Autorin

Frau Krüger
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Folgen des Nationalsozialismus für Siegener Juden: Familie Rosenberg



Der Nationalsozialismus forderte Millionen von Opfern. Allein unter der jüdischen Bevölkerung wird die Opferzahl heute auf etwa 6 Millionen geschätzt (gesicherte Zahlen existieren nicht). Mehr als alles andere stehen hier die Konzentrationslager für das Symbol des vom nationalsozialistischen Regime durchgeführten Massenmordes an zahlreichen Bevölkerungsgruppen. Zu den wenigen überlebenden KZ-Häftlingen zählt auch Louis Rosenberg, mit dem sich der folgende Artikel beschäftigen wird. Er wurde 1942 von Siegen aus zusammen mit seinem Bruder Julius und dessen Frau Paula nach Theresienstadt deportiert und im Mai 1945 befreit. Damit zählt er zu den rund 16.800 Menschen, die das Lager überlebten. Insgesamt durchliefen zwischen 1941 und 1945 mehr als 160.000 Personen dieses "Sammel- und Durchgangslager". Alleine nach Auschwitz wurden mehr als 80.000 von ihnen deportiert. Zahlreiche andere wurden nach Riga oder Treblinka deportiert und dort ermordet.
Nach der Befreiung Theresienstadts und anderer Lager am 09.05.1945 stellte sich zunächst die Frage, was mit den Überlebenden geschehen sollte. Da viele nicht sofort - wie sie es wollten - aus Deutschland (in ihre Heimatländer) ausreisen konnten, kamen sie in sogenannte "Displaced Persons-Lager". Dies galt auch für Louis Rosenberg, der von 1945 bis 1947 in einem DP-Lager in Deggendorf (Bayern) lebte. Aus diesem Zeitraum sind über 50 Briefe erhalten, die Freunde und Familie an Louis schickten. Leider existieren keine Antwortbriefe mehr von Louis selbst. Dennoch verrät auch diese einseitige Hinterlassenschaft viel über die Familie und alle Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatte. Über den Umgang mit persönlichen Verlusten, bis hin zu Problemen mit der Ausreise aus Deutschland, politischen Entwicklungen in Deutschland und im Ausland usw. lässt sich so ein Familienporträt rekonstruieren. Natürlich handelt es sich um einen Einzelfall, dennoch steht die Familie Rosenberg mit ihren Erfahrungen und allem, was sie während der Zeit des Nationalsozialismus erlebt hat, sicher stellvertretend für zahlreiche andere Familien. Die Briefe, die im folgenden besprochen werden sollen, helfen damit letztlich nicht nur eine Familiengeschichte zu beleuchten. Sie stehen vielmehr für ganze Generationen, die ähnliche Schicksale erfahren haben und bieten dabei einen sehr intimen Einblick in das Leben eines Überlebenden und seiner Familie.
Natürlich erhebt der nachfolgende Text keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es wurden lediglich einzelne Textstellen aus den Briefen ausgewählt, die (aus Sicht der Autorin) ein Gefühl für die Zeit vermitteln. Die Rechtschreibung der Zitate folgt dabei den vorliegenden Abschriften der Originale.

