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Nils Knäpper
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Zwischen Berg und Tal: Geschichte der Charlottenhütte während des 2. Weltkrieges und der Nachkriegszeit

Über die Anfänge und Bedeutung der Charlottenhütte vor dem 2. Weltkrieg
„Im Namen des Königs“ - diese Worte leiten die Konzessionsurkunde ein, die es dem Unternehmer Adolph Kreutz am 14. März 1856 erlaubt, auf den Grundstücken 592, 593 und 594, Flur A in Niederschelden eine Eisenhütte zu erbauen. Der Name der geplanten Anlage: Charlottenhütte - ein Name, der noch von enormer Bedeutung für die Industriekultur im Siegerland werden soll. Das liegt nicht zuletzt an der hervorragenden Logistik. Die Anbindung an die 1861 eingeweihte Ruhr-Sieg-Bahn ermöglicht von Beginn an einen hohen Produktionsausstoß und damit verbunden ein rasches Wachstum des Betriebs: Drei Jahre nachdem das erste Metall verhüttet worden war, geht 1867 der zweite Hochofen in Betrieb. Wie maßgeblich dieser anfängliche Erfolg die Region prägt, lässt sich erahnen, wenn man einen Blick auf das gesamte Hüttenwesen in der Region wirft. Innerhalb von neun Jahren entstehen neun weitere Hütten - darunter ebenso bedeutsame Betriebe wie die Eiserfelder Hütte oder die Bremer Hütte in Geisweid. Von ihrer Erbauung 1863 bis zur endgültigen Stilllegung 1981 durchläuft die Charlottenhütte Höhen und Tiefen, sieht sich mit Inflation, Arbeiterbewegung und Rohstoffmangel konfrontiert und schafft es dennoch, ihre Rolle als einer der wichtigsten Industriestandorte der Region zu bewahren. Im Folgenden soll skizziert werden, wie es zum Ende dieser bedeutenden Anlage kam, wobei der Fokus auf die Zeit ab 1939 bis zum endgültigen Aus in den 80er Jahren liegt.

