alliierten Besatzungen am 8. Mai 1945 in Deutschland, ermöglichte vielen Verwandten in Palästina und in Amerika Briefe und Pakete an Louis zu verschicken. Die Briefe, die Louis und seine Familie miteinander wechselten, handelten oft von der geplanten Überfahrt Louis` zu seinem Sohn.

,,Nun zu wissen, dass Du es dort gut hast und sicher gut aufgehoben bist, bis Deine Befreiung hier zu uns kommt, welches doch hoffentlich recht bald kommen wird. Es ist traurig, dass man (auf) die Menschen, welche dort hier zu ihren Kindern gleich können, noch keine Rücksicht nimmt." (Schwester Emma am 3.03.1946 aus Kiryath Bialik in Israel)

Die Unterstützung durch die Angehörigen Louis war enorm. Seelische Unterstützung wurde in den Briefen geleistet. Entweder wurden neue Familienmitglieder vorgestellt oder von Familienfeiern berichtet. Außerdem sollten die zugeschickten Pakete an Louis, sein Leben in materieller Hinsicht erleichtern. Aber auch Louis bemühte sich sein altes Leben wiederherzustellen. Um das Lager für Displaced Persons zu verlassen, schrieb er am 20. Januar 1946 aus Deggendorf das Bürgermeisteramt Hamm a.d. Sieg an und bat um seine Geburtsurkunde, die er auch zugesandt bekam. Erst in dem Brief von Sally, den er am 17. April 1947 an Louis schrieb, wird die Einreiseerlaubnis von seinem Bruder zum ersten Mal erwähnt:

,,Gleichzeitig mit dem Eintreffen von den Lieben brachten uns diese die beglückende Nachricht, dass Du Deine Einreiseerlaubnis nach Palästina hast, was Dir ja inzwischen bekannt geworden ist. Wie wir alle darüber beglückt sind, kann ich Dir gar nicht in Worten schildern."

Auch weiter Briefe mit Glückwünschen über die Reise nach Palästina, erreichten Louis:

,,Lieber Onkel, Louis!
Mit großer Freude haben wir von Deiner bevorstehenden Einreise gelesen und Tante Emma hat uns so viele Angenehmes von Deinen Kindern, Enkeln und dem Leben im Kibbuz geschildert, dass Du mit Freude Deinem neuen Leben entgegensehen kannst, und mit herzbesten Wünschen für Gesundheit und langes Leben im Kreis Deiner Familie verbleibe ich mit vielen Grüßen an Willy und Familie." (Gretel, Nichte von Louis, keine weiteren Angaben)

,,Wir lassen uns so viel schönes erzählen von dem heiligen Lande und besonders Willy und seiner Frau und Enkelkindern, dass wir im Geiste mit Dir reisen. Hoffentlich wirst Du bald Reisegelegenheit und (?) Schiffplatz bekommen, und so war also Deine Hoffnung und Mut kein Trugbild. (Franziska, Schwester von Louis , keine weiteren Angaben)

Die endgültige Überfahrt erfolgte mit der Erlaubnis der Engländer im August des Jahres 1947 nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Alter von 72 Jahren konnte Louis, seine Familie in Ajetleth Haschachar (Palästina) wiedersehen. Dort erwarteten ihn vor allem sein Sohn Willy mit seiner Ehefrau Nursia Talisnik und seine Enkelsöhne. Er erhielt auch von seinen nächsten Verwandten Briefe und Pakete, obwohl es ihm bei seinem Sohn gut erging. Sally schrieb in seinem Briefe aus dem Jahre 1950:

,,Meine Lieben!
Die Bilder haben mich sehr erfreut, ich sandte diese Franziska ein. Du, lieber Louis, siehst wieder wie früher aus, "

Louis Rosenberg kehrte wieder in sein altes Leben zurück. Jedoch konnten die physischen und seelischen Wunden weder im heiligen Land noch im Beisein der Familie sofort geheilt werden. Nach nur drei Jahren nach den Briefen von Sally starb Louis Rosenberg am 4. Februar 1953 im Schlaf.


***

Die Familiengeschichte der Rosenbergs ist eine von vielen Beispielen für den Zusammenhalt und Lebenswillen, der in der jüdischen Bevölkerung während des 3. Reich oft vorzufinden war. Mit der Unterstützung seiner Familie schaffte Louis Rosenberg zu seiner Familie, in sein Heimatland zurückzukehren. Nach dem Louis Rosenberg in Theresienstadt überlebte und nach Palästina kam, verblieb er die restliche Zeit mit seiner Familie.

Zur Erinnerung an Louis Rosenberg wurde am 17. April 2010 in der Sandstraße 167, die zuvor Adolf-Hitler Straße 83 hieß, ein Stolperstein verlegt. Der Stein wurde von Paul Breuer gespendet.

Die Enkelsöhne von Louis, Willys Söhne Rami und Yitzchak leben heute gemeinsam mit ihren Familien in Dänemark. Der jüngste Enkelsohn Elizer lernt im Jahre 1979 , die dänische Pia Tvilum die als Volontärin kam, kennen. Kurze Zeit später heirateten sie und zogen gemeinsam mit ihren beiden Töchtern nach Dänemark. Beide wollten ein neues Leben beginnen und entschieden sich, in die Stadt zu ziehen. Elizer integrierte sich in die dänische Gesellschaft und begann seine Arbeit als Lagerist in einer Firma. Die Möglichkeit, zur Rückkehr bestand immer noch, jedoch blieben sie und leben nun seit 23 Jahren in ihrer neuen Heimat Fredericia. In Dänemark leben ca. 7000 Juden. Eine jüdische Gemeinde in Fredericia gibt es nicht. Es existiert lediglich ein alter jüdischer Friedhof, der von der damaligen jüdischen Gemeinde zwischen 1675-1902 errichtet wurde.

In den Jahren 2007 und 2008 besuchte das Ehepaar Rosenberg in Begleitung des Betzdorfer Geschichtsvereins sowie dem Vorsitzenden des Aktiven Museums Südwestfalen, Klaus Dietermann, Betzdorf und Siegen. Sie kamen in den Heimatort ihrer Vorfahren zurück, um ihrer zu gedenken. Unter anderem wurde das ehemalige Konfektionsgeschäft des Großvaters Louis (Betzdorf), das gemeinsam mit der Großmutter betrieben wurde, sowie die Gedenktafel (Siegen) für die verstorbenen Juden besichtigt. Das Ehepaar verewigte sich im Goldenen Buch der Betzdorfer Gemeinde.


Frau Traute Fries, freiwillige Mitarbeiterin des Aktiven Museums Südwestfalen, ist es zu verdanken, dass dieser Artikel entstehen konnte. Durch ihr Engagement sind wertvolle persönliche Briefe in unserer Hände gelangt, die nicht nur für uns und unsere Arbeit von Bedeutung sein sollten, sondern auch für die Bürger dieser Region. Es ist wichtig, an die schrecklichen Taten des Nazi-Regimes zu erinnern. Doch von besonders großer Wichtigkeit ist es, der Menschen zu gedenken, die unter dem Regime gelitten haben. Genau dafür setzt sich Frau Fries ein, und deshalb möchten wir uns hiermit noch einmal herzlich bedanken.




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