Zu Beginn der Korrespondenz überwiegt die Freude, ein Familienmitglied am Leben zu wissen. So schreibt beispielsweise Louis' Sohn Willy am 21.08.1945 an seinen Vater: "Du kannst dir gar nicht vorstellen, was es bedeutet, nach so langen Jahren zwischen hoffen und bangen wieder diese Anschrift zu schreiben mit der guten Gewissheit, dass dich dieser Brief auch erreicht. Es dauerte ja so lange, bis wir durch eine Zeitung, welche die Namen der ja so wenigen überlebenden Juden verbreitet, erfuhren, dass Du, lieber Vater, am leben bist." Die Aussagen von Louis' Geschwistern, die ihm ebenfalls zwischen Ende August und Anfang September das erste Mal schreiben, sind ähnlich. So schreibt sein Bruder Sally in seinem ersten Brief: "Unser Glück und unsere Freude, Dich, mein lieber Louis, wiedergefunden zu haben, ist unbeschreiblich." Die Bedeutung dieser Sätze wird umso klarer, wenn man sich vor Augen führt, dass zahlreiche Familien in Sorge lebten, ob sie ihre verschleppten Familienmitglieder noch einmal wiedersehen würden. Auch Familie Rosenberg wartet auf Nachricht von Angehörigen, in diesem Fall von Julius (Bruder von Louis) und seiner Frau Paula Rosenberg. Das Ehepaar wurde zusammen mit Louis am 27.07.1942 nach Theresienstadt deportiert und im September im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Der Umstand, dass die Familie zunächst noch davon ausgeht, dass auch Julius und seine Frau gerettet sind, geht aus einem Brief von Sally vom 21.10.1945 hervor, in dem er schreibt: "Wir ersahen deinen Namen bereits vor ca. 6 Wochen im Aufbau und auch den Namen unseres lieben Julius, von dem wir allerdings noch weiter kein Lebenszeichen von erhielten." Deutlich wird an dieser Stelle insbesondere, welche Missverständnisse in der ersten Zeit nach Ende des Krieges entstanden. Sally Rosenberg schreibt Louis zwar in späteren Briefen, dass man nun doch davon ausgehen müsse, dass ihr Bruder tot sei; zunächst fragt er seinen Bruder aber immer wieder, ob der etwas von ihrem Bruder gehört hat. So zum Beispiel in einem Brief vom 13.01.1946, in dem es heißt: "Und sind wir gespannt auf deine Berichte, und was du vom lieben Julius und lieber Paula weißt, so viel wir wissen, seid ihr doch zusammen von Siegen aus deportiert worden?" Louis' Schwester Franziska hingegen erkennt bereits im Februar desselben Jahres, dass Julius und Paula wohl umgekommen sind, wenn sie schreibt: "Wie traurig wir sind, von Julius und Paula nichts mehr zu erfahren, kannst Du dir denken, der liebe Sally will immer noch nicht die Hoffnung aufgeben, dass ssie noch unter den Lebenden weilen, aber wir sowie Alice und Kurt (Julius Tochter und ihr Ehemann) haben uns damit abgefunden, dass sie den Mörder(n) ausgeliefert wurden." Ende Februar scheint auch Sally einzusehen, dass er seinen Bruder Julius nicht wiedersehen wird, wenn er in Anspielung auf die Namensliste der Überlebenden, auf der er ihn gefunden hatte, bemerkt: "Vom lieben Julius haben wir nichts mehr gehört, vielleicht war es ein anderer Julius Rosenberg?"
Neben Fragen nach Julius tritt die Familie Rosenberg, aber auch Bekannte, die Louis schreiben, immer wieder mit der Bitte an ihn heran, Auskunft über den Verbleib von anderen Familienmitgliedern oder Freunden und Bekannten zu geben, von denen man weiß, dass sie zusammen mit Louis in Theresienstadt waren. Insgesamt macht die Suche nach Angehörigen, aber auch Mitteilungen über einerseits gerettete- aber andererseits auch ermordete Familienangehörige und Freunde, verständlicherweise einen großen Teil der Briefe aus. Besonders Sally versucht immer wieder, etwas über verschleppte Bekannte aus Deutschland und aus dem Siegener Umfeld zu erfahren. So fragt er Louis am 13.01.1946: "Ist dir etwas bekannt über Emma Sonnenberg oder irgend sonst jemand aus unserem Bekanntenkreis, man könnte doch eventuell den sorgenvollen Leuten Auskünfte von hier aus zukommen lassen, so schrieb mir Willy David und Karl David aus Hamm, jetzt Kansas City, ob ich etwas über Heinrich David erfahren könnte." Besonders bei Familienmitgliedern, die in Theresienstadt starben, bittet Sally Louis um genauere Informationen. So fragt er ihn am 09.06.1946: "Woran und wie ist (sind) Onkel Nathan und Tante Käthchen in Theresienstadt gestorben, sicher an des entsetzlichen Hungers und Entbehrungen, lasse uns dieses bitte wissen." In demselben Brief berichtet Sally seinem Bruder schließlich noch von Bekannten, die umkamen bzw. die überlebt haben. "Die ganzen Scheidter (Ortsteil von Hamm an der Sieg) scheinen umgekommen zu sein, nicht ein einziger von der ganzen Familie scheint gerettet zu sein. Albert von Flammersfeld sein Arthur soll gerettet in Köln sein." Auch Emma Rosenberg schreibt ihrem Bruder am 03.03.1946: "Wie weh tut mir unserer armer Bruder Julius und Paula, dann Albert und Adele sowie Ida, die ganzen Hammer, Altenkirchener, Hachenburger, Frank (aus) Weidenau, sind alle nicht mehr am leben, auch Herz (aus) Betzdorf, es ist traurig, wie es zugegangen ist." Ob und wie Louis auf die einzelnen Informationen reagiert ist aus den Briefen der Geschwister an ihn leider nur selten zu ersehen.