Die Hütte während des 2. Weltkrieges
Wie bei vielen Recherchen, die in die NS-Zeit fallen, ergibt sich das Problem, dass das Auffinden von Dokumenten und Quellen bisweilen schwierig bis unmöglich ist. Und so ist auch die Geschichte der Charlottenhütte während des Zweiten Weltkrieges - im Vergleich zur sonstigen Historie - ausgesprochen knapp dokumentiert.
Kriegsbedingt kommt es ab 1939 zu einer Umstrukturierung in der Charlottenhütte. Um den Bedürfnissen des Deutschen Reichs nachzukommen, stellt das Werk in den ersten beiden Kriegsjahren seine Produktion von Roh- auf Qualitäts- und Edelstahl um. Zu diesem Zweck werden das Hammerwerk und die mechanische Werkstätte mit entsprechenden Vergüteanlagen ausgestattet. 1942 erfolgt eine erneute Umstrukturierung: Im Rahmen der Rationalisierungsmaßnahmen wird das Grobblechwalzwerk der Hütte stillgelegt. Dessen Produktionsquote geht stattdessen an das Werk Thyssen in Mühlheim. Während der Übergangszeit werden in Niederschelden zwar noch die erforderlichen Rohbrammen gegossen, anschließend aber nach Mühlheim verfrachtet.
Der Zweite Weltkrieg bringt allerdings nicht nur produktionstechnisch sondern auch innerhalb der Belegschaft Änderungen mit sich. Da alle wehrpflichtigen und wehrfähigen männlichen Betriebsangehörigen zum Kriegsdienst eingezogen werden, müssen die „freigemachten“ Arbeitsplätze anderweitig besetzt werden. Fortan bedienen Frauen die Kräne und leisten sonstige körperlich weniger anstrengende Tätigkeiten. Das reicht aber nicht aus, sodass vor allem Kriegsgefangene und Fremdarbeiter zum Einsatz kommen. Unter den mehr als 900 Zwangsarbeitern befinden sich Tschechen, Franzosen, Belgier und Holländer. Fast die Hälfte der Zwangsarbeiter sind Kriegsgefangene aus der Sowjetunion. Auf engstem Raum zusammengepfercht, fristen die Arbeiter die wenige arbeitsfreie Zeit in einem Gefangenenlager unweit der Charlottenhütte. Neben den willkürlichen Schikanen der Aufseher leiden die Arbeiter außerdem unter Mangelernährung. Mit Anhalten des Krieges werden die Rationen bis auf 200 Gramm Brot am Tag verringert. Die Erlösung folgt erst im April 1945, als die zurückfallende Wehrmacht sämtliche über die Sieg führenden Werksbrücken sprengt. Daraufhin bricht die Versorgung der Hütte mit Energie und Rohstoffen zusammen und die Produktion kommt das erste Mal seit einem Belegschaftsstreik im Jahre 1921 zum Erliegen. Der damalige Leiter des Konzerns, Friedrich Flick, wird im Rahmen der Nürnberger Prozesse wegen der Ausbeutung Tausender Fremdarbeiter und Kriegsgefangener - nicht nur in der Charlottenhütte - angeklagt und zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Nachkriegszeit: die geteilte Hütte
Mit der Aufteilung Deutschlands in verschiedene Besatzungszonen wechselt auch die Hütte ihren Besitzer - in zweierlei Hinsicht. Die Grenze zwischen den britischen und den französischen Zonen verläuft nämlich mitten durch das Werk, und so fällt der Bereich des Hochofens in britische Hand, während die Stahl- und Walzwerke fortan von der französischen Seite verwaltet werden. Diese Teilung soll die Geschichte der Hütte über Jahre beeinflussen. Während die französischen Mächte einer allmählichen Inbetriebnahme der Werke zur Herstellung von Blechbearbeitungsmaschinen für Handwerksbetriebe, Herdplatten, Heißöfen und ähnlichen Kleingeräten zustimmen, lehnen die Briten jedwede Maßnahme zur Inbetriebnahme ihrer Hochöfen ab. Vielmehr noch: Die Siegermacht beabsichtigt die Demontage der noch vorhandenen Öfen, einem Großteil der Belegschaft droht damit der Verlust des Arbeitsplatzes. In der Tat ist die Charlottenhütte von solch enormer Bedeutung, dass die Gemeinden Niederschelden und Niederschelderhütte ihre Existenzgrundlage gefährdet sehen. Eine Gefahr, die der Vorstand der nach dem Krieg gegründeten Hüttenwerke Siegerland AG nicht hinnehmen will. Durch zahlreiche Denkschriften und Anträge an wichtige staatliche Stellen, kommunale Behörden und Wirtschaftsinstitute macht der Verband auf die Bedeutung des Werks für die Industrieregion aufmerksam. Vergeblich: Im Oktober 1947 erscheint eine Liste der zur Demontage bestimmten Industriebetriebe in den amerikanischen und britischen Zonen, auf der auch die Charlottenhütte vertreten ist. Einen Monat später wird eine entsprechende Liste seitens der Franzosen veröffentlicht, die ebenfalls die Hütte in Niederschelden aufführt. Bis zum Beginn der Abrissarbeiten soll der Betrieb allerdings weiterlaufen. Einen Hoffnungsschimmer bietet der Marshall-Plan, der 1948 dem Verwalter Hoffmann den Auftrag erteilt, die Demontagelisten zu überprüfen. Eine entsprechende Kommission besichtigt am Ende desselben Jahres das Werk, um sich ein Bild vom Zustand der Anlage zu machen und dann eine Entscheidung über deren Zukunft zu fällen.
Das Aufkeimen dieser Hoffnung auf eine Rettung der Hütte findet ein jähes Ende, als im März 1949 die britische Militärregierung den Auftrag erteilt, mit dem sofortigen Abriss der Hochöfen zu beginnen. Die ersten von dieser Maßnahme betroffenen Gerätschaften sind Gasometer, Rohrleitungen, Teile der Gasreinigung und Gebläsemaschinen. Doch der um sich greifende Demokratisierungsprozess trägt erste Früchte: Die Wahl des ersten Deutschen Bundestages bewirkt, dass die Entscheidungsgewalt über den Verbleib der Anlage nun nicht mehr alleine bei den Siegermächten liegt. Im letzten Moment gelingt es, einen Demontagestopp zu erreichen, sodass die Hochöfen von einem Abriss vorerst verschont sind. Auch auf französischer Seite lenkt man ein: Mit Einverständnis der Franzosen erteilt die Regierung Rheinland-Pfalz die Erlaubnis zur vollständigen Reaktivierung des Stahlwerkes. Das Tauziehen um die Charlottenhütte findet ein endgültiges Ende, als die alliierte Seite im Zuge des Petersberg-Abkommens 1950 erklärt, das Werk ohne Vorbehalt von der Demontageliste zu streichen.