Auch die Rückgewinnung familiären Vermögens und der Umgang mit den Personen, die für den finanziellen- und besonders für die menschlichen Verluste verantwortlich zu machen sind, ist besonders für Sally Rosenberg von großer Bedeutung. Schon am 24.02.1946 bittet er Louis um Mithilfe und schreibt ihm: "Wie stand es mit dem Vermögen von Julius in Siegen, das unter Druck verkaufte Haus muss zurückgegeben werden, selbst das Haus in Kirchen, das doch zur Hälfte des Wertes verkauft wurde und die großen Außenstände die beschlagnahmt wurden und mein Vermögen war. Was für Geld hatte Julius in Siegen noch auf der Bank und auf welcher? Alice mit Mann und Kind in Baltimore Med. beanspruchen rechtmäßig alles, kannst Du Aufklärung geben?" Auch Julius' Tochter Alice schreibt an Louis mit der Bitte: "Lieber Onkel, stehst du eigentlich mit irgendeinem Siegener in Korrespondenz? Könntest Du für mich in Erfahrung bringen, ob die Commerz- oder Privatbank noch existiert, das heißt, ob sie nicht zerbombt ist. Ich muss mich doch mal über unseres lieben seligen Vaters Bankkonto erkundigen. Ob man davon jemals etwas sehen wird - wer weiß, aber versuchen werden wir es." In einem Brief vom 22.09.1946 schreibt Sally weiterhin, dass er sich für die Bestrafung eines Bildhauers einsetzen will, der die Grabsteine der Eltern in seinem Besitz haben soll: "Mit Hamm an der Sieg dem Bürgermeisteramt stehen wir in Verbindung, und haben wir gegen die Brandstifter und Grabschänder Strafantrag gestellt. [...] Bitte lasse mich sofort nach Erhalt [des Briefs] den Namen von dem Bildhauer in Rosbach wissen, der die Grabsteine im Besitz hat, damit man diesen Banditen festsetzen lässt." Im November 1946 schreibt Sally Louis noch einmal zu den gestohlenen Grabsteinen und empört sich: "Der Lump Klüser hat noch 12 Grabsteine von unserem Friedhof in seinem Besitz, darunter auch die Grabsteine unserer seligen Eltern, so ein Verbrecher, wie können Menschen so schlecht und minderwertig werden und sich des blöden Mammons wegen zum Grabschänder und Dieb entwickeln. Zur gleichen Zeit geht ein Bericht an das Bürgermeisteramt Hamm, wir verlangen Sicherstellung der Grabsteine und Verhaftung des Klüser."
Insbesondere Sally ist es hier auch, der Louis über den weiteren Verbleib von Nationalsozialisten aus dem Siegener Umkreis informiert. Am 03.09.1946 schreibt er ihm: "Landmesser Volk sitzt in Freiendiez im Gefängnis, ferner Elster, Frau Eubell, Rechtsanwalt Flores, Dr. Well, der stramme SS-Mann hat sich mit seiner Familie vergiftet."

Einen weiteren großen Themenkomplex der Briefe bildet auch die Verpflegung in Deggendorf. Immer wieder fordert die Familie ihn auf, etwas über die Verpflegungssituation mitzuteilen und Wünsche bezüglich Nahrung, Kleidung o.ä. zu äußern. Besonders Sally scheint sehr um das Wohl seines Bruders besorgt zu sein, und schickt ihm, sobald er die erste Karte von Louis erhalten hat, ein Paket nach Deggendorf. Er schreibt am 13, Januar 1946 an Louis: "Bitte lasse uns sofort wissen, was Du am nötigsten gebrauchen kannst, jetzt können wir Dir, nachdem wir Deine Karte hatten, jede Woche ein 5 Pfund Paket senden, was leider sehr wenig ist, 5 Pfund amerikanisches Gewicht sind 4 ½ Pfund nach deutscher Berechnung, ein amerikanisches Pfund sind 450 Gramm." Über den Inhalt des Pakets schreibt er: "Und zwar sandten wir 2 Garnituren warme Unterwäsche, 2 Paar Strümpfe, etwas Zigarren, 40 Stück, und 2 Päckchen Zigaretten sowie 1 Tafel Schokolade." Bis Ende Dezember 1946 gehen durch die Familie insgesamt 25 Pakete an Louis ab, von denen allerdings bei weitem nicht alle in Deggendorf ankommen. Besonders Sally ärgert sich über diese Situation und schreibt am 17.07.1946 an Louis: "Empört bin ich, dass von 9 Paketen seit Januar bloß 2 in Deinem Besitz sind, die letzten 3 Pakete waren 11 amerikanische Pfund. Das die Pakete nur in Deutschland gestohlen werden, ist mir klar, denn von hier aus gehen diese korrekt und pünktlich weg, zudem sind die vielen Pakete, die wir an hungernde arme Menschen nach Frankreich, Holland und England sandten, alle pünktlich und unversehrt an die Empfänger gelangt. [...] Ich werde einen Bericht an die UNRRA machen, damit eine Untersuchung dieses Missstandes eingeleitet wird." Tatsächlich gelangen bis Ende 1946 - soweit aus den Briefen zu ersehen ist - nur etwa die Hälfte der gesendeten Pakete in Louis' Hände. Infolgedessen wachsen auch Sallys Bedenken, weitere Päckchen nach Deutschland zu schicken. Dies hängt zum Einen damit zusammen, dass ihm der Gedanke zuwider ist, dass Menschen, die bereits alles verloren haben, noch zusätzlich bestohlen werden. Zum Anderen ist er gerade bei gut erhaltenen Kleidungsstücken o.ä., die an Louis gehen sollen, besorgt, dass sie in die falschen Hände geraten und ist sich daher oft unsicher, ob er sie verschicken soll. So schreibt er beispielsweise am 22.09.1946: "Wir sind froh, dass Du mal wieder ein Paket erhalten hast, inzwischen (sind), hoffe (ich), mehr Pakete in Deinem Besitz und besonders das Paket mit den neuen braunen Halbschuhen, ich würde es riesig bedauern, wenn dieses Paket nicht ankäme, es sind prima beste Schuhe, jedoch sandte ich noch nicht die eleganten schwarzen Schuhe, die ich Dir für Palästina aufbewahren möchte, aber bitte trage die in Deinem Besitz befindlciehn braunen hohen Schuhe, wenn du nach Palästina kommst, wirst Du von mir neue andere Schuhe bekommen [...]." Zudem sind durch die immer wieder streikende Schifffahrt in den USA einige Lebensmittel oft nur schwer oder gar nicht zu bekommen.

Einen weiteren, im obigen Abschnitt bereits angedeuteten Themenbereich, bildet die politische und wirtschaftliche Lage sowohl in Deutschland, als auch in den Ländern, aus denen Familie Rosenberg an Louis schreibt. Oft scheinbar nur beiläufig angesprochen, ist aus den Briefen einiges über die Schwierigkeiten, die in den jeweiligen Ländern existierten-, aber auch über neue Entwicklungen abzulesen. So erfährt man beispielsweise besonders in Sallys Briefen, wenn auch nur am Rande, etwas über den Tätigkeitsbereich der United Nations Relief and Rehabilitation Administration, kurz UNRRA. Die Hilfsorganisation wurde 1943 von den USA, der Sowjetunion, Großbritanien und China ins Leben gerufen. Eine wichtige Aufgabe der UNRRA war die Versorgung der "Displaced Persons" (Menschen, die sich kriegsbedingt nicht in ihrem Heimatland befinden und Hilfe bei der Rückkehr benötigen) und damit verbunden die Betreuung der zahlreichen DP-Lager, wie zum Beispiel Deggendorf (es existierte bis 1949 und hatte zeitweise bis zu 2000 Bewohner). Neben der Versorgung mit Lebensmitteln erstreckte sich der Bereich der Versorgung auf die Beschaffung von Medikamenten, bis hin zur Seuchenprävention. Ebenso fiel die Repatriierung von Menschen in ihre Heimatländer in den Aufgabenbereich der UNRRA. Die Organisation unterstand den Supreme Headquarters Allied Expeditionary Forces (SHAEF), dem Oberkommando der Alliierten Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg, war allerdings anderen nichtmilitärischen Hilfsorganisationen (z.B. DRK) gegenüber weisungsberechtigt. Für jedes DP-Lager war ein mehrköpfiges UNRRA-Team verantwortlich, das sich neben dem bereits erwähnten Punkt der Verpflegung unter anderem um unterschiedliche Bereiche der Verwaltung kümmerte. Ab November 1945 nahmen die UNRRA-Teams ihre Tätigkeit in der amerikanischen Besatzungszone auf - alleine hier existierten knapp 30 Lager, die teilweise bis zu über 7000 Personen beherbergten - , die Verwaltung der DP-Lager in der britischen Besatzungszone folgte erst im März 1947.