Wirtschaftsaufschwung und Niedergang der Hütte
Im Zuge des Wiederaufbaus in Deutschland erfährt auch die Charlottenhütte einen strukturellen Wandel. So werden im April 1951 das Ringwalzwerk und das Hammerwerk abgerissen, um Platz für die sogenannte Platinenstraße zu schaffen, die fortan für die Herstellung von Feinblech genutzt wird. Auch logistisch wird das Werk ausgebaut: Eine Drehscheibe für Lokomotiven soll für bessere Transportmöglichkeiten zwischen Hochofen und Stahlwerk sorgen und befördert zugleich eine Wiederzusammenführung der beiden getrennten Werksteile. Im März 1952 ist es dann endlich soweit: Beide Hochöfen nehmen ihre Produktion wieder auf, sodass das Werk zum ersten Mal seit Kriegsende wieder in seiner Gesamtheit in Betrieb ist.
In den kommenden Jahren kann der Betrieb als Paradebeispiel des Wirtschaftsbooms gesehen werden. Die immer größer werdende Produktion ermöglicht und bedingt eine Ausweitung des Werkgeländes um 8000 qm, Bürogebäude werden angebaut und für die stetig wachsende Zahl von Arbeitern und Angestellten werden mehrere Wohnsiedlungen in der Umgebung geschaffen. Bis in die Mitte der 60er Jahre hinein vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht etwas am Werk modernisiert, ausgebaut oder verändert wird.
Erst 1964 deuten erste Anzeichen auf den Niedergang der Charlottenhütte hin. Durch die Strukturveränderungen in der deutschen Eisenindustrie, insbesondere auch im Siegerland, plant man im Werk Niederschelden die Produktion anzupassen. Das betrifft vor allem das Hochofenwerk: Die Versorgung des Werks mit Roheisen erfolgt fortan aus Dortmund, da hier bedeutend preisgünstiger produziert werden kann. Das hat zur Folge, dass im Dezember 1966 die Hochöfen endgültig stillgelegt werden. Diese Umstrukturierung hat natürlich auch Auswirkungen auf die Belegschaft. Waren 1960 noch 1900 Menschen im Werk beschäftigt, verringerte sich diese Zahl bis 1968 auf 1018. Obwohl die Produktion im Stahlwerk weitergeführt wird, leidet das Werk zunehmend unter der mangelnden Konkurrenzfähigkeit, die durch das Beharren auf der veralteten Technik der Siemens-Martin-Öfen verursacht wird. Der Todesstoß für die Charlottenhütte erfolgt mit einem Investitionsbeschluss des Aufsichtsrates der Friedrich-Krupp-Hüttenwerke AG in Bochum 1979, der vorsieht, das Stahlwerk Rheinhausen auszubauen. Hier soll in Zukunft mit modernster Technik Stahl erzeugt werden, mit dem das Werk in Niederschelden aufgrund des technischen Stillstands nicht mehr mithalten kann. Bis 1980 wird die Produktionsrate der SM-Öfen immer weiter heruntergefahren, mehr als 100 Mitarbeiter verlieren in diesem Jahr ihre Existenzgrundlage. Am 20. März 1981 endet die Dynastie der Hütte: Zum letzten Mal läuft die Charge mit der Nr. 150 737 aus dem einzigen verbliebenen SM-Ofen. Das Ende des Stahlwerks markiert auch das Ende der Charlottenhütte wie sie bis dahin bekannt war. Die aus 762 Männern und Frauen bestehende Belegschaft verliert ihre Anstellung, ein Teil erhält allerdings neue Arbeit im Stahlwerk in Geisweid.
Die Zeit der Charlottenhütte ist somit vorüber, der Standort jedoch wird immer noch von verschiedenen Firmen genutzt. Auf dem ehemaligen Werksgelände befinden sich heute ein Gewerbepark und eine Recyclinganlage.

Rohbramme: Als Rohbramme (oder einfach Bramme) bezeichnet man einen langen Block aus gegossenem Metall. Die Brammen werden später zu Blechen weiterverarbeitet und stellen somit einen Zwischenschritt in der Stahlproduktion dar.

Siemens-Martin-Ofen: Ein Siemens-Martin-Ofen ist ein technisches Gerät zur Herstellung von Stahl. Dabei wird Roheisen geschmolzen, sodass Verunreinigungen wie Kohlenstoff oxidieren und gasförmig vom Metall getrennt oder als auf der flüssigen Schicht treibende Schlacke abgeschöpft werden können. Dieses Verfahren wurde später abgelöst vom Sauerstoffblasverfahren abgelöst, welches sich als effizienter herausstellte.




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