Zudem erfährt man, wiederum durch Sallys Briefe, einiges über das Leben und die gesellschaftliche bzw. politische Situation in den USA. So schreibt er beispielsweise am 09.06.1946 über seinen Neffen Otto Moses: "Gestern war ich das erste Mal seit seiner Verheiratung bei Otto in der Wohnung, es ist seine frühere Junggesellenwohnung, durch die furchtbare Wohnungsnot hier konnte er keine andere Wohnung bekommen und (ist) glücklich, schon dieses kleine Heim zu haben." Auch Louis' Nichte Alice Pese äußert sich im Oktober desselben Jahres zur bestehenden Wohnungsnot in Amerika: "Wie du aus der Adresse ersiehst, sind wir Ende August umgezogen. Das ist hier auch nicht einfach, und wir hatten das Glück, eine schöne Wohnung zu bekommen, und warten wir schon seit mehr als 3 Jahren darauf." In einem Brief vom 19.10.1946 ist es wiederholt Sally, der ein weiteres Problem anspricht, das ihn immer wieder beschäftigt, wenn er schreibt: "Hier sind große Streiks, und ist besonders die Schifffahrt sehr gehemmt und das Leben hier ebenfalls sehr gehemmt. Es ist sehr schwer, Lebensmittel zu bekommen, Fleisch überhaupt nicht, wohl Geflügel, aber rasend teuer. Im Anfang, als wir hier waren, kostete ein geschlachtetes Huhn 16-18 Cents das Pfund... (fehlt) [ vermutlich die Preise sind so ] in die Höhe gegangen." Schon im September schreibt Sally über einen Streik der Schifffahrt und in diesem Zusammenhang auch davon, dass "Rindfleisch [...] nicht zu bekommen [war], bloß Geflügel zu furchtbar hohen Preisen." Sicherlich wäre es falsch, die wirtschaftliche Situation der USA in der ersten Nachkriegszeit und auch in den folgenden Jahren als negativ zu bezeichnen. Schließlich entwickelte sich das Land in recht kurzer Zeit zu einer Wohlstandsnation und - was vielleicht noch wichtiger war- zu einer Nation, die das weltpolitische Geschehen in der Nachkriegszeit dominierte. Dennoch hatte offensichtlich auch die amerikanische Bevölkerung zunächst mit wirtschaftlichen Unsicherheiten zu kämpfen, die sich in diesem Fall, bedingt durch den Streik der Schifffahhrt, in Problemen bei Im- und Export äußerten.

Besonders weil Louis zu seinem Sohn Willy nach Palästina ziehen möchte, bildet auch die Beschäftigung mit den Ausreisemöglichkeiten einen großen Themenbereich innerhalb der Briefe. Schon in seinem ersten Brief an seinen Vater vom 21.08.1945 spricht Willy dieses Thema an und schreibt: "Glaube mir, wir alle hier haben nichts unversäumt gelassen, Dich zu uns zu bringen. [...] Jetzt aber lege ich mich von Neuem ins Zeug und muss es mir bald gelingen, Dich zu mir zu holen, auf dass Du, mein guter Vater, noch viele Jahre im Kreis Deiner Kinder und Enkel verbringen sollst. Auch Du, lieber Vater, lasse von Dir aus nichts unversucht, und lasse Dir niemals einreden, dass man nur von hier aus die Einreise erledigen kann." In der ersten Zeit scheint die ganze Familie noch relativ zuversichtlich zu sein, dass Louis' Ausreise bald möglich sein wird. Schnell wird jedoch deutlich, dass die erhoffte Einreise nach Palästina nicht so schnell wie gehofft passieren wird. Besonders Sally empört sich über diese Entwicklung und schreibt Louis am 26.05.1946: "Glaube mir sicher, dass wir empört sind, dass die Engländer unseres Präsidenten Vorschlag, 100.000 Juden sofort nach Palästina einwandern zu lassen, und den Bericht der großen Kommission, nun zu sabotieren trachten, aber es muss gelingen und es gelingt, es wäre doch undenkbar, Euch armen Menschen, die ein so furchtbares Leben hinter sich haben, noch die letzte Sehnsucht zu rauben, es wäre unmenschlich." Tatsächlich ergaben sich für viele Juden, die nach Palästina ausreisen wollten, Probleme durch die Briten, die bereits am 25.04.1920 das Palästina-Mandat erhielten. Primäres Ziel der Briten sollte hier die Einhaltung der Belafour-Deklaration von 1917 sein, die vorsah, "eine nationale Heimstätte des jüdischen Volkes zu errichten." Konkret bedeutete dies, dass die Einwanderung von Juden auf palästinensisches Gebiet ermöglicht werden sollte, und dass eben diese Einwanderer geschlossen angesiedelt werden sollten. Besonders, weil es für die ebenfalls in Palästina ansässigen Arabar keine vergleichbaren Schutzmaßnahmen gab, kam es in der Folge zu Aufständen. Zu jüdischen Aufständen kam es schließlich durch das Weißbuch von 1939. Die britische Regierung sah darin vor, Palästina nicht zu teilen, sondern es unter eine gemeinschaftliche jüdisch-arabische Regierung zu stellen. Der Protest von Seiten der jüdischen Bevölkerung kam auf, weil das Weißbuch die Einwanderung von Juden nach Palästina einschränkte und den Kauf von Land erschwerte. Bis 1944 sah das Weißbuch die Einwanderung von 75.000 Juden vor. Nach der Frist sollte diese nur noch mit Zustimmung der Araber möglich sein. Tatsächlich wurde das politische Vorgehen der Briten jedoch noch bis 1947- und letztlich bis zur Aufgabe des Mandats, durch das Weißbuch bestimmt. Zu dem von Sally beschriebenen Vorschlag, 100.000 Juden nach Palästina ausreisen zu lassen, kam es schließlich im April 1946. Um die Palästinafrage-, und damit verbunden die Frage der Einwanderung, abschließend zu klären, wurde ein Komitee aus britischen und amerikanischen Repräsentanten gegründet, das eine Lösung für das Problem finden wollte. Neben der oben genannten Einwanderung schlug das Komitee schließlich vor, dass die Beschränkungen des Landkaufs für Juden zurückgenommen werden sollten. Beide Vorschläge lehnte die britische Regierung letztlich ab. Unter diesen Voraussetzungen ist auch Louis Rosenbergs Ausreise schließlich bis 1947 nicht möglich. Zwar arbeitet sein Sohn Willy mit unterschiedlichen Anwälten zusammen, um Louis nach Palästina kommen zu lassen, er bleibt jedoch erfolglos.

Abschließend muss festgehalten werden, dass die Briefe an Louis natürlich ein individuelles Familienschicksal beschreiben. Dennoch können die Probleme, die die Familie thematisiert, aber auch die Sorge um noch verschwundene Familienmitglieder und letztlich Trauer und Wut durch persönliche Verluste, bis zu einem gewissen Punkt sicherlich als repräsentativ für zahlreiche Opfer des Nationalsozialismus gesehen werden. Die hinterlassenen Briefe stellen damit letztlich auf vielen Ebenen ein wichtiges Dokument dar. Sie beleuchten sowohl, wie speziell Familie Rosenberg mit dem Nationalsozialismus und allen damit verbundenen Folgen umgegangen ist und versucht hat, ihren Alltag wieder herzustellen. Sie stellen aber auch - besonders durch Informationen über Bekannte, die mit ähnlichen Schicksalen fertig werden mussten - in aller Deutlichkeit heraus, mit welchen Ängsten und Problemen zahlreiche Opfer des Nationalsozialismus in der Nachkriegszeit zu kämpfen hatten.
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